Montag, August 26, 2013

Ebenezer Scrooge und der Buchhändler

Laut einer Studie des IfD-Allensbach finden nur 7 Prozent der Deutschen, dass „Buchhändler“ ein angesehener Beruf ist. Damit landet diese Berufsgruppe auf dem viertletzten Platz, dicht gefolgt von Politikern, Fernsehmoderatoren und Bankangestellten.

Wer meint, dass mich – als ehemalige Buchhändlerin – diese Zahlen empören würden, hat sich getäuscht. Das Ergebnis der Studie überrascht mich nicht im Geringsten. Und das nicht nur weil ich clever bin und mein Geist instinktsicher, sondern auch weil das schlechte Abschneiden dieser speziellen Berufsgruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine naheliegende Verwechslung zurückzuführen ist. Denn die wenigsten Menschen (und hier berufe ich mich nicht auf Zahlenwerte, sondern ganz auf meine Intuition – denn die hat mich noch nie im Stich gelassen) kennen den Beruf des Buchhändlers nicht.
Sie kennen zwar Buchhändler, meinen aber, es sind „Verkäufer“, oder – man weiß sich ja fachmännisch und respektvoll auszudrücken – „Einzelhändler“, die gerne lesen. Der Beruf des – zweifellos recht ähnlich klingenden – Buchhalters ist ihnen dagegen vertraut, denn sie kennen alle die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens und haben gesehen, wie Ebenezer Scrooge den armen Bob Cratchit (Kermit der Frosch in seiner bislang überzeugendsten Rolle) schikaniert und ihm selbst zu Weihnachten die wärmenden Kohlen verwehrt. Diese Geschichte kann wahrlich kein gutes Licht auf die armen Buchhalter werfen. Es ist also kein Wunder, dass der Buchhalter (oder eben der Buchhändler) keinen allzu guten Ruf genießt.

Wenn Leute den Buchhändler nicht mit einem Buchhalter verwechseln, sondern den Beruf tatsächlich kennen, denken viele an einen Cordhose und Nickelbrille tragenden Stereotypen, einen Herrn im mittleren Alter mit brauen, zerzausten Haaren, einem Bart und erdfarbenen karierten Hemd, der nie im Leben mit einem Computer gearbeitet hat, Bestellungen immer noch auf kleinen Karteikärtchen notiert und mit schlurfenden Gang durch die Reihen läuft, um verstaubte dicke Schinken aus den Regalen zu ziehen (Diese Gruppe nennt man meines Wissens nach übrigens Antiquare).

Doch wenn Ihr mich fragt: Ich sehe das ganz wie René Kohl. Den Artikel im buchreport mit dem Namen „Buchhändler genießen besseren Ruf als Politiker“ (ich denke, Buchhändler wissen einfach, auf welche Leistungen sie stolz sein dürfen) hat dieser nämlich folgendermaßen kommentiert:

Sind wir Buchhändler nicht irgendwie alles?
Arzt, Krankenschwester, Polizist, Lehrer, Handwerker, Pfarrer, Hochschulprofessor, Ingenieur, Rechtsanwalt, Apotheker, Unternehmer, Journalist, Spitzensportler, Offizier, Politiker, Fernsehmoderator, Banker ... eigentlich finde ich mich in allen Berufen wieder.

Tatsächlich: Buchhändler bringen nicht nur ihre Leseleidenschaft mit, sondern auch beeindruckende Fähigkeiten, die ohne weiteres als „universell“ bezeichnet werden können. Ich möchte hier nur einen kleinen Einblick in die vielfältigen Kompetenzen eines Buchhändlers geben. Einen umfassenden Artikel würde keiner mehr lesen ... ich habe so schon große Sorgen, dass die Menge an Buchstaben abschreckend wirkt.

1) Der Buchhändler als Spitzensportler

Ein Autor sagte mal zu einer ehemaligen Kollegin, dass er bisher immer gedacht hat, dass Buchhändler in der Buchhandlung rumsitzen und lesen. Für den ein oder anderen eine durchaus angenehme Vorstellung. Die Realität sieht aber anders aus. Betritt der tüchtige Arbeiter früh morgens die Buchhandlung, erwarten ihn stapelweise Kisten mit neuen Büchern. Im Laufe des Tages müssen diese ausgeräumt und an die richtigen Stellen verteilt werden. Kiste um Kiste wird geöffnet und die Titel werden auf kleinen Tischchen nach Laufrichtungen sortiert. Der Buchhändler schnappt sich einen Stapel, das unterste Buch wird auf die offene Handinnenfläche gelegt, die restlichen Titel liegen darauf, bis hoch zur Schulter, und der Stapel lehnt als Ganzes gegen den Oberkörper, damit keins der Bücher herunterfallen kann. Stefan Raab hat den Beruf des Buchhändlers bei „Schlag den Raab“ recht überzeugend nachgespielt. In etwa lässt sich die Tätigkeit so vorstellen.

Trainiert werden hier Bizeps, Trizeps und der Rücken (oberer und unterer Teil). Oberschenkel, Po und Waden werden beim Laufen beansprucht. Bei einem Selbsttest fanden Kollegen heraus, dass sie zur Weihnachtszeit pro Tag 16 bis 20 km laufen. Dies fördert nicht nur den Muskelaufbau und Kondition, sondern auch die Kalorienverbrennung, und ist durch die erstaunliche Zeitersparnis (da Job und Sport gleichzeitig erledigt werden können) effektiver als jeder Fitnessstudiobesuch.

