Sonntag, Januar 20, 2013

Preußler und die Zensur

Die Modernisierung von Preußlers Texten wird im Internet zur Zeit heiß diskutiert. Viele sind geradezu empört darüber, dass Wörter wie "Neger" gestrichen werden sollen. In dieser Woche las ich einen Kommentar, in dem ein Mann die Änderungen des Thienemann-Verlags sogar als Bedrohung ansah, als den ersten Schritt zu einem Überwachungsstaat wie in Orwells "1984".

In meinem Kinder-Fotoalbum klebt ein Bild von mir. Auf dem grauen, kratzigen Teppich im Wohnzimmer liegt meine Bettdecke und ich sitze mit angewinkelten Beinen darauf. Ich trage einen weiß-blau gestreiften Frotteeschlafanzug, der nur aus einem Stück zu bestehen scheint, und schaue zufrieden in die Kamera. Aus meinem Mund schaut der weiße Plastik-Stiel eines Lollies hervor.
Die Müllmänner in unserer Siedlung verteilten immer Lutscher an die spielenden Kinder. Es waren flache, runde Lutscher, auf denen bunte Blumen gedruckt waren. Wir liebten es, wenn der große orange Laster durch die Straßen fuhr, und liefen jede Woche freudig hinter dem Auto her. Lange war Müllmann mein Traumberuf. Ich stellte es mir toll vor, hinten auf dem Auto stehen zu dürfen, ganz ohne Gurt, und von allen Kindern geliebt zu werden. Heute finde ich es ein wenig eigenartig, dass uns die Männer Süßigkeiten geschenkt haben.
Auf den Ohren habe ich große schwarze Kopfhörer und über das Bild hat jemand mit Hand geschrieben: "Ich esse gerne und liebe Musik".
Tatsächlich habe ich in meiner Kindheit ständig vor dem Kassettenrekorder gesessen. Musik interessierte mich nicht besonders, ich suchte mir in der großen Kassettenschublade immer die Hörspiele raus. Neben den Klassikern wie "TKKG" oder "Fünf Freunde" hörte ich viele Fabeln und Märchen. Ich erinnere mich noch genau an das wunderbare Klimpern und Klingeln der Silbertaler, die für das arme Waisenkind in Grimms "Sterntaler" vom Himmel fielen. Oder an das Klopfen und Hacken von Karies und Baktus. Und an das Geräusch, als die beiden weggespült wurden. Ich war todtraurig.

Am Freitag Abend konnte ich nicht schlafen. Ich lag im Bett und langweilte mich. "Kannst du schlafen?", fragte ich H. Ich hörte ein verschlafenes Brummen und ein schwach klingendes "Ja". Einige Minuten war es still. Dann sagte ich: "Ich kann nicht schlafen."
H. drehte sich zu mir um und meinte: "Na komm, dann erzähl mir eine Geschichte."
"Welche?"
"Die vom Räuber Hotzenplotz - die habe ich nie verstanden."
"Ich auch nicht."
Wieder Stille.
"Ich hatte die Geschichte auf Kassette", sagte ich.
"Ich auch", meinte H.
Wir schwiegen. Und ich schlief ein.

Um auf den Punkt zu kommen: Mir persönlich kommt es ganz gelegen, dass Preußlers Texte überarbeitet werden. Denn, ganz ehrlich, auch ich fand Sätze wie "Ich wichse euch mit dem Besen durch" in meiner Kindheit etwas befremdlich. Wenn also die überarbeitete und sprachlich modernisierte Version von Preußlers "Hotzenplotz" auch auf Kassette erscheint, werde ich es vielleicht nochmal versuchen.

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