Samstag, Dezember 30, 2017

Die Vegetarierin, die vom Schnitzel träumte


Nachts träume ich oft, dass ich in einen Burger beiße. Oder mir ein Stück Schnitzel abschneide. Dass ich eine vor Fett triefende Salamipizza verschlinge oder mich über einen Teller Spaghetti Bolognese hermache. Ich habe großen Appetit auf Fleisch und bin Vegetarierin.

In der 5. Klasse hatte ich eine Freundin, die kein Fleisch aß. Hat man sie gefragt, wieso, war ihre Antwort „Weil mir die Tiere leidtun“. Es war die Antwort eines Mädchens, das gerne reitet und später mal Tierärztin werden wollte. Das möglicherweise während seines Urlaubs auf dem Bauernhof Freundschaft mit einem Ferkel oder einer Pute geschlossen hat und es nicht hätte ertragen können, wenn sie geschlachtet worden wären. Möglicherweise war es eine impulsive Entscheidung, über die die Eltern schmunzelnd hinweggesehen und sich gedacht haben „Die Phase ist hoffentlich in zwei Monaten wieder vorbei“.

Fragt man mich, wieso ich kein Fleisch esse, ist meine Antwort „Weil mir die Tiere leidtun.“ Und ja: Das mag nicht sonderlich komplex klingen und vielleicht wirkt es auch naiv und zu gefühlsbetont. Aber die Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten, beruht auf dieser einfachen Begründung, die auch schon meine elfjährige Freundin geben konnte: Mir tun die Tiere leid.
Wenn ich sehe, wie eingepfercht die Schweine in ihren Ställen dahinvegetieren, wie sie mit Fressen und Medikamenten fettgefüttert werden, nur um anschließend zu sterben, dann breche ich wortwörtlich in Tränen aus. Ich ertrage keine Dokumentationen über Massentierhaltung, ich fang sogar schon an zu weinen, wenn in meiner Facebook-Timeline ein Foto von leidenden Kühen oder Hühnern auftaucht. Als vor einigen Monaten über das Zerschreddern von 50 Millionen männlicher Küken pro Jahr berichtet wurde, konnte ich tagelang keine Nachrichten mehr schauen. Dieses unfassbare Leid der Tiere überschreitet das Maß, das ich an Mitgefühl aufbringen kann. Ich halte es nicht aus. Weder mein Kopf noch mein Körper haben ein Ventil, durch das dieser Schmerz reguliert werden könnte. Es ist einfach zu viel. So gerne ich auch Fleisch esse, ich ertrage es nicht, dass mir mein Essen auf diese Weise zubereitet wird.

Es gibt diesen Witz „Woran erkennst du einen Veganer? – Er wird es dir auf jeden Fall erzählen“. Ich weiß nicht so genau, woher die Annahme stammt, dass Veganer allesamt überdurchschnittlich mitteilsam sind, aber tatsächlich bin ich in den letzten Jahren vielen Menschen begegnet, die über einen ihnen bekannten Vegetarier etwas Ähnliches sagen wie: „Ja, der isst kein Fleisch. Aber ich finde das gut bei ihm. Er behält das für sich und missioniert nicht.“

Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich allerdings manchmal gerne genau das tun: missionieren. Wenn im Fernsehen Beiträge laufen, in denen fettleibige Männer Wettessen veranstalten, bei denen „die größten Schnitzel der Welt" vertilgt werden müssen, sie diese Berge von Fleisch in sich reinpressen und sich kurz vorm Erbrechen selbst für diese erfolgreich absolvierte Völlerei feiern, und das Ganze nur, damit ein paar dumme Voyeure vor der Glotze halb ehrfürchtig, halb angeekelt denken „Wow, der kann aber viel essen!“ und ein „Daumen hoch“ für die Sendung geben, dann würde ich am liebsten die gesamte Filmcrew mitsamt den Zuschauern in eine der Hallen zerren, in denen die Schweine eingeengt und verdreckt von ihrem eigenen Kot auf ihren qualvollen Tod warten. 

