Montag, September 23, 2013

Ausflug nach Brüssel

Ein autofreier Tag - das ist schon etwas feines. Man gönnt der Umwelt ein paar Stunden Verschnaufpause und kann gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, mit dem Fahrrad, Skateboat oder zu Fuß die gesamte Breite der Straße auszukosten. Es muss ein riesiger Spaß sein, einmal mit Inline Skates durch die Stadt zu sausen, über perfekt geteerte Wege - ohne Schlaglöcher und ohne Rücksicht auf Autos oder Verkehrsregeln.

Doch was so traumhaft und idyllisch klingt, wurde für H. und mich am Sonntag zum Verhängnis.

Am frühen Mittag fuhren wir los nach Brüssel. Wir wollten den Nachmittag dort verbringen, die Stadt erkunden, auf den Marktplatz gehen, die vielen mit Comicfiguren bemalten Fassaden finden und das Quartier Les Marolles ansehen.
Doch als nach 1 1/2 Stunden (die ich tief und fest geschlafen habe) die Dame vom Navigationssystem sagte, dass wir die Autobahn nun verlassen sollten, war die Abfahrt gesperrt. Wir vermuteten eine Baustelle, und wollten eine Abfahrt später unser Glück versuchen. Doch auch hier mussten wir an der Sperrung vorbeifahren. Wir überlegten, dass wir es aus der anderen Richtung probieren könnten. Und wurden wieder enttäuscht.
Es kam uns äußerst merkwürdig vor, dass ganz Brüssel abgeriegelt sein sollte. Also verließen wir die Autoahn und fuhren 10 Kilometer über die Landstraße. Kurz vor Brüssel fanden wir uns erneut vor einer großflächigen Absperrung wieder, hinter der Polizisten Autos abfingen und zurück schickten. Wir wendeten und machten uns auf den Rückweg. Genervt, weil wir das Benzin verschwendet hatten - und irgendwie auch den Tag.

Das Navigationssystem führte uns links und rechts durch enge Wege bis wir mit einem Mal wieder vor einem Polizeitrupp standen. Während alle Autos vor uns zurückgeschickt wurden, machte man uns nach einem kurzen Blick auf unser Kennzeichen den Weg frei und wir fuhren geradewegs auf das Brüsseler Wahrzeichen zu  - das Atomium.  Selten haben wir uns über eine Sehenswürdigkeit so gefreut.
Sollten wir doch noch einen Weg in die Stadt gefunden haben? Doch nach zwei Fotos und einem Klogang wurde uns klar, dass wir außer dem Überbleibsel der Expo '58 auf diesem Gelände nichts von der Stadt sehen würden. Also stiegen wir ins Auto und fuhren zurück.

Als wir den Polizeitrupp erreichten, fragten wir nach dem Weg Richtung Stadtzentrum. Eine freundliche junge Beamtin half uns weiter, verwechselte beim Erklären links und rechts und winkte uns durch. Der Weg stimmte, schon bald hatten wir den Kern Brüssels erreicht. Umringt von Radfahrern wunderten wir uns ein wenig über den umweltbewussten und sportlichen Geist der Brüsseler, fanden im Zentrum rasch einen kostenlosen Parkplatz, wunderten uns auch darüber, und liefen zum Marktplatz. Dort erwarteten uns reihenweise Stände, an denen Köstlichkeiten aus der Region präsentiert und verkauft wurden. Es gab Honig (die Bienen hatten sie auch mitgebracht), Milch und Käse (zwei kleine Kälber lagen im Miniaturstall und waren die Attraktion des Nachmittags), Wein, Öle, selbst angebautes Gemüse und Obst, Brot und Wurst. Die halbe Stadt hatte sich hier versammelt, um sich von Stand zu Stand zu schlemmen, alte Bekannte wiederzusehen und die letzten Sonnenstrahlen zu genießen.

Wir quetschten uns durch die Menschenmassen und litten unter der drückenden Schwüle. Immer, wenn wir dachten, eine ruhigere Ecke erreicht zu haben, rückte schon der nächste Zuckerwattestand mit wartender Schlange in unser Blickwinkel, begann der nächste Sänger sein Lied zu trällern oder es klingelten die Fahrradfahrer und Straßenbahnen, damit wir Platz machten. Ohne es zu bemerken, fanden wir uns schon bald auf dem Rückweg zum Auto wieder.

Die Straßen hatten sich in der Zwischenzeit gefüllt. Überall waren Radfahrer zu sehen, junge Leute heizten mit Skateboards und Inlineskates an uns vorbei und H. und ich sahen uns neugierig um. War heute etwas Besonderes los? H. startete den Motor und lenkte den Wagen auf die Hauptstraße. Überall Fahrräder - aber nirgends Autos. Irgendwas war merkwürdig.
Als wir eine große Kreuzung erreichten, hatte ein Polizist gerade ein Auto angehalten und war mit dem Fahrer in eine Diskussion verwickelt. Hilfesuchend schaute ich rüber. Doch als der Beamte hochsah und weder ein fragender noch ein strafender Blick folgte, fühlten wir uns durch das mangelnde Interesse des Gesetzeshüters bestätigt und fuhren im Schritttempo einem scheinbar ebenso ortsunkundigen Franzosen hinterher, umringt von Radfahrern. Die Autobahnauffahrten waren alle abgesperrt, und uns blieb nichts anderes übrig, als dem Pulk radelnder Menschen zu folgen.
Als wir an ihrer Tochter vorbeifuhren, zeigte uns eine Mitdreißigerin einen Vogel und uns wurde klar: Wir durften hier nicht fahren. In der Hoffnung, irgendwann aus Brüssel rauszukommen, verstrichen Minuten und Minuten. Wir schleppten uns mit quälenden 5 km/h weiter über die Hauptstraße. Bei jeder Sirene hofften wir, dass sie uns galt und dass einer der Beamten uns den Weg raus aus dem Drahteselzirkus zeigte. Doch niemand sprach uns an, keiner stoppte uns. Gemütlich fuhren wir quer durch Brüssel und wechselten mit den Radfahrern ratlose Blicke.

Als wir eine weitere Kreuzung erreichten (und ich schon mit dem Gedanken spielte, eine Nacht in Brüssel zu bleiben), hielten wir überfordert an. Bereits eine halbe Stunde war vergangen, seit wir losgefahren sind. Die Navigationsdame wollte nach rechts. Dort war aber keine Straße. Links war für Autos gesperrt (das einzige Mal, das wir tatsächlich ein Verbotsschild sahen) und geradeaus ... geradeaus war genauso die falsche Richtung wie auch links. Ein wenig erschöpft schauten wir uns an und begannen zu lachen. In dieser Sekunde stoppte ein Auto neben uns, eine Belgierin kurbelte ihr Fenster runter und bot uns an, ihr bis zur Autobahn hinterherzufahren.
Fünf Minuten später waren wir auf dem Rückweg.

Zu Hause angekommen suchte ich bei Google, welches Event uns den Tag in Brüssel verkompliziert hatte. Ich wurde nicht fündig. Erst nach einiger Zeit stolperte ich über die entscheidende Info: "Mehrmals im Jahr gibt es autofreie Sonntage im Zentrum; am dritten Sonntag im September ist sogar die ganze Stadt für Autos gesperrt"

Welche Frage mich aber nicht loslässt: Wie sind wir in die Stadt reingekommen und warum hat uns keiner daran gehindert?

Ein kleiner Tipp wäre schon nett gewesen - dann hätten wir unsere Räder mitgenommen.

Keine Kommentare: