Mittwoch, Juli 10, 2013

Literarische Faxen

Ich habe mir eine neue Serie für meinen Blog ausgedacht: Literarische Faxen
Mir wird ein beliebiger Satz vorgegeben, der zum Ausgangspunkt für drei verschiedene Texte wird. Ich schreibe einen Zeitungsbericht, ein Gedicht und einen möglichen Romanauszug.
Vorschläge für Sätze nehme ich gerne entgegen :-).


Für heute hat H. mit diesen Satz vorgegeben: Gregor legte seinen Löffel neben die Kaffeetasse.
 

1) Zeitungsbericht 


Für diejenigen unter uns, denen das Bild zu klein ist, hier nochmal der Text:

Eilmeldung: Gregor Samsa trinkt Kaffee in Aachen

Der aus Kafkas "Verwandlung" bekannte Gregor Samsa soll heute in der Aachener Innenstadt gesichtet worden sein. Augenzeugen berichten von einem menschengroßen Insekt, das große Ähnlichkeiten mit einem Käfer aufweise, allerdings nicht eindeutig zu klassifizieren sei. Das Ungeziefer, so die Aachener, habe am Rücken eine große Narbe, die möglicherweise auf einen Angriff mit einem Gegensatz zurückzuführen sei. Die Narbenform deute, selbst für Laien klar erkennbar, auf einen Apfel hin.

Die besagte Person wurde gegen 14 Uhr vor dem “Café zum Mohren”gesehen. "Als ich kam, saß er dort, rührte seinen Kaffee um und legte den Löffel anschließend neben die Tasse. Mehr habe ich nicht sehen können. Meine kleine Tochter bekam bei dem Anblick Angst und ich brachte sie nach Hause.", teilte eine verwunderte Passantin unserem Reporter mit. Neben dem tierhaften Erscheinungsbild gebe es aber keine weiteren Auffälligkeiten. Trotzdem werde nun wegen versuchten Mordes ermittelt. Der Vater von Gregor Samsa stehe unter dringendem Tatverdacht, so die Polizei.

2) Lyrik


3) Auszug aus einem Roman

Der Straßenlärm war schon vor etlichen Stunden verstummt und auch aus der Wohnung des Nachbarn war kein Ton mehr zu hören.  Eine merkwürdige Stille hatte den Raum erfüllt. Sie war durch das Fenster gekommen (das in der Küche, nicht das im Schlafzimmer) hatte sich im Wohnzimmer ausgebreitet und legte sich nun um ihn wie eine Decke. 

Vor ihm lag ein Schuhkarton, der wohl mal gelb gewesen war. Die Pappe war rissig und vergilbt und der Deckel achtlos auf die Seite geworfen. Auf dem Boden verteilt lagen alte Fotos in verschiedenen Formaten. Manche waren schwarz-weiß, andere bunt. In seinen Händen hielt er ein Bild, das er sich schon so oft angesehen hatte. Vor zehn Jahren hatte er es geschossen, als er in London war. Um das Ende der Uni zu feiern, hatte er mit seinen Freunden eine Woche in der britischen Metropole verbracht. Die meiste Zeit hatten sie getrunken und gefeiert. Nur am letzten Tag hatten sie einen Teil des üblichen Touristenprogramms nachholen wollen und waren zum Covent Garden und zur Tower Bridge gefahren. Am Big Ben hatten seine Freunde für ein Foto posiert. Den kleinwüchsigen Tobi hatte Marek auf die Schulter genommen und der eigenbrötlerische Physikstudent Christian hatte sich mit dem Rücken zur Kamera gedreht. Er dachte gerne an diesen Moment zurück. Er hatte sich so unbeschwert gefühlt. Doch als er die entwickelten Bilder abholte, musste er feststellen, dass eine junge Frau genau in dem Moment durchs Bild gelaufen war, als er abgedrückt hatte. Er war furchtbar enttäuscht. Während des Urlaubs hatte er so gut wie keine Fotos geschossen und so behielt er das Bild trotzdem. Über dem Profil der Frau waren immerhin Tobis Haare zu erkennen.

Er hatte den Karton schon seit Jahren nicht mehr vom Schrank runter geholt. Doch jetzt saß er dort, hielt das Foto gedankenverloren in der Hand und rührte mit der anderen seinen Kaffee um. 

Die junge Frau war Lisa. Eindeutig. Sie hatte sich seitdem die Haare wachsen lassen und war zehn Jahre älter geworden. Aber es gab keine Zweifel. Er dachte nach. Er musste nachdenken. Immer wieder hatte sie ihm versichert, dass er ihr völlig grundlos misstraute, dass ihre Begegnung auf der Beerdigung Zufall gewesen sei und er aufhören sollte, nach ihr zu recherchieren. Sie hatte ihm Paranoia vorgeworfen. Und er hatte versucht, ihr zu glauben.

Doch dieses Foto ließ seine Ängste zurückkehren. Die Stille wich einem Klingeln. Gregor legte den Löffel neben die Kaffeetasse. Er stand auf, immer noch das Foto in der Hand haltend, und ging zum Telefon.

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