Montag, Mai 28, 2012

Rente

Jeden Morgen auf dem Weg zum Bus mache ich einen Abstecher in der Bäckerei nebenan und kaufe mir mein Mittagessen. Ich könnte mir auch einfach in der Pause etwas besorgen. Aber immer bestimmt von der irrationalen Angst, ich könnte bis dahin Hunger entwickeln und unterzuckern, sorge ich lieber vor. Es gibt noch eine weitere Bäckerei, die auf dem Weg liegt, nur einige Häuser weiter. Die Angestellten tragen witzige rot-weiß gestreifte Schürzen, die in mir ein Bild von Mary Poppins, ihrem Freund Bert und den Banks-Kindern auf dem Jahrmarkt hervorrufen. Der Universal-Künstler trug beim Ausflug ein Sakko mit dem gleichen Muster. Dort gibt es immer Körnerbrötchen vom Vortag, seltsamerweise aber nie frische. Das kommt mir verdächtig vor. Und deswegen kaufe ich immer im anderen Laden ein.
Allerdings gibt es ein Problem. Die Verkäuferin dort muss mindestens 70 Jahre alt sein. Ihre Haut ist überzogen von Falten, ihr Kopf wackelt immer ganz leicht von vorne nach hinten und ihre Hände zittern. Trotz ihres vorteilhaft geschminkten und braun gebrannten Gesichts und ihrer eleganten, jung wirkenden Kleidung weisen ihre langsamen Bewegungen auf eine Gebrechlichkeit der alten Knochen hin, die Vorsicht gebietet. Für meinen Besuch in der Bäckerei plane ich immer fünf Minuten ein. Der Laden ist gut besucht und die Wartezeit dementsprechend lang. Außerdem ist aus irgendeinem - mir völlig unerklärlichem - Grund das Wechselgeld immer knapp. Fünfzig-Euro-Scheine können vor dem Mittag nie gewechselt werden. Regelmäßig beobachte ich, wie Kunden, die es nicht kleiner haben, wieder weggeschickt werden, natürlich nicht bevor ausführlich über die unangenehme Situation gesprochen wurde. Fünf-Euro-Scheine gibt es nie. Bezahlt man zwei Brötchen mit einem Zehner, bekommt man Hartgeld wieder.
Letzte Woche war ich spät dran. Der Laden war leer, als ich ihn betrat. Suchend schaute ich mich um. Die Tür der kleinen Backstube nebenan war offen, doch auch auf meinen lauten, auffordernden Gruß hin, erschien niemand im Verkaufsraum. Ungeduldig beobachtete ich, wie sich der Minutenzeiger der Uhr mühsam vorwärts quälte, und vermutete, dass diese demonstrative Zurschaustellung der voran laufenden Zeit sicher keinen verkaufsfördernden Effekt hatte. Da entdeckte ich die alte Frau, wie sie mit mit einem Lappen in der Hand den Raum betrat. Als sie mich wahrnahm, sagte sie freundlich "Guten Morgen" und widmete sich dann in aller Ausführlichkeit der Säuberung der Tische. Verwirrt beobachtete ich ihre konzentrierten Bewegungen und fragte mich, ob sie meine Anwesenheit wohl schon wieder vergessen hatte. Als ich gerade darüber nachdachte, zu gehen, um den Bus nicht zu verpassen, forderte sie mich mit dem typischen Verkäufer-"Bitteschön!", das mehr nach Befehl als nach einer Frage klingt, auf, meine Bestellung aufzugeben. Etwas in Sorge, dass sie sich diese nicht würde merken können bis sie die Brötchentheke erreicht hatte, sagte ich langsam und deutlich: "Ich hätte gerne ein Körnerbrötchen, eins mit Sonnenblumenkernen und ein süßes Hörnchen." Die Frau nahm eine Tüte und packte mir ein Körnerbrötchen ein, schaute mit einem freundlichen Blick hoch und fragte: "Noch etwas?" Ich wiederholte meine Bestellung.
Am nächsten Morgen passte ich nicht auf. Beim Mittagessen merkte ich, dass sie das Körnerbrötchen vergessen hatte.
In der darauffolgenden Woche bestellte ich wieder das Gleiche. Sie packte zwei Körnerbröchten ein und murmelte vor sich hin: "Und ein Croissant", während sie schon nach einem griff.
Beim Bezahlen legte ich ihr einen Fünf-Euro-Schein und ein 10-Cent-Stück hin. Das Cent-Stück ließ sie fallen. Sie merkte es nicht.
Montag bestellte ich erneut - noch deutlicher, denn ich hatte nun Übung: "E i n  K ö r n e r b r ö t c h e n, e i n s  m i t  S o n n e n b l u m e n k e r n e n  u n d   e i n  s ü ß e s  H ö r n c h e n!" Sie griff nach der Zange und beförderte siegessicher zwei Brötchen in die Tüte und hielt sie mir zufrieden entgegegen.

