Sonntag, Juli 01, 2018

Marens Journal - KW 26


Jeden Tag erlebe ich Neues, begegne Menschen, führe Gespräche, denke nach. Und so vieles davon vergesse ich wieder. Erinnerungen sind trügerisch. Jedes Ereignis wird nicht nur durch meine Wahrnehmung gefärbt, sondern auch durch jedes einzelne Erinnern weiter verzerrt. Es gibt Erinnerungen, bei denen ich mir nicht mal sicher bin, ob sie überhaupt auf einem tatsächlich Erlebnis basieren oder ob sich mein Gehirn vielleicht einfach etwas zusammengesponnen hat. Jeden Tag gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf, so viele Erinnerungen an zurückliegende Erlebnisse. Manche sind so klar, dass ich sie wie einen Film vor meinem inneren Auge abspielen kann, andere blitzen nur kurz auf und sind schon wieder verschwunden, noch bevor ich sie zu fassen bekomme.  Mit diesem Format möchte ich meinen Blog als Journal nutzen, als eine Art Sammelstelle für meine Gedanken, für die Erinnerungen an Begegnungen und Erlebnisse.

Dienstag, 26.06.2018

Vor der Wohnung fließt ein kleines Flüsschen. Manchmal lege ich mich mit einer Decke auf die anliegende Wiese, lese ein Buch und lausche dem leisen Plätschern. Das ist schön. Etwas ärgerlich dagegen sind die vielen Mücken, die sich ursprünglich mal dort unten am Wasser, nun aber in meiner Wohnung aufhalten. Trotz Autan, Mückengitter und diverser Totschlaginstrumente in der Nähe meines Bettes wache ich morgens meist mit einer ganzen Reihe neuer Stiche auf. Es gibt kein Körperteil, vor dem die kleinen Insekten Halt machen. Ob am Ohr, auf dem Augenlid, unterm Fuß oder am Bauch – sie lieben den delikaten Geschmack meines Blutes. Wenn ich nachts das penetrante Summen der Mücken an meinem Ohr höre (Mal ehrlich: Warum brauchen sie so lange, um sich für eine passende Körperstelle für ihren Stich zu entscheiden? Scheinbar schmecke ich doch überall.), schalte ich schnell das Licht ein und entdecke die Blutsauger häufig an der Wand direkt über meinem Kopf. Leider erwische ich sie beim Zuschlagen selten beim ersten Versuch. Und darum habe ich mir den kleinen Handstaubsauger bereitgelegt. Mit ihm sauge ich die Tierchen einfach weg und kann ruhig weiterschlafen. Bis zur heutigen Nacht. Ich hatte schon vier Mücken erledigt, unzählige Stiche eingecremt und hörte trotzdem das unverwechselbare Summen einer letzten Überlebenden im Raum. Rasch schaltete ich das Licht ein, griff zum Sauger und ließ meine Augen über die Wand gleiten. Da! Direkt über meinem Kopf sah ich das kleine Insekt. Geistesgegenwärtig schaltete ich auf den Powerknopf und hielt das Gerät auf das Tier. Doch es trotzte dem starken Sog und flatterte davon. Irritiert schaute ich mich um. Sie hatte sich an die Decke gesetzt. Ich stieg aufs Bett und startete einen neuen Versuch. Doch wieder flog die Mücke einfach davon. Als wäre nichts. Dann war sie verschwunden und ich fand sie einfach nicht mehr wieder. Völlig genervt legte ich mich wieder hin. Was war mit dieser Mücke? Warum war sie so stark? Trainierte sie? Ich musste mir vorstellen, wie sie sich im Fitnessstudio auf eine Hantelbank legt und Gewichte stemmt. Anschließend geht sie hinüber zur Stange und macht einige Klimmzüge, bevor sie zu den Situps übergeht. Ihr Sixpack zeichnet sich unter dem weißen Unterhemd ab. Und während ich mir eine Mücke mit kleinen Muckibeulen an den Ärmchen vorstellte, verkochte meine Wut und ich schlief ein.
Um am nächsten Morgen mit drei weiteren Stichen am großen Zeh aufzuwachen.


