Mein Hausarzt hatte mir geraten, meine Füße einmal intensiv untersuchen zu lassen, weil er eine Fehlstellung festgestellt hatte. Also vereinbarte ich einen Termin beim Orthopäden.
Im Behandlungsraum plauderte der Arzt mit mir über die typischen Krankheitserscheinungen bei Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, und erzählte mir vom Fersensporn, den ich möglicherweise haben könnte. Mit seinen subtilen Methoden verunsicherte er mich massiv.
Auf Anweisung zog ich Schuhe und Socken aus, stellte mich gerade hin und wartete beunruhigt auf das Urteil des Arztes. Dieser beäugte meinen linken Fuß kritisch, nickte dann wissend mit dem Kopf und kritzelte gelangweilt in meiner Krankenakte herum.
Dann sagte er: "Ihr Fuß ist vorne viel zu breit! Sehen Sie mal, er hat eine ganz unnatürliche Form! Und Sie treten mit der gesamten Breite auf. Das sollte nicht so sein. Sie laufen zu viel mit den falschen Schuhen!"
Doch ich glaube, der breite Fuß hat eine andere Ursache.
Als Kinder sind wir häufig von der Schule aus nach Hause gerannt. Eins der Kinder hat dann immer gefragt "Sollen wir rennen?" und schon sind alle losgeflitzt. Ich war immer ziemlich langsam und hatte wenig Freude daran. An einem kalten, regnerischen Tag wollte ich nicht mitmachen. Meine Freunde waren vorgerannt und ich trottete langasm hinterher. Doch schnell fühlte ich mich ausgeschlossen und bereute meine vorschnelle Entscheidung. Ich ahnte, dass sie zusammen viel Spaß hatten, während ich ganz alleine unterwegs war. Der Gedanke stimmte mich ganz traurig. In der Hoffnung, die anderen noch einholen zu können, rannte ich los. Der große Tornister wackelte auf meiner Schulter von links nach rechts und ich spürte, wie das Gewicht der Bücher meinen Rücken nach vorne drückte. Meine Brotbox klapperte gegen das Federmäppchen und der übriggebliebene Apfelsaft in der Trinkflasche gluckerte leise. Mit meinen ausgelatschten Turnschuhen lief ich über den Asphalt und beobachtete, wie ich Meter um Meter Weg hinter mir ließ. Als ich links in eine wenig befahrende Straße unserer Siedlung einbiegen wollte, kam mir ein großer schwarzer Jeep entgegen. Erschrocken blieb ich stehen. Freundlich winkte mir die Fahrerin mit roter Dauerwelle zu und forderte mich auf, weiterzugehen. Doch ich kam nicht mehr vorwärts. Das riesenhaft wirkende Vorderrad des Autos war genau auf meinem Fuß gerollt und dort stehengelieben. Mit all meiner Kraft versuchte ich ihn herauszumanövrieren. Doch nichts geschah. Mein Fuß steckte fest. Leicht ungeduldig winkte die Frau wieder. Doch ich schaute sie nur verstört an, zog weiter mein Bein zurück, um den Fuß zu befreien und begann schließlich verzweifelt zu weinen. Irritiert öffnete die Fahrerin das Fenster. "Warum läufst du nicht weiter?", fragte sie mich. Und ich schluchzte "Ich kann nicht. Sie stehen auf meinem Fuß!" Erschrocken glotzte die Frau mich an. Dann setzte sie geistesgegenwärtig den Rückwärtsgang ein, fuhr einige Meter zurück und stieg dann schnell aus dem Jeep aus. "Geht es dir gut? Wie schlimm tut es weh? Komm, setz dich ins Auto. Ich fahre dich nach Hause!" Nun bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Meine Lehrerin hatte uns immer und immer wieder gesagt, dass wir auf keinen Fall in Autos fremder Menschen steigen dürfen. Egal, ob diese nett zu uns sind oder nicht. Und was soll man schon von jemandem halten, der einem gerade auf den Fuß gerollt ist? Völlig panisch drehte ich mich und rannte nach Hause. Die anderen Schulkinder, die mittlerweile dazu gekommen waren und die Szene beobachtet hatten, hatte ich nicht registriert. Ich wollte einfach nur weg von dieser unheimlichen Fremden.
Doch kurz nachdem ich zu Hause angekommen war, klingelte es an der Tür. Draußen stand die Fahrerin und wollte sich bei meiner Mutter über meinen Zustand informieren. Meine Mutter bedankte sich, sagte, es sei alles in Ordnung und verabschiedete sich.
Voreilig, meiner Meinung nach. Denn heute muss ich Einlagen tragen.
Sonntag, November 25, 2012
Mittwoch, November 21, 2012
Diversifikation
Ich finde Elektronikmärkte in der Regel recht öde. Multifunktionsregale in tristen Farben reihen sich auf einem durchgelaufenen dunklen Teppichboden mit veraltetem Muster aneinander. Neben schwarzen Kabelvariationen werden eine erstaunliche Auswahl an Druckerpatronen, haufenweise Stecker und weitere ausschließlich praktisch und wenig ästhetisch orienterte elektronische Geräte präsentiert. An den Decken hängen grelle Rabattschilder und am Anfang jeden Ganges sind Kartons mit Sonderangeboten gestapelt.