Das ist natürlich ein extremes Beispiel und mir ist schon klar, dass nicht jeder Mensch bis zum Abwinken totes Tier in sich hineinstopft. Doch – und das hatte ich vorher irgendwie nicht auf dem Schirm – als Vegetarier trifft man auf jede Menge Unverständnis. Verwöhnt von den vielfältigen Alternativangeboten für Vegetarier in den Restaurants in der Nähe, musste ich feststellen, dass es in ländlichen Regionen und bei vielen älteren Menschen noch nicht angekommen zu sein, dass ein Leben ohne Fleisch möglich ist. Manchmal ist man sich nicht einmal sicher, was eigentlich Fleisch ist und was nicht. So wurden mir im Sommer beim Grillen Datteln im Speckmantel angeboten („Schau mal, das kannst du doch essen. Das sind Datteln!“) und vor Kurzem wurde ich gefragt: „Leberkäse ist in deinen Augen dann aber auch schon Fleisch, oder“, so als wären die Inhaltsstoffe eines Nahrungsmittels reine Auslegungssache. Und während diese Kommentare nur auf Unkenntnis schließen lassen (und ich mir nur schwer das Lachen verkneifen konnte), scheinen sich andere von meinem Verzicht auf Fleisch provoziert zu fühlen. Manchmal bekomme ich Vorwürfe zu hören wie „Wenn dir die Tiere so leidtun, darfst du aber auch keine Schokolade essen, bei der die Kakaobohnen von Kindern gepflückt wurden“. Ihrer Meinung nach zählt mein Verzicht auf Fleisch nicht, so lange ich noch irgendeine andere Sache tue, die moralisch verwerflich ist. Als ich einen Freund zum Frühstück eingeladen habe, musste ich mir eine leidenschaftliche Rede darüber anhören, wieso Vegetarier keine Fleischersatzprodukte essen dürfen. Das Fazit: „Wenn sie auf Fleisch verzichten wollen, dann sollen sie auch nichts essen dürfen, was wie Fleisch aussieht.“   

Und manchmal reicht auch schon ein kurzer Satz wie „Ohne Fleisch könnte ich nicht.“ oder „Der Mensch ist von Natur aus Fleischfresser“ und ich bin kurz davor nachzufragen, ob demjenigen bewusst ist, welchen Preis Lebewesen zahlen müssen, damit er am Mittag sein Steak auf dem Tisch hat. Und das möchte ich nicht fragen, weil ich davon ausgehe, dass ich meinem Gegenüber moralisch ach so überlegen bin (ich weiß, dass ich in meinem Leben an vielen anderen Stellen Schuld auf mich lade) oder weil ich gerne debattiere und lehrmeisterhaft daherrede. Nein! Ich würde es wirklich gerne wissen. Denn dass die Tiere, die auf unserem Teller landen, leiden müssen, ist kein Geheimnis. (Und ich spreche hier bewusst von Tieren aus Massentierhaltung - also vom Großteil des Fleisches, das wir in den Supermärkten bekommen. Mir ist durchaus bewusst, dass es auch andere Möglichkeiten gibt.) Ich würde gerne fragen, ob die Menschen kein Mitgefühl für Tiere haben? Ob Tiere für sie niedere Lebewesen sind und wir sie darum so behandeln dürfen? Ist die Art, wie wir mit Tieren umgehen, einfach der Preis, der gezahlt werden muss, um die Gesellschaft mit Fleisch zu versorgen? Ist mein Mitleid vielleicht völlig übertrieben?

Aber dann halte ich doch den Mund, weil mir klar wird, dass all diese Fragen wertend, ja, anklagend klingen, als wolle ich anderen mit meinen Gutmenschen-Gedanken die Laune vermiesen. Ich schaffe es einfach nicht, diesen Fragen den Suggestiv-Charakter zu nehmen. Denn so verbreitet die Frage „Wieso isst du kein Fleisch ist?“ auch ist, so merkwürdig mutet die Frage „Und warum isst du Fleisch?“ an. Denn sie scheint gleich einen Vorwurf zu implizieren. Und ich bekomme das Gefühl, dass ich das nur fragen darf, wenn ich selbst ein einwandfreies Leben führe, wenn in meinem Kleiderschrank keine Klamotten mehr hängen, die von ausgebeuteten Näherinnen hergestellt wurden, und ich nie wieder Kaffee trinke, der nicht nachweislich Fair Trade ist.
Dabei meine ich diese Frage tatsächlich wertfrei: „Warum isst du Fleisch?“ Kein Vorwurf. Nur eine Frage.

