Donnerstag, Februar 07, 2013

Mathe und Kuchen

Während ich in der Oberstufe war, habe ich etwa 5-6 Stunden in der Woche Nachhilfe gegeben. In der Regel in Deutsch. Und in Mathe - was merkwürdig war, da ich dieses Fach im Abi mit nur drei Punkten abgeschlossen habe. Ich weiß noch, dass ich bei der Vorbereitung für die letzte Prüfung dachte, dass ich für die Klausur bloß keine zu gute Note bekommen durfte, weil ich sonst in die mündliche Nachprüfung gemusst hätte. Und das wäre der blanke Horror gewesen. Noch heute verfolgen mich Träume, in denen ich erst meinen Wecker überhöre und anschließend zu spät zur Matheklausur erscheine. Meine Sorge war allerdings völlig unbegründet. Ich bekam eine fünf (eigentlich eine fünf minus - aber wir wollen ja nicht kleinlich sein) und blieb so meinen vorherigen Leistungen (wenn in diesem Kontext der Begriff überhaupt passend ist) treu.


Dann wurde ich allerdings weiterempfohlen. Ich sollte zwei türkischen Jungen im Alter von 13 und 15 helfen, ihre Noten in Mathe von drei auf zwei zu verbessern. In meinen Augen leuchteten die Dollarzeichen und ich sagte zu, noch bevor ich einen Gedanken daran verschwenden konnte, wie ich das anstellen sollte. Bei meinem ersten Besuch wurde ich herzlich empfangen, die Jungs waren sehr nett. Und außerdem extrem fleißig. Ich war es gewohnt, dass die Grundschulkinder quengelten und fragen, ob wir nicht lieber etwas spielen könnten. Oder etwas naschen. Aber die beiden saßen brav an ihren Schreibtischen, den Kopf über die Bücher gebeugt und arbeiteten fleißig die Hausaufgaben ab. Ihre Mutter hatte mir ein Stück Kuchen hingestellt und ich dachte, dass ich da einen richtig guten Job hatte.
Doch dann gab es die ersten Unklarheiten. Erst war es in Geometrie, dann waren es Textaufgaben, die Schwierigkeiten bereiteten. Die Jungs hatten Fragen. Und ich hatte nicht den blassesten Schimmer. Nicht, wie die Aufgaben zu lösen waren, und schon gar nicht, wie ich den Schülern das erklären sollte. Von meiner kleinen Schwester lieh ich mir das Mathebuch und las zu Hause die Erklärungen, um beim nächsten Mal vorbereiteter zu sein. Ich war überrascht. Je mehr ich las, desto klarer wurde mir, was eigentlich in den letzten Jahren im Unterricht besprochen wurde. Ich beschäftigte mich mit dem Satz des Pythagoras, mit Gleichungen und Wurzelrechnungen. Ich erkannte plötzlich Zusammenhänge, die ich vorher nie gesehen hatte, war in der Lage, logische Schlüsse zu ziehen und beschäftigte mich mit der Frage, ob es sinnvoll gewesen wäre, im Unterricht besser aufzupassen. Oder öfter hinzugehen.
Beim nächsten Mal kannte ich mich aus. Dieses Mal stellte mir die Mutter zwei Stücken Kuchen hin, ich bedankte mich und half den Jungs bei den Hausaufgaben. Während ich das erste Stück Kuchen aß, fragte ich mich, ob es wohl unhöflich wäre, das andere stehen zu lassen. Ich war unsicher. In vielen Kulturen ist es ja unangebracht, nicht aufzuessen oder einen Nachschlag abzuschlagen. Ich aß es also auch noch. Mit einem leichten Völlegefühl kämpfend, verabschiedete ich mich nach der Stunde und fuhr nach Hause.
Und kam eine Woche später wieder. Dieses Mal stand auf dem Tisch ein Teller mit drei Stück Kuchen. Schon beim Anblick wurde mir leicht übel. Ich setzte mich und die Schüler begannen ihre Hausaufgaben zu machen. Ich starrte den Kuchen an. Ich überlegte, welches der Stücke ich zuerst essen sollte, damit mir nicht gleich zu Anfang übel sein würde. Die Sahneschnitte würde also zu guter Letzt dran kommen und ich begann mit dem Trockenkuchen. Ich merkte, wie mein Magen sich nach und nach füllte, wie der süße Geschmack meinen ganzen Mund, ja meinen ganzen Körper, zu füllen schien, wie mich der überschüssige Zucker müde und schwer machte.
Von diesem Zeitpunkt an gab es immer drei Stücke Kuchen. Ein Halbjahr lang.

Heute stellen sich mir zwei Fragen:
1) Hätte ich möglicherweise Kurvendiskussionen und Wahrscheinlichkeitsrechnung verstehen können, wenn ich Mathe nicht immer geschwänzt hätte?
Und:
2) Wäre es nun unhöflich gewesen, den Kuchen abzulehnen? Vielleicht habe ich auch den Eindruck vermittelt, dass ich völlig ausgehungert war ...



Keine Kommentare: