Montag, Juli 01, 2013

Gregor Gysi und der CHIO

Seitdem ich in Aachen wohne, ist der CHIO relativ berührungslos an mir vorüber gezogen. Ich nahm die Schilder wahr, die vollen Parkplätze vor dem Quellenhof und die vielen kleinen und großen Wagen, die Pferde über die Straßen transportierten. Und das war's. Weder für den Pferdesport noch für die dazugehörige Szene konnte ich besonderes Interesse aufbringen.

Doch dieses Jahr bekamen wir überraschenderweise Karten geschenkt. Für das Springturnier am Sonntag. Und so stiegen wir vormittags auf die Räder und machten uns auf dem Weg zum CHIO-Gelände. Gespannt stellten wir uns in die Schlange vor dem Eingangszelt und beobachteten die wartenden Leute.
Vor uns stand eine Frau mittleren Alters mit hellem, krausem Haar. Sie trug eine schillernde orange Stoffhose, die scheinbar nahtlos in den passenden Synthetik-Blazer überging. Die schrillen Textilien ließen den Körper der Frau völlig untergehen und verwandelten sie in ein lebendiges, langgezogenes Rechteck, das Ähnlichkeiten mit einem zu groß geratenen Zalando-Paket aufwies.
Auf ihrem Kopf trug die Frau einen kleinen weißen Hut, der im Kontrast zum kantigen Rest viel zu grazil wirkte und das Erscheinungsbild noch einen Tick surrealer wirken ließ. Kleine helle Federn waren daran befestigt, die aufmüpfig im Wind tanzten und gegen das starre Outfit zu rebellieren schienen.
Neben mir wartete ein junges Paar. Etwa mein Alter. Die Frau, hübsch, gebräunt, trug eine dunkle Sonnenbrille, die ihr Gesicht halb verdeckte. Es war eine dieser Frauen, die irgendwie ganz besonders gepflegt aussehen - mit porenreiner Haut, strahlend weißen Zähnen und glänzendem Haar. Mit der dunklen Röhrenhose und dem hellblauen Ralph-Lauren-Poloshirt, das sie mit einer dünnen Steppweste und einem karierten Burberry-Schal kombinierte, machte sie neben ihrem Freund die perfekte Figur. Dieser hatten den desinteressierten Gesichtsausdruck bis zur Perfektion einstudiert und wusste seinen - ach, so - stilvollen Geschmack (knallrote Hose, die einen Hauch zu eng war, Bootsschuhe und dunkle Haare, die mit breiten Kammzinken nach hinten manövriert und anschließend mit Haarlack befestigt worden waren) mit jeder noch so gelangweilten Bewegung geschickt in Pose zu bringen.

Die Schlange bewegte sich erstaunlich rasch dem Eingang zu und wir versuchten uns gegenseitig zu beteuern, dass so ein Event doch sicher sehr viel Spaß machen würde und Springen doch immerhin weitaus spannender sein würde als Voltigieren oder Dressurreiten. Und Pferde im Allgemeinen seien doch auch wirklich schöne Tiere ... und überhaupt ... alles hier war wirklich sehr vielversprechend.

(Nur um meine Ahnungslosigkeit zu unterstreichen: Ich musste googeln, wie "Voltigieren" geschrieben wird.)

Nachdem unsere Karten eingescannt waren, wurden wir von einem großen Gelände mit aufgereihten weißen Zelten empfangen. Ein Markt, geschaffen für die pferdebegeisterte Elite des Landes, mit einer exquisiten Auswahl an Reitaccessoires: kostspielige Sättel, exklusive Reitausrüstungen, elegante Stallgarderobe und luxuriöser Schmuck. Selbst einen Stand mit edlen Stalltoren gab es - dazwischen die Aachener Zeitung und die Sparkasse mitsamt Geldautomaten.
Und jede Menge Getränke- und Imbisswagen, die Cola, Bier und Pommes für horrende Summen anboten.

Am Sonntag gab es zwei Springturniere. Das wesentlich besser besuchte war der Rolex Grand Prix, der insgesamt mit 1 Million Euro dotiert war. Innerhalb von höchstens 80 (Angabe ohne Gewähr) Sekunden mussten Reiter und Pferd den Parcours geschafft haben; für Zeitüberschreitung und jede heruntergefallene Stange gab es Strafpunkte. Insgesamt 40 Paare nahmen an dem Wettbewerb teil; die besten 18 traten in einer weiteren Runde an; und falls die besten Reiter gleich auflagen, kam es in einer dritten Phase zum Stechen.

Pünktlich um viertel nach zwei ging es los. Das erste "Paar" wurde angekündigt und schon begann das Springen. Nach etwa fünf Runden verging mir die Lust am Fotografieren. Im Geiste zählte ich die Paare und stellte eine erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Pferdespringen am Sonntagnachmittag und dem Schäfchenzählen in der Nacht fest. Nach weiteren zwei Runden schaute ich gelangweilt auf den Bogen Papier, der uns zu Anfang in die Hand gedrückt worden war. Ich vermutete schon, dass ich damit nur kurzweilige Ablenkung finden würde, aber beim Durchlesen begriff ich, dass nach der ersten Runde nicht Schluss sein würde. Und mit einem Mal wurde die Langeweile zu etwas Beklemmenden, das nach und nach Besitz von mir zu ergreifen schien.

Das Publikum gab sich kultiviert. Konzentriert verfolgten die Zuschauer den Wettbewerb, trugen in den Bogen Papier die Fehlerpunkte der einzelnen Reiter ein und tauschten sich mit ihren Sitznachbarn mit gedämpfter Stimme über die Erfolge und Schwächen der Paare aus.
Fiel aber eine Stange beim Sprung herunter wurde es laut im Stadion. Ein mitleidiges - und erstaunlich lautes - "Ohhh" ging durch die Reihen und signalisierte dem Reiter das grenzenlose Mitgefühl des Publikums. Dabei spielte die Nationalität des Paares keine Rolle. Jedem Reiter und jedem Pferd wurde der Sieg gegönnt. Die Zuschauer erfreuten sich an einer fehlerfreien Runde und bedauerten jeden Misserfolg.

Erst als Gregor Gysi zwischen der ersten und zweiten Runde offiziell auf dem CHIO willkommen geheißen wurde, zeigte das Publikum sein wahres Gesicht. Pfiffe und Buh-Rufe waren zu hören und ein erbostes Brummen ging durch die Reihen. Während die Begrüßung von Herrn Westerwelle und Frau von der Leyen keinerlei Gefühlsregungen hervorrufen konnte, musste der Moderator bei der offen geäußerten Antipathie gegenüber dem Linkenpolitiker intervenieren, indem er Gysi für den Moment aus seiner politischen Rolle enthob, ihn äußerst subtil auf seine Reitsportbegeisterung reduzierte und in so in eine Reihe mit allen (naja, fast ...) Anwesenden stellte. Damit war die Meuterei beendet und die Zuschauer besänftigt. Gysi ist Pferdefreund? - Zustimmend klatsche das Publikum.

Das Springen ging bis sechs. Und ich bleib dabei: Pferde sind wirklich schöne Tiere.

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