Sonntag, Februar 24, 2013

Schneedienst

In fast allen Wohnungen, in denen ich bisher gelebt habe, gab es rotierenden Schneedienst - jede Wohnpartei musste ein bis zwei Mal im Jahr das Räumen übernehmen. Der tägliche Wetterbericht entwickelte sich pünktlich zum Winter für mich in ein bedrohliches Damoklesschwert, das nur von einem Rosshaar gehalten über meinen Schädel schwebte. Eine einzige graue Wolke konnte das Haar durchtrennen und das Schwert auf meinem Kopf fallen lassen.
Dies ist meine achte Wohnung und es ist das erste Mal, dass der Schnee in meine Räumwoche fällt.
Gestern Morgen ging ich also in den Keller, um nach einen Besen und der Schneeschaufel zu suchen.
Ich zog mir die Kapuze über dem Kopf und kramte die Handschuhe aus den Jackentaschen, um mich vor den Spinnen zu schützen (ich habe Spiderman gesehen). Es dauerte eine Weile bis ich mich zurecht fand. Der Keller ist verwinkelt und die Gänge sind trotz Lampen duster. Hinter jeder Ecke vermutete ich eine bedrohliche Gestalt, die nur auf mich gewartet hatte und mich in eines der Kellerverliese sperren wollte.

Mit einer Schaufel bewaffnet, lief ich wieder hoch und machte  mich daran, die Straße vom pulverigen Nass zu befreien. Mit jedem Schritt wurde der Schnee schwerer und nach und nach spürte ich, wie sich meine Armmuskeln verkrampften.

Gerade als ich die Schaufel zurück in den Hof gestellt und den Eimer Salz in die Hand genommen hatte, hörte ich ein lautes Motorengeräusch. Neugierig schaute ich durch das Tor hinaus auf die Straße. Ich erblickte unseren Nachbarn, der mir auf einem angeberischen Schneetruck entgegenfuhr. In Sekundenschnelle hatte er den gesamten Gehweg geräumt, machte kehrt und fuhr lärmend zurück zum Nachbarhaus - nicht ohne grüßend die Hand zu heben und mich generös anzulächeln.
Ich hasste ihn. Und trug Eimer und Schaufel zurück ins Haus.

Als ich heute Morgen um halb acht aufwachte und mich verschlafen in Richtung Badezimmer schleppte, bemerkte ich im Augenwinkel etwas Helles, Blendendes. Ich drehte meinen Kopf in Richtung Fenster. Der Hof war komplett eingeschneit, vom Kopfsteinpflaster war nichts mehr zu sehen und die Bäume waren mit einer dicken Schicht Schnee bedeckt. Pflichtbewusst zog ich mir meinen Mantel über, schlüpfte in die Stiefel und holte die Schaufel aus dem Keller. Mit einem kurzen Blick in den Innenhof der Nachbarn vergewisserte ich mich, dass der Schneetruck heute Morgen nicht im Einsatz war. Obwohl ich gestern noch sauer auf ihn, hatte ich tief im Inneren gehofft, dass mein Nachbar auch heute mit seinem kleinen Auto unterwegs sein würde.
Enttäuscht griff ich nach der Schaufel, die irgendwie schwerer wirkte als gestern, und stieß sie in die dicke Schneeschicht. Der kalte Wind zog durch die Beine meiner dünnen Schlafanzughose und hinterließ eine Gänsehaut. Mühsam schaufelte ich den Schnee zur Seite und kratzte über die dünne Eisschicht, die sich am Boden festzukrallen schien. Meine Arme und Beine wurden kraftlos und mein Magen knurrte gewaltig. Ich holte einen Besen und fegte den restlichen losen Schnee beiseite. Als ich nach einer halben Ewigkeit fertig war, musste ich feststellen, dass ich alles nur noch schlimmer gemacht hatte. Bevor ich mit meinen Versuchen angefangen hatte, konnte man noch gefahrlos durch den hohen Schnee stapfen. Doch nun war der Boden von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Ich hatte für eine perfekte Rutschbahn gesorgt.
Mittlerweile war ich so unterzuckert, dass sich der weiche, weiße Schnee langsam in Vanillepudding und die Schaufel in einen großen Löffel verwandelten. Ich sehnte mich nach einem ausgiebigen Frühstück und wollte meine Arbeit gerade beenden.

In diesem Moment kam mir eine junge Frau entgegen. Ich  ging ein Stück zur Seite, um sie vorbei zu lassen, doch sie blieb direkt vor mir stehen und starrte mich drohend mit ihren großen, dunklen Augen an. Gerade, als ich fragen wollte, ob ich helfen könnte, verwandelte sich ihr zierliches, hübsches Gesicht in eine aggressive Fratze. Sie riss ihren Mund auf und schrie mich aus Leibeskräften an. Ich verstand kein Wort. Und auch wenn ich mich vielleicht irre, klang es irgendwie furbisch. Dann machte sie einen Schritt nach vorne, so dass sie direkt neben mir stand und sich unsere Gesichter beinahe berührten. Nachdenklich schaute sie in die Ferne, blickte mich dann wieder an und sagte: "Nicht stalken." Dann ging sie weiter.

Ich blickte ihr irritiert nach. Dann griff ich nach der Schaufel, brachte sie zurück in den Keller und ging nach oben.
Eine Stunde später war der schmale Weg, den ich frei geräumt habe, wieder zugeschneit. Doch da hörte ich schon den Nachbarn mit dem Schneetruck.

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