Am Dienstag änderte ich meine Strategie. Seitdem möchte ich immer "Drei Körnerbrötchen."

Sonntag, Mai 27, 2012

Kurioses aus Aachen

Gestern in Aachen ...

1) Vor mir lief ein Paar, etwa 40 Jahre alt. Die Frau trug ein rot-weiß gestreiftes Kleid, das an ein verlängertes Sportshirt erinnerte und für das sie trotz der Einfallslosigkeit des Designers sicher einen unverschämten Preis gezahlt hatte. Ihre blondierten Haare waren am Kinn akkuarat zu einem spießigen Bob geschnitten, der perfekt zur Sylt-Urlauber-Optik des Paares passte. Die beiden unterhielten sich über eine Termin mit einem befreundeten Ehepaar, als die Frau sagte: "Ist ja auch egal. Ihr könnt ja mal schauen. Wir Chicas treffen uns abends ohnehin im Café."

2) In der Fußgängerzone kam mir ein kleiner zierlicher Dackel entgegegen. Mir sind Dackel extrem sympathisch. Die kurzen Beine mit dem in die Länge gezogenen Rücken und dem bärtigen Gesicht lassen das merkwürdig proportionierte Tier fast surreal wirken. Gut gelaunt und schwanzwedelnd trottete mir der Kleine entgegen, im Schlepptau einen älteren Herrn.
Plötzlich hörte ich ein tiefes Knurren. Gelbe, scharfe Zähne kamen zum Vorschein und die Leine begann gefährlich zu vibrieren. Mit einem Mal explodierte es und der Hund brachte ein wütendes, dunkles Kläffen hevor. Er zerrte an der Leine, riss mit aller Gewalt daran und fixierte dabei etwas, das hinter mir zu sein schien. Wie kurze schnelle Schüsse dröhnte sein tiefes Bellen durch die Straße und zog neugierige Blicke auf sich. Ich drehte mich um und entdeckte einen muskulösen, sabbernden Boxer, der gemütlich an mir vorbei spazierte.
Auf dem Halsband des Dackels stand "Schmusebacke".

3) Zwei Freunde im Café. Der eine beschwerte sich lautstark: "Ey, ich hasse den! Ich hasse den! Wenn ich den treffe, ich überfahre den!" Ich stellte mir vor, wie er ihn in einer Imbissbude, einer Bar oder der Fußgängerzone trifft, losrennt und schnell sein Auto holt.

4) Eine junge Mutter schob ihren Kinderwagen vor sich über die Straße. Eine Freundin begleitete sie und steigerte sich in einen Monolog hinein. Sichtlich aufgebracht erzählte sie: "Man! Ich bin dem auch immer hinterhergelaufen. Der kann mir auch mal hinterlaufen. Thomas sagt auch, ich bin ihm immer hinterhergelaufen. Warum kann der mir nicht mal hinterlaufen. Der wird einem Mädchen doch wohl auch mal hinterherlaufen können ..." Da musste ich abbiegen und dachte an einen Artikel aus der "Zeit" zur Stilkunde, in dem sich der Verfasser über einen krampfhaften Gebrauch von Synonymen beschwert.

5) Die Cafés hatten Ihre Stühle rausgestellt und der Platz war voller Menschen, die sich unter dem Schutz von Sonnenschirmen ein kühles Getränk oder ein Eis gönnten. Ich schlenderte an ihnen vorbei, ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen und genoss die warme Luft. Ein braun gebrannter Mann mir kurzer Hose und T-Shirt kam mir entgegen. In seinen Händen hielt er zwei Skier. Mich würde interessieren, was er damit vorhatte.



Donnerstag, Mai 24, 2012

Mehr Kostbarkeiten als Plunder


Eins meiner neuen Lieblingsbilder von Jonny.

Mittwoch, Mai 09, 2012

Der Verfall der deutschen Sprache

Um Kunden die Möglichkeiten zu bieten, in einer angenehmen Atmosphäre lange und ausgiebig in den Büchern zu schmökern, hatte man in der Buchhandlung, in der ich einige Zeit beschäftigt war, mehrere gemütliche Sitzgruppen auf den Etagen platziert. Vor allem in der Schulbuchabteilung wurden diese allerdings häufig von Jugendlichen in Beschlag genommen, die die Sache mit der Schulpflicht möglicherweise nicht so eng sahen und auch kein Gefühl für Lautstärke mitbrachten. So konnte ich in auf der gesamten Etage die geistreichen Debatten und tiefschürfenden Diskussionen mithören und stellte fest, dass die Gespräche völlig ohne Präpositionen abliefen.
Als das Handy von einem der Jungs klingelte, hielt er es sich ans Ohr:
"Ey, Alter, was is'?"
Pause.
"Näh, ich bin Buchhandlung! Ich bin Buchhandlung!"
Pause.
"Komm Bushof!"
Pause.
"Ja, ich komm auch Bushof!"
Dann legte er auf, drehte sich zu seinen Kumpels und sagte: "Komm, wir müssen Bushof."
Gesammelt standen alle auf und schlurften Richtung Rolltreppe.