Schon die Einfallslosigkeit der Inneneinrichtung löst in mir ein bedrückendes Museumsgefühl aus. Eine gähnende Langeweile, die auch bei der Besichtigung einer Impressionistenausstellung oder einer Porzellanfabrik Besitz von mir nimmt. Beim Anblick der ausgestellten Produkte werde ich ganz müde und bekomme Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Das ständige Piepen der Diebstahlsicherungen an den Handys und Laptops löst in mir ein Genervtheitsgefühl aus, das mich, kombiniert mit den Langeweilesymptomen, in einen Zustand der Apathie versetzt.
Wenn H. also wieder einmal gemächlich durch Saturn oder Media Markt schlendert und ich bereits den gesamten Laden in Augenschein nehmen konnte, während er sich noch keine zehn Meter von der Eingangstür entfernt hat, muss ich mir Strategien überlegen, diesen Zustand zu überwinden.
Anfangs ging ich immer in die Fernsehabteilung, schnappte mir eine der pinken, für meinen Kopf viel zu groß geschnittenen, Papp-3D-Brillen und schaute mir die Trailer auf dem größten der TV-Geräte an.
Doch mittlerweile führt Saturn ein Produkt, das mich tatsächlich interessiert. Und zwar Bücher.
Zwar ist schon bei der Präsentation der Titel ersichtlich, dass die Mitarbeiter mit dem Buchhandel wenig vertraut sind - so werden Mängelexemplare in einem großen Gitter mit dem Schild "Diverse Interpreten" präsentiert - doch dankbar für dieses wohlwollende Entgegenkommen des Marktes schmöker ich in den Büchern und suche zwischen den ausgestellten Bestsellern nach kleinen Schätzen.
Einige Monate lang besaß ich eine Gutscheinkarte von Saturn. Da mit dem Guthaben keine größere Anschaffung möglich war, mir vielmehr der Erwerb zweier Taschenbücher finanzierbar schien, hielt ich im letzten Monat - zufrieden mit der neuen Option - nach potentiellen Titeln Ausschau. Nach einiger Zeit (in der auch H. den Laden in aller Ruhe begutachten konnte) hielt ich zufrieden zwei Bücher in der Hand und ging zur Kasse.
Als ich meinen Gutschein zückte, erntete ich Spott und Hohn. Belustigt begann die junge blonde Kassiererin zu lachen und sagte: "Ach herrlich! Ich geh zu Saturn und kaufe mir Bücher!"
Zu Hause stellte ich die beiden Bücher ins Regal und schnappte mir ein anderes. Eins, das ich in einer Buchhandlung gekauft hatte.
Schon die Einfallslosigkeit der Inneneinrichtung löst in mir ein bedrückendes Museumsgefühl aus. Eine gähnende Langeweile, die auch bei der Besichtigung einer Impressionistenausstellung oder einer Porzellanfabrik Besitz von mir nimmt. Beim Anblick der ausgestellten Produkte werde ich ganz müde und bekomme Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Das ständige Piepen der Diebstahlsicherungen an den Handys und Laptops löst in mir ein Genervtheitsgefühl aus, das mich, kombiniert mit den Langeweilesymptomen, in einen Zustand der Apathie versetzt.
Wenn H. also wieder einmal gemächlich durch Saturn oder Media Markt schlendert und ich bereits den gesamten Laden in Augenschein nehmen konnte, während er sich noch keine zehn Meter von der Eingangstür entfernt hat, muss ich mir Strategien überlegen, diesen Zustand zu überwinden.
Anfangs ging ich immer in die Fernsehabteilung, schnappte mir eine der pinken, für meinen Kopf viel zu groß geschnittenen, Papp-3D-Brillen und schaute mir die Trailer auf dem größten der TV-Geräte an.
Doch mittlerweile führt Saturn ein Produkt, das mich tatsächlich interessiert. Und zwar Bücher.
Zwar ist schon bei der Präsentation der Titel ersichtlich, dass die Mitarbeiter mit dem Buchhandel wenig vertraut sind - so werden Mängelexemplare in einem großen Gitter mit dem Schild "Diverse Interpreten" präsentiert - doch dankbar für dieses wohlwollende Entgegenkommen des Marktes schmöker ich in den Büchern und suche zwischen den ausgestellten Bestsellern nach kleinen Schätzen.
Einige Monate lang besaß ich eine Gutscheinkarte von Saturn. Da mit dem Guthaben keine größere Anschaffung möglich war, mir vielmehr der Erwerb zweier Taschenbücher finanzierbar schien, hielt ich im letzten Monat - zufrieden mit der neuen Option - nach potentiellen Titeln Ausschau. Nach einiger Zeit (in der auch H. den Laden in aller Ruhe begutachten konnte) hielt ich zufrieden zwei Bücher in der Hand und ging zur Kasse.
