Montag, September 12, 2016

Hoch die Tassen


In den letzten Jahren bin ich einem Irrtum erlegen. 

Meinen ersten Blogeintrag schrieb ich 2005. Einfach so. Mein Bruder hatte einen Blog, ich fand's super und legte kurzerhand selbst einen an. Ich nannte ihn "Marens Langeweile", weil ich an diesem Abend nichts zu tun und tatsächlich Langeweile hatte. 
Ich habe vorher nicht recherchiert, welche Themen interessant sein könnten, mir keine anderen Seiten angeschaut, Blogspot nicht mit Wordpress verglichen, oder ein redaktionelles Konzept erstellt. Ich war froh, als ich herausgefunden habe, wie ich ein Headerbild einfügen und ein Profilfoto hochladen konnte, und tippte drauf los. Direkt ins Textfeld rein. Ich kümmerte mich nicht um Rechtschreibfehler und auch nicht um Besucherzahlen. Ich wusste nicht mal, dass ich mir die anschauen konnte.

Ich war zufrieden.

Doch dann wurden Blogs immer populärer. Und professioneller. Egal ob Mode, Lifestyle, DIY, Technik, Literatur oder Musik - für jedes noch so nischige Thema gab es den passenden Blog. Die Betreiber erstellten zusätzliche Fanpages auf den Social-Media-Kanälen, bewarben ihre Posts, gewannen immer mehr Follower und verdienten teilweise sogar Geld mit ihren Beiträgen. Und ich stand da und konnte auf die Frage "Ach, du hast einen Blog, worum geht es denn da?" nur stammelnd antworten:  "Ja, also ... äh ... ich schreibe Texte ... ähm ... hast Du auch so Lust auf einen Kaffee?"

Ich schaute mir Einrichtungs-Blogs an und dachte "Wow, solche Bilder musst Du auch schießen!", nur um kurz darauf festzustellen, dass sich weder meine Wohnung noch meine Möbel dafür eigneten. Ich überlegte mir, dass ein Expertenblog nicht schlecht wäre, damit hätte ich ein Alleinstellungsmerkmal, könnte hilfreiche Insidertipps geben, doch blöderweise war ich auf keinem Gebiet Experte. Auch einen Modeblog zu haben stellte mich mir toll vor. Einfach Jeans und T-Shirt überziehen, das Ensemble mit einem großen schwarzen Hut abrunden, und ab in ein einsames Wohngebiet, in dem bevorzugt ein verlassener Wohnwagen steht, der, verfallen und schäbig, den perfekten Kontrast zu meinem feschen Outfit bietet. Leider interessierte mich das Thema nicht sonderlich. Genauso wenig wie Kochen, Backen, Basteln oder Sport.

Für meine Texte interessierte sich wiederum auch niemand. Die Blogstatistik (die ich dann doch entdeckte) bestätigte meinen Verdacht: Meine schriftlichen Ergüsse waren nicht der Bringer. Ich war weder die gefeierte Nachwuchsliteratin, die mit ihren geistreichen Texten wahre Begeisterungsstürme lostreten konnte, noch konnte ich die Massen als umwerfendes Hipstermädchen verzaubern, das nur eine Kugel Eis fotografieren musste, um alle Besucherrekorde zu knacken. Ich probierte hier und da etwas Neues, orientierte mich dabei an anderen Bloggern, experimentierte mit dem Layout und Fotos, und ließ es am Ende einfach bleiben. Niemand zwang mich dazu, einen Blog zu pflegen. Warum also sollte ich mir diesen Stress machen? Ich glaubte, mein Blog habe keine Daseinsberechtigung, weil er nicht so bunt und abwechslungsreich war, weil er nicht diese Lebensfreude und Abenteuerlust ausstrahlte wie die Blogs, die sich die Leute gerne anschauten.

Ich erlag dem Irrtum, dass ein Blog nur dann Sinn macht, wenn er erfolgreich ist.

(Und zu allem Überfluss sage ich immer "der" Blog, während in allen Fachbüchern "das" Blog steht. Schon das allein zeigt, dass hier eine Dilettantin am Werk ist. Doch nach so vielen Jahren kann ich es mir nicht mehr umgewöhnen. Es ist, als würde jemand "die Internet" sagen. Es klingt einfach falsch.)

Doch ich musste feststellen, dass ich "Marens Langeweile" vermisse. Der Blog war für mich wie ein Sammelalbum, in dem ich Bilder von alltäglichen Begebenheiten aufbewahrte. Ich vermisse es, Posts zu schreiben. Einen einzelnen Satz immer wieder umzuformulieren und umzustellen bis er mit gefällt.

Und darum bin ich zurück. 11 Jahre nach meinem ersten Post erwecke ich "Marens Langeweile" wieder zum Leben (Oh Gott, war das jetzt blasphemisch?) - und dass ich mich damit in guter Gesellschaft befinde, beweisen die Beginner, Britney Spears und Jeopardy!, die ebenfalls 2016 ihr Comeback feiern.


Also: Hoch die Tassen und auf einen neuen Post! Skål!

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