Als ich auf einer Geburtstagsfeier von meinen Beobachtungen erzählte, musste ich feststellen, dass anderen dieses Phänomen schon viel früher augefallen war und sie auch schon einen Spitznamen für die Jugendlichen hatten: "Präpositionsloses Pack".

Ich frage mich, wieso für den Genitiv Rettungsaktivisten laut werden, nach den Präpositionen aber kein Hahn kräht.
Sebastian Sick sollte sich dieses Problems (oder diesem Problem?) annehmen!

Donnerstag, Mai 03, 2012

Billard

Auf unserer Hotelanlage in Ägypten gab es einen Billardtisch. Er stand direkt neben der Bar, schien ein wenig klein und der grüne Filz hatte sicher schon einiges mitmachen müssen. Aber wir spielten trotzdem jeden Abend. Meistens gewann ich, obwohl zum Schluss noch alle meine Kugeln auf dem Tisch lagen. Meine Versuche blieben einfach so lange erfolglos bis H. die schwarze Acht versehentlich im falschen Loch versenkte und mir so den Sieg schenkte. Meine Strategie ging fast immer auf und es machte mit mehr Spaß als es vielleicht vermuten lässt.
An der Bar arbeitete immer ein Ägypter. In seinem Arbeitsanzug, der für die Temperatur sicher viel zu warm war, stand er mittags ab 12 hinter der Theke und wartete auf Bestellungen. Das Hotel war nicht ausgebucht und die meisten Gäste waren tagsüber am Strand. Doch wenn man ihn um ein Getränk bat, bekam man plötzlich das surreale Gefühl, die Welt würde in einen Zeitlupenmodus verfallen. Selbst sein Zwinkern, das mir bedeuten sollte, er habe verstanden und würde sich darum kümmern, schien mir verlangsamt. Die dunklen Augen visierten mich, klebten müde an meinem Gesicht, verschwanden dann für einige Zeit unter den Lidern und kamen mit der gleichen Schlaffheit wieder zum Vorschein. Träge bückte sich der Barkeeper und kam erst etliche Augenblicke später mit einer Flasche in der Hand wieder hoch. Mühsam stellte er sie vor sich ab. Als könnte er kaum genug Kraft dafür aufwenden, drehte er den Deckel, erst ein Mal, dann nochmal ... bis die Flasche endlich offen war.  Da kein Glas in unmittelbarer Reichweite zu finden sein schien, schaute er sich betrübt um. Auf der anderen Seite der Bar entdeckte er schließlich einige, rüstete sich für den zwei-Meter-Marsch und schlurfte hinüber. Als er wieder zurück war, nahm er die zurvor geöffnete - Gott sei Dank war das schon erledigt - Flasche in die Hand und goss langsam ein. Als wäre es eine heilige Handlung beobachtete er, wie das Glas voller wurde, das Getränk sich ausbreitete und die Kohlensäure sprudelte. Dann setzte er ab, stellte die Flasche vor sich und hielt mir stolz das Glas entgegen.
Wenn wir Billard spielten, konnten wir zurück zum Tisch gehen und die Wartezeit so überbrücken.
Als ich an einem Abend zwischen mehreren Spielen von der Toilette wiederkam, hatte sich Kamal, der Barkeeper, zu H. gesellt und sich den zweiten Queue geschnappt. Die beiden befanden sich mitten in einer Partie und ich setzte mich daneben, um zuzusehen. Als Kamal mich entdeckte, strahlte er mich an und seine Augen wirkten plötzlich wach und aufgeregt. Die Müdigkeit und Schwere waren verschwunden. Als er am Zug war, traf er die weiße Kugel nicht, stieß aber gegen die dahinterliegenden Vollen. Unbeirrt spielte er weiter. Es stellte sich heraus, dass er die Regeln nicht beherrschte. Dass es überhaupt welche gab, war ihm neu. Abwechselnd zielte er mal auf die Vollen, mal auf die Halben. Manchmal vergaß er, dass die weiße Kugel zuerst angespielt werden musste und zielte stattdessen direkt auf die Bunten. Die Bedeutung der schwarzen Acht war ihm völlig fremd. Er wusste, dass man sich abwechselt, aber nicht, in welchen Rhythmus. Deutsch und englisch sprach er leider auch nicht und so musste H. die Runde so beenden. Doch nachdem er alle seine Kugeln versenkt und auch die Schwarze ins richtige Loch manövriert hatte, spielte Kamal weiter bis die Tischplatte aufgeräumt war.
Und weil es so eine gelungene Partie gewesen war, wurde gleich die nächste vorbereitet.

In dieser Zeit hätte ich mir eigentlich schnell eine Cola hinter der Theke eingießen können ...