Doch auch der Kopf wird herausgefordert. Dann etwa, wenn der Buchhändler einen Stapel Titel zum Krimiregal bringt und feststellen muss, dass die Regalböden keinen Millimeter Platz mehr bieten. Durch die körperliche Schwerstarbeit noch voller Adrenalin, muss sich der Buchhändler nun konzentrieren. Es beginnt der Denksport. Das Regal hat ihn mit seinen sauber eingeräumten Büchern ins Schach gesetzt und nun muss er das Spiel drehen. Er muss sich aus der misslichen Lage befreien und den richtigen, den einzig richtigen, Zug machen.

Es ist das ganzheitliche Körpertraining, das die Tätigkeit des Buchhändlers ausmacht.

2) Der Buchhändler als Seelsorger

Der Job des Buchhändlers lebt vom Kundenkontakt. Doch häufig bleibt es nicht bei einfachen Beratungsgesprächen. Täglich lernt der Buchhändler neue Menschen kennen, erfährt persönliches und hört sich die Geschichten der Leute an.

Da ist die Frau, die von Geistern verfolgt wird und Schutz im Koran sucht; das junge Paar, das auf der Suche nach einer Geschichte ist, die es für immer miteinander verbindet; der Mann, der unter Amnesie leidet, sich mitten im Gespräch neu vorstellt, und das Gleiche, so sagt er, auch beim Sex tut; der dickliche Kunde, der barfuß durch Südamerika reisen möchte, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, und dort bei Fremden unterkommt, weil die Armen dieser Welt am gastfreundlichsten sind; oder die alte Dame, die zum ersten Mal alleine verreisen und ihren Flug online buchen möchte.

Sie alle kommen in die Buchhandlung, um sich ihre Sorgen von der Seele zu reden oder ihre Aufregung, Freude oder Trauer mit anderen zu teilen. Und der Buchhändler hört sich alles an, geduldig und höflich. Und vielleicht sogar interessiert. Er gibt Beistand, wo welcher gebraucht wird; lacht, wenn es richtig ist; und gibt sich betroffen, wenn sein Gegenüber es nötig hat.
Und gleichzeitig überlegt er, welches Buch er seinem Gesprächspartner empfehlen kann. Ökonomisch und menschlich – das ist er, der Buchhändler.

3) Der Buchhändler als Detektiv

Buchhändler müssen im Kundengespräch eine Menge an Ermittlungsgeschick und Cleverness mitbringen. Denn Beschreibungen wie „Ich suche ein Buch. Es ist rot und war ein Bestseller“, oder „Ich suche ein Buch. Es geht um einen Serienkiller.“, geben bei etwa 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr kaum Aufschluss über die Wünsche der Kunden. Es gilt, genau zuzuhören. Fakten müssen gefiltert und Indizien erkannt werden. Und zuletzt muss blitzschnell kombiniert und geistesgegenwärtig Lösungen müssem präsentiert werden.

Ein Beispiel: Vor einiger Zeit ereignete sich dieses Gespräch:

Kundin: Ich brauche das Buch "Die Wuppis".
Ich (skeptisch): "Die Wuppis"? Hmm, das sagt mir jetzt nichts. Wissen Sie denn, wie man das schreibt?
Kundin: Nein, keine Ahnung.
Ich: Sie sind sich aber sicher, dass "Die Wuppis" richtig ist, ja?
Kundin: Ja, auf jeden Fall. Das hat um die 800 Seiten. Ich glaube, das ist eine Familie, die so heißt.
Ich (meint sie etwa die "Buddenbrooks"?): Den Autor kennen Sie auch nicht? Im PC kann ich leider nichts finden.
Kundin: Nein ...
Ich (sehe meine Kollegin und denke, ich könnte sie mal fragen, ob sie noch irgendeine Assoziation hat): Ich frage mal kurz meine Kollegin.
Kundin: Ja, danke.
Ich (gehe zu meiner Kollegin): Sagt Ihnen der Buchtitel "Die Wuppis" etwas?
Sie: "Die Wuppis"?
Ich: Ja, "Die Wuppis"?
Sie: Hmm, nein. Nie gehört.
Ich: Das Buch hat wohl um die 800 Seiten.
Sie (denkt nach): Aber sie meint nicht "Die Buddenbrooks", oder?
Ich: Das hatte ich auch schon überlegt. Ich schlage es ihr mal vor.
(gehe zurück) Sie konnte mit dem Namen auch nichts anfangen. Aber kann es sein, dass Sie die "Buddenbrooks" von Thomas Mann meinen.
Sie (erfreut): Jaa! Das meine ich.

Nur mit meinem analytischen Denken – das in seiner Genialität in der Tat an Sherlock Holmes erinnert – konnte ich das Rätsel lösen.


Der Buchhändler ist noch so vieles mehr: Er ist Handwerker, wenn er Regale und Möbel montiert; Arzt, wenn mittwochnachmittags die Praxen geschlossen haben und die Leute stattdessen einkaufen gehen; er ist Lehrer, wenn er dem Kunden erklärt, dass "kleines gelbes Heftchen" als Beschreibung eines Buches nicht ausreicht; und er ist Buchhändler, wenn er sein Gegenüber sieht - und ihm genau das richtige Buch empfehlen kann.

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