Dienstag, April 16, 2013

Der Angriff der Krustentiere

Es begann alles recht harmlos ... Wenn ich Schwierigkeiten habe, einzuschlafen, bitte ich H. mir etwas zu erzählen. Meistens sagt er dann "Ich bin müde.", und ich antworte: "Ach, bitte! Nur eine kurze Geschichte." Dann höre ich ein kurzes missmutiges Brummen, gefolgt von tiefen Atemzügen und beunruhigender Stille, die mir zeigen soll, wie müde er ist. Scheinbar weiß er mit meiner Aufforderung nichts anzufangen und so versuche ich es erneut. Da auch ich mich um die abendlichen Uhrzeiten nicht zu verbalen Höchstleistungen in der Lage sehe, beginne ich mit einem weniger komplexen Gesprächseinstieg, der sich in etwa so abspielen könnte: "Magst du Pinguine?"

Dann antwortet er: "Ja, die sind lustig, meine monochrome Freundin." Und ich bin ganz aufgeregt, weil ich förmlich spüren kann, dass ich mit meinem Strategiewechsel goldrichtig lag und dass das Ganze in die richtige Richtung läuft. Doch ich lasse mir nichts anmerken, bleibe ganz ruhig, und frage weiter: "Und was ist mit Gnus?" Doch dann endet die Unterhaltung abrupt. Er sagt: "Ich bin müde.", und dreht sich schwerfällig in die andere Richtung, damit mir nicht entgeht, mit welchen Anstrengungen er meinetwegen zu später Stunde noch zu kämpfen hat. Ich schätze, dass er auch mit den Augen rollt. Aber da kann ich mir nicht sicher sein. Es ist ja dunkel.
Dann sagt er, vielleicht, weil er selbst bemerkt hat, wie unhöflich das war: "Denk doch an was Schönes." Und ich frage: "An was?" Und er antwortet: "An unseren Urlaub."

Das ist der Punkt, an dem ich merke, dass es keinen Sinn hat, das Gespräch weiterzuführen.

Doch seinen Rat nehme ich mir zu Herzen, stelle mir vor, wie ich im Meer schwimme, Fische beobachte, leckeres Essen genieße, einen Sonnenbrand kriege ... Und dann werde ich sanft von den Wellen in den Schlaf gewiegt.

Um dann mitten in der Nacht schweißgebadet aufzuwachen. Anfangs wurde ich noch von den typischen Alpträumen heimgesucht, die jeden Traumdeuter zu Tode langweilen würde. Ich vergesse die Reisepässe oder die Flugpapiere, komme nicht rechtzeitig zum Flughafen oder habe den Abreisetag völlig vergessen. Laut Bild.de (die die Komplexität dieser Traumart offensichtlich erkannt haben) fürchte ich, im wahren Leben etwas zu verpassen. Ein Symptom, das weit verbreitet zu sein scheint und mich nicht weiter beunruhigt.
Doch dann wurden die Träume anders ... - beängstigender.

Traum eins:

H. wollte doch nicht ins Ausland und überredete mich, für ein Wochenende an die Nordsee zu fahren. Widerwillig stimmte ich zu. Als wir dort ankamen, stellten wir fest, dass das Meer ganz anders war als wir dachten. Es war grün, algig, ja, schon fast schlammig. Und höchstens 50 cm tief. H. weigerte sich unter diesen Umständen ins Wasser zu gehen, während ich mich ein wenig in der Brühe treiben ließ. Nach ein paar kräftigen Zügen hatte ich mich schon ein ganzes Stück vom Ufer entfernt. Mit einem Mal überkam mich das Gefühl, dass sich die Konsistenz des Wassers veränderte. Die Bewegungen fühlten sich viel schwerer an als zu Anfang. Und tatsächlich: Je weiter ich hinausschwamm, desto fester wurde das Wasser. Es war fast breiig. Das Schwimmen wurde immer anstrengender und ich schaute verängstigt zum Ufer hinüber. Mit einem Mal wurde ich sauer auf H., weil er unbedingt an die Nordsee wollte. In dieses Schlammgewässer. Und dann blieb er auch noch am Strand. Und noch während ich mich in meinen Ärger reinsteigerte, konnte ich sehen, wie die ersten Krebse ihre Köpfe über die Wasseroberfläche streckten. Es sah lustig, wie die kleinen gepanzerten Tierchen in den Wellen hin- und herschaukelten. Ich schaute mich neugierig um. Immer mehr Tiere tauchten auf. Doch mit einem Mal wurde mir der Ernst der Lage bewusst: Ich war umzingelt. Hektisch versuchte ich, mich vom Grund abzustoßen, doch das Wasser hatte sich in eine betonähnliche Masse verwandelt und ich steckte fest. Die Krebse kamen näher. Sie schienen sich zu vervielfältigen - wie Agent Smith. Auch andere Krustentiere waren dazugekommen. Hummer, Krabben, Phantasiegestalten mit schrecklichen Greifarmen ... Und dann ging alles ganz schnell.  Sie fielen über mich her, krallten sich an mir fest und rammten mir ihre krustigen Beine in die Haut. Ob ich überlebt habe, weiß ich nicht.

Traum zwei:

Ich war in Ägypten. Nach einem wunderbaren sonnigen Tag, den ich mit schnorcheln und schwimmen verbrachte hatte, lag ich im gemütlichen Hotelbett als ein Angestellter anklopfte. Als ich öffnete, schaute er mich irritiert an und sagte: "Sie sind noch gar nicht fertig? Sie reisen doch heute Abend noch ab." Ich  begann zu lachen und antwortete: "Ach, was! Ich bin doch erst seit einem Tag hier." Doch er schüttelte besorgt den Kopf: "Nein, Sie sind schon seit zwei Wochen da. Ihr Urlaub ist zu Ende."
Ich wurde nervös, war den Tränen nahe. Ich konnte mich nur an den einen Tag erinnern. Doch auch an der Rezeption konnte man mir keine andere Auskunft geben. Im Hotel machte man sich über mich lustig, die meisten dachten, ich wäre verrückt geworden. Und ich selbst dachte das auch.
 Zu Hause stellte ich fest, dass ich tatsächlich zwei Wochen unterwegs gewesen bin. Die Hotelmitarbeiter hatten mich also nicht belogen. Doch ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Also ging ich zum Arzt. Die Diagnose war schnell erstellt: Ich litt unter der sogenannten "Urlaubsamnesie".

Heute Abend, wenn ich nicht schlafen kann, werde ich H. fragen, was er von Krustentieren hält.

Keine Kommentare: