Donnerstag, August 01, 2013

Herr Langstrumpf

Es waren beinahe 40 Grad. Völlig erschöpft nach einem langen Tag in der Frankfurter Innenstand setzten wir uns in das klimatisierte Zugabteil und genossen die kühle Luft. Neben uns hatte es sich ein Mann mittleren Alters gemütlich gemacht. Vertieft in eine Zeitung hatte er sich nach hinten gelehnt, seine Schuhe ausgezogen und seine dünnen Beine auf den Sitz vor sich gelegt. Seine Hose bedeckte nur einen geringen Teil seiner Oberschenkel, dafür hatte er die schwarzen Strümpfe bis zum Knie hochgezogen. Uns würdigte er keines Blickes.

Wir hatten noch zwanzig Minuten, bis der Zug abfahren würde. Nach und nach füllte sich das Abteil und ich rückte einen Platz auf, um anderen Reisenden Platz zu machen.
Der Herr mit den Kniestrümpfen hatte seine Zeitung mittlerweile zusammengefaltet und seine Augen geschlossen. Anscheinend schlief er. Doch er war nicht mehr allein. Zwei Freundinnen hatten sich zu ihm in den Vierer gesetzt und warfen sich gegenseitig wissende Blicke zu. Eine von ihnen tippte sich unauffällig an die Nase, während die andere mit einem breiten Grinsen antwortete.

Kurz vor der Abfahrt waren alle Plätze belegt. Die ersten Passagiere hatten sich auf die Treppen gesetzt oder standen in den Gängen. Ein junger Mann entdeckte den Sitz bei dem Herrn, der bisher nur von seinen langen Füßen belegt war. Er stupste ihn vorsichtig an und fragte: "Dürfte ich mich dahin setzen?" Der Angesprochene öffnete langsam seine Augen, schaute aus dem Fenster und erwiderte: "Ich erwarte noch jemanden." Ungläubig blieb der Wartende stehen: "Echt?", fragte er mit misstrauch. "Ja.", war noch als Antwort zu hören und schon waren die braunen Augen hinter faltigen Lidern verschwunden. Ein weiterer Wortwechsel war unerwünscht.

Nur zwei Minuten später sah die nächste Reisende ihre Chance gekommen. Vorsichtig stellte sie sich vor den Vierer und sagte: "Entschuldigen Sie, sind Sie verletzt? Oder kann ich den Platz bekommen?". Als keine Antwort kam, wurde ihre Stimme fester: "Hallo! Ich würde mich da gerne hinsetzen!" forderte sie den Herrn auf und tätschelte dabei seinen Arm, um ihn zu wecken. Doch dieser streckte sich nur und antwortete "Ich erwarte noch jemanden." Wutentbrannt stapfte die alte Frau weiter und rief dabei, dass es eine Frechheit sei, dass es jawohl unverschämt sei, lieber seine Füße auf den Sitz zu legen, als eine Frau den Platz zu gewähren und dass es ja typisch sei. Typisch für die Deutschen. Ja, so sind sie. Die Deutschen. "Ja", sagte daraufhin der Mann und legte sich wieder schlafen. In diesem Moment fuhr der Zug los.

Ein wenig irritiert, ja, vielleicht sogar ein kleines bisschen fasziniert, schaute ich S. an. Diese blickte mich mit einem wissenden "Jaha! Das habe ich auch gehört!"-Blick an, den sich zeitgleich auch mein Nebenmann und sein Gegenüber zuwarfen. Ein synchron vollführtes ironisches Schmunzeln gepaart mit leicht nach oben gezogenen Augenbrauen (das Schmunzeln wegen des Amüsements, die Augenbrauen für unsere Empörung) und wir vier waren Verbündete in einem Stück, bei dem es noch herauszufinden galt, ob es sich um ein Tragödie oder eine Komödie handelte. Von nun an waren wir eine eingeschworene Gemeinschaft, die Herrn Langstrumpf nicht aus dem Auge ließ und sich mit zurückhaltendem Mienenspiel zu verständigen wusste. Wir waren uns einig: Das hier war eine Unverschämtheit.
Doch anstatt in die Handlung einzugreifen, einen Konflikt zu provozieren, um einen Wendepunkt der Geschichte zu erzeugen, lehnten wir uns in unserer Zuschauerloge zurück und warteten ab.
Minuten um Minuten vergingen. Der Akt war zäh, die Zeit begann sich zu ziehen. Der Protagonist schlief. Wir waren kurz davor, die Vorstellung zu verlassen.

Nur eine leise Zwischensequenz sorgte für einen kurzen Moment der Spannung. Ein Angestellter schob seinen Getränkewagen durch den langen Gang und bot den Reisenden Cola, Fanta und Wasser an. Niemand war in Kauflaune und so hatte er schnell das Ende des Flurs erreicht, wo er auf die alte Dame stieß, die die Gelegenheit gleich zu nutzen wusste. Bitterböse beschwerte sie sich über den egoistischen, selbststüchtigen Mann, der ihr den Platz verweigert hatte. Der Getränkeverkäufer hörte sich ruhig an, was sie zu sagen hatte, musste aber auf den Schaffner verweisen. Der war aber nirgends zu finden.

Kurz vor Gießen hob Herr Langstrumpf seine Beine vom Sitz, streckte sich und begann seine Schuhe zuzubinden. Ich merkte, wie S. interessiert in seine Richtung blickte. Amüsiert lächelte ich ihr zu. Als er gerade aufgestanden war, um im Gang seine Fahrradtasche zu richten, legte sie los: "Entschuldigung!" Keine Reaktion. "Entschuldigung!" Keine Reaktion. Beim dritten Mal wartete sie nicht mehr ab. "Entschuldigung! Ich würde sehr gerne nochmal etwas sagen."
Ohne aufzusehen nuschelte er: "Sie können Ihren Sermon für sich behalten"
"Nein", kam die entschiedene Antwort. "Das würde ich jetzt aber schon gerne noch sagen. Ich finde es schon ein wenig unverschämt, wenn Sie anderen Menschen den Platz verweigern ..."
"Mir steht dieser Platz zu.", erklärte er, während er sich auf den Weg machte. "Ja, ein Platz. Den haben wir Ihnen auch nicht abgesprochen. Aber doch nicht zwei." Nun wurde es auch ringsherum unruhig. Andere drehten sich interessiert um oder stiegen in das Gespräch ein. Doch er verabschiedete sich kurz angebunden und sagte "Doch. Auch zwei.". Dann verschwand er.
Vorhang zu. Der Applaus blieb aus.

Zurück blieben ein verstörtes Publikum und zwei Fragen:
Warum haben wir nicht viel früher eingegriffen?
Wie kommt so ein Egoismus zustande?
Und wieso trägt man im Hochsommer Kniestrümpfe?

Okay, das waren drei Fragen ...




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