Kommentare:

Karin L. hat gesagt…

Hach, dein Beitrag spricht mir ein wenig aus der Seele (Wobei ich öfters mal geträumt habe, dass ich ausversehen Fleisch gegessen habe und dann in Tränen ausgebrochen bin)! Bin auch seit etwa der ersten Klasse Vegetarierin. Damals besuchten wir meine Großeltern, die einen Bauernhof haben und uns eine Suppe machen wollten - Hühnersuppe. Als kleines Kind versteht man noch gar nicht, was das überhaupt heißt, weil ja die Zutaten in der Suppe keinem Tier gleichen. Als ich dann aber genau in dem Moment zur Tür reinkam, als meine Oma dem Tier den Kopf abgeschnitten hatte, war es für mich einfach zu viel.

Seit dem Moment esse ich kein Fleisch, "weil mir die Tiere leid tun", aber auch weil es mir einfach nicht schmeckt. Es schmeckt mir nicht, weil mich das Verhalten der Menschen so abstößt. Und diesen Kommentar "Menschen sind nunmal Fleischfresser" den muss man auch nicht hundert Billionen von Jahren als Ausrede verwenden um ÜBERMÄßIGEN Fleischkonsum zu rechtfertigen, bei dem Tiere leiden. Die Hälfte des Fleisches der im Supermarkt liegt, wird doch am Ende des Tages sogar noch weggeworfen, weil man die Masse an Essen gar nicht schaffen kann (auch bedenklich: wieviel hier weggeworfen wird und in anderen Teilen der Welt andere Menschen vor Hunger sterben).

Und bei solchen "Events", wie du geschrieben hast, diese Wettessen mit den ganzen Fleischbergen, da kann ich einfach nicht glauben, dass das gar keine Fragen bei den Menschen aufwirft, dass sowas nicht verboten wird...
Aber wie gesagt, den meisten ist gar nicht bewusst, was Tiere dafür durchmachen müssen, weil sie nur das fertig pannierte Ding vor sich sehen und den anderen ist es schlichtweg egal.
Die ganzen Kommentare dann auf "Grillfesten", wenn mann dann mit seinem Gemüse antanzt, kann man auch schon auswendig. Und ich kann auch einfach nicht verstehen, warum Menschen sich dann noch einen Spaß daraus machen und versuchen einem Fleisch 'unterzujubeln'. Das ist einfach rücksichtslos und wenn man so etwas macht, wunder ich mich nicht, dass man sich auch nicht für die Tiere interessiert.

Natürlich gibt es auch viele, die sich mittlerweile fragen, was sie da überhaupt essen und sie versuchen auch darauf zu achten wenigstens etwas weniger Fleisch zu essen oder zumindest 'besseres' Fleisch zu kaufen, aber ich glaube das Bewusstsein der Menschen ist noch nicht so weit, um Tiere als denkende und fühlende Wesen anzuerkennen. Zeigt ja auch selbst das Gesetzt, da Haustiere sogar nur als 'Gegenstand' angesehen werden.

Was deine letzten Fragen betrifft, finde ich, sollten sich die Menschen generell nicht ständig so gegeneinander aufhetzen. Der Versuch, jemanden zu 'belehren' was die Fleischproduktion angeht, geht meistens schief, weil sich jeder direkt angegriffen fühlt und dann kommen eben direkt diese Giftpfeile zurück: "Ja, aber du müsstest dann auf alles verzichten". Der Gedankenansatz, dass man sagt: "Schön, dass man wenigstens den ersten Schritt macht" wird eher verworfen. Bin aber gespannt, wie sich das mit den Jahren noch entwickeln wird. : )



Liebe Grüße
Karin

Marens Langeweile hat gesagt…

Vielen Dank für deine ausführliche Antwort! :-) Ich kann dir wirklich nur zustimmen.

Ich weiß zwar, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, was sie da auf dem Teller liegen haben, aber manchmal denke ich, dass sie es einfach auch nicht wissen wollen. Denn eigentlich kann man kaum an den vielen Bildern leidender Tiere und Reportagen über Massentierhaltung vorbei kommen. Das Thema ist präsent. Aber man schaut eben weg.