Donnerstag 28.06.2018

Manchmal habe ich sehr alltägliche Träume. Da frühstücke ich, putze mir die Zähne oder dusche. Wenn ich morgens aufwache, bin ich ganz enttäuscht, dass ich das alles noch vor mir habe (Gut, außer das mit dem Frühstück. Das ist gut.). Heute hatte ich wieder so einen Traum. Ich hatte meine Haare geföhnt und wollte sie noch in Form bringen. Dazu zündete ich eine Kerze und ließ mir das flüssige Wachs in die Hand fließen. Schnell rieb ich meine Handflächen aneinander und strich mir anschließend das schon fast hart gewordene Wachs durch die Haare. Sie saßen perfekt. Plötzlich wunderte ich mich darüber, dass ich Kerzenwachs benutzt hatte. Das hatte ich noch nie getan. Aber dann fiel mir ein, dass die weiße Paste aus dem Drogeriemarkt ja auch Wachs hieß. Wahrscheinlich kam der Name ursprünglich vom Kerzenwachs. Das schien mir nur logisch.

Freitag 29.06.2018

Als Kind war ich häufig im Freibad. In der Nähe gab es eins mit Sprungbecken und Wellenbad. Alle halbe Stunde wurde im Becken ein Sturm simuliert, der die einen zu vergnügtem Quietschen animierte, die anderen hustend und mit hochroten Gesichtern, weil sie zu viel Wasser verschluckt hatten, die Leitern hochklettern ließ. Ich liebte die Wellen und ich liebte diese Sommer-Samstage im Schwimmbad. Nur eine Sache hätte diese Zeit noch perfekter machen können: Freibad-Pommes. Wie jedes anständige Freibad hatte auch dieses eine eigene Pommesbude. Um uns herum liefen alle Kinder zur Mittagszeit Richtung Büdchen und kamen mit einer Schale dampfender Kartoffelstäbchen zurück. Voller Neid beobachtete ich die Jungen und Mädchen, die die Pommes aßen, als wäre es nichts Besonderes. Als wäre es einfach eine ganz normale Mahlzeit. Während ich mir vorstellte, welch herrlichen, salzigen Geschmack diese Kinder gerade im Mund haben mussten, biss ich in mein eingepacktes Milchbrötchen.
Ich war seit vielen Jahren nicht mehr in einem Freibad. Und plötzlich – ich saß im Büro am Schreibtisch – hatte ich den Wunsch, schwimmen zu gehen. Das angenehme Rauschen aus Kindergeschrei, spritzendem Wasser und dem Trapsen kleiner Kinderfüße auf Gras zu hören und mich nach einer Abkühlung mit einem guten Krimi in den Schatten zu legen.

Und so fand ich mich Freitag bei strahlendem Sonnenschein im Freibad wieder. Und es war wie ich es mir vorgestellt hatte: Das Wasser war herrlich kühl, ich hörte Kindergeschrei (warum waren die eigentlich nicht in der Schule?), ein Schattenplatz war gefunden und selbst den Krimi hatte ich dabei. Und dann um 13 Uhr dachte ich „Jetzt hole ich mir eine Pommes.“ Es war ein spontaner Gedanke, er war einfach da. Und erst als ich vor der Bude stand, wurde mir klar, dass es das erste Mal sein würde, dass ich mir eine Pommes im Schwimmbad kaufen würde. Und die Verkäuferin schien sich ihrer Rolle in diesem für mich so besonderen Moment bewusst und benahm sich wie eine Pommesbudenfrau es in meiner kindlichen Vorstellung getan hätte. Als sie das Geld entgegennahm, sagte sie „Thank you very much für den Quatsch.“ und überreichte mir eine Schale mit duftenden goldgelb frittierten Pommes. Noch bevor ich in das erste Stäbchen biss, wusste ich: Das ist der Geschmack von Freiheit. Und dann kam die Erkenntnis: Von versalzener Freiheit.

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