Als ich meinen Gutschein zückte, erntete ich Spott und Hohn. Belustigt begann die junge blonde Kassiererin zu lachen und sagte: "Ach herrlich! Ich geh zu Saturn und kaufe mir Bücher!"
Zu Hause stellte ich die beiden Bücher ins Regal und schnappte mir ein anderes. Eins, das ich in einer Buchhandlung gekauft hatte.
Donnerstag, November 08, 2012
Mittwoch, November 07, 2012
Räuber, Diebe geh'n auf Ganoven-Tour ...
Es war ein ungemütlicher Herbstnachmittag und ich bummelte im Nieselregen durch die Aachener Innenstadt. Die leuchtend grellen Sale-Schilder, die mir den Weg durch die Fußgängerzone wiesen, wirkten bei dem Wetter und dem grauen, nassen Kopfsteinpflaster völlig einfallslos und deplatziert. Aus den Schaufenstern starrten mich dürre in Neonfarben gekleidetete Schaufensterpuppen müde an. Ihre Körperhaltung hatte etwas verstörend Unnatürliches. Und ihre Outfits schienen die Abfallprodukte eines Bad-Taste-Wettbewerbs zu sein.
Gereizt von der modischen Begrenztheit und der miserablen Auswahl an alternativen Konsumgütern ließ ich die Einkaufspassage hinter mir und sinnierte nach dieser Niederlage über die Frage, ob ich bei meinen Shoppingversuchen mehr Kompromissbereitschaft und modische Offenheit mitbringen sollte. Ich verwarf den Gedanken, überquerte die Straße und lief in Richtung eines Einrichtungsgeschäfts. Kurz vor den Eingangstüren schnitt mir ein junger Mann mit heruntergekommenen Klamotten und zerzausten dunklen Locken den Weg ab und betrat vor mir den Laden. Zielstrebig lief er auf den ersten Präsentationstisch zu, griff sich einen Stapel beiger Damenpullover aus Kaschmir und drehte sich energisch um. In diesem Moment stießen wir beinahe zusammen. Unsere Augen trafen sich. Erschrocken warf er die Pullover zurück auf den Tisch und rannte aus dem Laden. Irritiert blickte ich hinterher. Beinahe hätte er Ware im Wert von 500 Euro mitgenommen. Ein wenig stolz wurde mir bewusst, dass allein mein Auftreten diesen Diebstahl vereiteln konnte. Meine Selbstzweifel, ich würde zu jung und wenig autoritär wirken, waren mit einem Mal beseitigt. Zur rechten Zeit am rechten Ort, würde ich behaupten - und das ganz sicher mit dem richtigen Outfit.
Beschwingt drehte ich mich um, um mich von meinem Publikum als Heldin feiern zu lassen. Doch statt dankbarer Gesichter, glotzten mich zwei dümmliche, farblose Augen einer Schaufensterpuppe an, die einen beigen Kaschmirpullover trug. Weder Kunden noch Mitarbeiter hatten meinen Einsatz bemerkt.
Enttäuscht verließ ich das Geschäft und machte mich auf den Weg nach Hause - quer durch die Fußgängerzone.
Gereizt von der modischen Begrenztheit und der miserablen Auswahl an alternativen Konsumgütern ließ ich die Einkaufspassage hinter mir und sinnierte nach dieser Niederlage über die Frage, ob ich bei meinen Shoppingversuchen mehr Kompromissbereitschaft und modische Offenheit mitbringen sollte. Ich verwarf den Gedanken, überquerte die Straße und lief in Richtung eines Einrichtungsgeschäfts. Kurz vor den Eingangstüren schnitt mir ein junger Mann mit heruntergekommenen Klamotten und zerzausten dunklen Locken den Weg ab und betrat vor mir den Laden. Zielstrebig lief er auf den ersten Präsentationstisch zu, griff sich einen Stapel beiger Damenpullover aus Kaschmir und drehte sich energisch um. In diesem Moment stießen wir beinahe zusammen. Unsere Augen trafen sich. Erschrocken warf er die Pullover zurück auf den Tisch und rannte aus dem Laden. Irritiert blickte ich hinterher. Beinahe hätte er Ware im Wert von 500 Euro mitgenommen. Ein wenig stolz wurde mir bewusst, dass allein mein Auftreten diesen Diebstahl vereiteln konnte. Meine Selbstzweifel, ich würde zu jung und wenig autoritär wirken, waren mit einem Mal beseitigt. Zur rechten Zeit am rechten Ort, würde ich behaupten - und das ganz sicher mit dem richtigen Outfit.
Beschwingt drehte ich mich um, um mich von meinem Publikum als Heldin feiern zu lassen. Doch statt dankbarer Gesichter, glotzten mich zwei dümmliche, farblose Augen einer Schaufensterpuppe an, die einen beigen Kaschmirpullover trug. Weder Kunden noch Mitarbeiter hatten meinen Einsatz bemerkt.
Enttäuscht verließ ich das Geschäft und machte mich auf den Weg nach Hause - quer durch die Fußgängerzone.
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