Donnerstag, November 06, 2014

Der beste Roman des Jahres


Pünktlich zum ersten September - als die Jury des Deutschen Buchpreises 14 Titel von der Longlist strich, mit ihrer Wahl einen Streit über die Benachteiligung der Frauen im deutschen Literaturbetrieb entfachte und Diskussionen über die Vorhersehbarkeit des Gewinnertitels und das Fehlen, ach, so wichtiger Titel über sich ergehen lassen musste - erschien Edward St. Aubyns neuer Roman mit dem vielversprechenden Titel "Der beste Roman des Jahres". 

Ein Buch, das sich ganz anders als die fünf Romane aus der autobiografischen "Melrose"-Reihe nicht mit dem englischen Hochadel, sexuellem Missbrauch und Drogenkonsum beschäftigt, sondern sich ganz dem britischen Literaturbetrieb widmet. Mit einer der renommiertesten Literaturauszeichnungen der Welt, dem Elysia-Preis, soll der beste Roman des Jahres prämiert werden.
Die Entscheidung soll eine fünfköpfige Jury fällen, die aus einem Politiker als Vorsitzenden, einer Literaturhistorikerin, einer Kolumnistin, einem Schauspieler und einer Krimiautorin besteht. Keiner der Auserkorenen hat ein tieferes Interesse an den literarischen Erzeugnissen der Gegenwartsautoren. Sie alle verfolgen ihre eigenen Ziele und versuchen, den größtmöglichen Nutzen aus der Angelegenheit zu ziehen. Von den eingereichten Büchern wird kaum eine Zeile gelesen und so ist sogar ein versehentlich eingereichtes indisches Kochbuch im Rennen um den begehrten Preis dabei.  
Der Gedanke liegt nahe: Der Autor, der 2006 selbst mit seinem Roman "Muttermilch" für den Man Booker Prize nominiert und doch leer ausgegangen ist, veröffentlicht, verbittert oder einfach nur amüsiert, eine Satire über den korrupten, inkompetenten und selbstsüchtigen Literaturbetrieb. Doch St. Aubyns selbst sagt, die Bezeichnung "Satire" treffe auf seinen Roman nicht zu. Weder werden reale Personen karikiert, noch basiert die Geschichte auf tatsächlichen Begebenheiten (gut, Literaturpreise gibt es natürlich wirklich). 
Und wenn der Autor das so sagt, glaube ich ihm das. Zumal es mir entgegenkommt, statt einer Satire eine Komödie lesen zu dürfen, die mir satirische Anspielungen auf Persönlichkeiten der britischen Literaturszene erspart. Die hätte ich wohl sowieso nicht bemerkt.
St. Aubyn widmet sich nicht nur der Kritikerseite, sondern macht auch vor Verlegern und seiner eigenen Berufsgruppe, den Schriftstellern, keinen Halt. Die gesamte Literaturszene wird aufs Korn genommen. Und ganz gleich ob es um den intellektuellen Franzosen geht, der in seinen ekstatischen Reden über Philosophie, Literatur und anderen, nicht klar erkennbaren, Themen aufgeht, die verführerische, junge Schriftstellerin, die sich Gefühle für andere Menschen nicht leisten kann, oder die Jurorin, die heimlich mit einem Synonym-/Satzbaustücke-Computerprogramm mittelmäßige Krimis schreibt - jeder einzelne Charakter ist völlig überzeichnet und skurril. Und doch ist es der kühle, distanzierte Ton, den St. Aubyns Stil ausmacht und der im Zusammenspiel mit der kuriosen und origenellen Geschichte eine besondere Komik erzeugen lässt.
Wenn auch sicher nicht "Der beste Roman des Jahres", ist St. Aubyns Geschichte dennoch eine empfehlenswerte - sowohl unterhaltsame als auch amüsante Lektüre.

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