Meine Nachbarin saugt oft Staub.
Mehrmals täglich werde ich von dem gleichmäßigen Geräusch des Saugers eingelullt. Teilweise mehrere Stunden am Stück, die nur durch kurze Pausen unterbrochen werden. Nach einem kurzen Aufheulen geht es los. Ist es ein Rauschen, ein Brummen, ein Surren, ein Summen?
Sie saugt und saugt und saugt.
Ihr Hauptproblem scheint der Raum direkt neben unserem Wohnzimmer zu sein.
Da ihre Wohnung nicht im selben, sondern im Nebenhaus liegt, habe ich sie noch nicht getroffen, ich kenne weder ihr Gesicht noch ihren Namen. Vielleicht ist dies der einzige Grund, warum ich noch nie meine vier Etagen runter und ihre vier Etagen wieder raufgestiegen bin, um bei ihr zu klingeln und sie höflich zu bitten, damit aufzuhören. Vielleicht ist es auch Faulheit. Oder ich habe einfach nur Angst.
Zuerst hatte ich die Vermutung, sie könnte mit einem Haufen Katzen zusammen leben. Im Nebenhaus wohnt auf jeden Fall eine, die sich häufig auf unser Dach verirrt und dann von ihren besorgten Besitzern gesucht wird. Aber eigentlich habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit vielen Tieren tendentiell seltener unter einem Sauberkeitswahn leiden, sondern sich viel mehr an die Haare auf dem Sofa, im Bett und auf dem Teppich gewöhnen und sich selbst dem Geruch ihrer Mitbewohner anpassen.
Dann hatte ich mir vorgestellt, sie sei Friseurin. Wenn sie eine Art Salon in ihre Wohnung integriert und viele Kunden hätte, müsste sie auch oft die Haare beseitigen. Ein Staubsauger würde sich dafür doch hervorragend eignen. Allerdings saugt sie vor allem spät abends und an Feier- sowie Sonntagen. Zwar wäre es trotzdem möglich, dennoch halte ich es für unwahrscheinlich. Außerdem sind unsere Wohnungen sehr hellhörig. Als nebenan mal jemand seinen Abend mit einem Ego-Shooter-Spiele verbrachte, konnte ich den Soldaten mit seinen Waffen förmlich durch unser Wohnzimmer laufen sehen. Trotzdem höre ich nie Unterhaltungen. Unsere Nachbarin würde doch sicherlich auch mal mit ihrem Kunden sprechen.
Aus Mangel an weiteren Ideen bleibe ich bei der wahrscheinlichsten Erklärung. Sie hat einen Putzzwang. Die Unregelmäßigkeiten, die übertriebende Dauer der Saugvorgänge und die Häufigkeit - all das lässt sich am besten mit einer Krankheit erklären, deren Erscheinungen sich nicht mit rationaler Logik nachvollziehen lassen. Doch wenn dies der Fall ist, weiß man nicht, was zusätzlich noch im Argen liegen mag. Vielleicht liegen noch weitere psychische Störungen vor und es wäre unklug, sich drüben vorzustellen.
Also werde ich dem Rätsel wohl nicht auf die Spur kommen.
Aber ich glaube, ich könnte die Sauggeräusche viel besser ertragen, wenn ich den Grund dafür kennen würde.
Ich wüsste einfach zu gerne, warum sie so viel saugt!
Oder sauge ich zu wenig?
Sonntag, April 29, 2012
Samstag, April 28, 2012
Der Wolkenklau
Vor zwei Wochen hatte ich sieben Tage Urlaub und verbrachte ihn in Ägypten. Als das Flugzeug beim Hinflug die gewünschte Höhe erreicht hatte, bot sich mir ein beeindruckender Anblick. Wie eine gigantische Version von Frau Holles Decke lag unter mir ein Meer von strahlend weißen Wolken. Einzig der enorme Geräuschpegel in der Maschine trübte das idyllische Bild.
Ich musste an eine Geschichte aus meiner Kindheit denken.
Lange Zeit hatte ich angenommen, Wolken würden mit einem komplizierten System in großen Fabriken hergestellt werden, um dem Himmel eine gewisse Ästhetik zu verleihen. Der Qualm, der aus den großen Schornsteinen kommt, nahm ich an, würde aufsteigen und sich zu großen und kleinen Wolkengruppen formieren. Erst als ich meine These laut aussprach und korrigiert wurde, ahnte ich, dass der Ursprung der Wolken ein anderer sein muss. Dennoch faszinierten sie mich. Sie sahen so schrecklich weich und sauber aus und ich stellte es mir unfassbar gemütlich vor, sich darin einzukuscheln. Als meine Mutter mir dann erzählte, dass sie schonmal mit einem Flugzeug durch die Wolken geflogen sei, war ich ganz Ohr. "Waren die Wolken dann direkt neben dir?", wollte ich wissen. "Ja, genau.", sagte sie. "Ich hätte mich nur rausstrecken müssen, und ich hätte eine in der Hand gehabt." Ich war begeistert. "Hast du eine mitgebracht?", fragte ich aufgeregt und stellte mir schon vor, wie sie in einer Kiste auf dem Dachboden lagerte. "Nein, habe ich nicht.", war die ernüchternde Antwort und das Gespräch war beendet. Ich war fassungslos. Und wütend. Wie konnte jemand so egoistisch und rücksichtslos sein, und keine Wolke mitnehmen, wenn er die Möglichkeit dazu hat.
Erst als ich später erfuhr, dass sich die Fenster im Flugzeug nicht öffnen lassen, war ich einigermaßen versöhnt.
Ich musste an eine Geschichte aus meiner Kindheit denken.
Lange Zeit hatte ich angenommen, Wolken würden mit einem komplizierten System in großen Fabriken hergestellt werden, um dem Himmel eine gewisse Ästhetik zu verleihen. Der Qualm, der aus den großen Schornsteinen kommt, nahm ich an, würde aufsteigen und sich zu großen und kleinen Wolkengruppen formieren. Erst als ich meine These laut aussprach und korrigiert wurde, ahnte ich, dass der Ursprung der Wolken ein anderer sein muss. Dennoch faszinierten sie mich. Sie sahen so schrecklich weich und sauber aus und ich stellte es mir unfassbar gemütlich vor, sich darin einzukuscheln. Als meine Mutter mir dann erzählte, dass sie schonmal mit einem Flugzeug durch die Wolken geflogen sei, war ich ganz Ohr. "Waren die Wolken dann direkt neben dir?", wollte ich wissen. "Ja, genau.", sagte sie. "Ich hätte mich nur rausstrecken müssen, und ich hätte eine in der Hand gehabt." Ich war begeistert. "Hast du eine mitgebracht?", fragte ich aufgeregt und stellte mir schon vor, wie sie in einer Kiste auf dem Dachboden lagerte. "Nein, habe ich nicht.", war die ernüchternde Antwort und das Gespräch war beendet. Ich war fassungslos. Und wütend. Wie konnte jemand so egoistisch und rücksichtslos sein, und keine Wolke mitnehmen, wenn er die Möglichkeit dazu hat.
Erst als ich später erfuhr, dass sich die Fenster im Flugzeug nicht öffnen lassen, war ich einigermaßen versöhnt.
Sonntag, April 01, 2012
Sonnenstrahlen
Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen in diesem Jahr packte ich meine Decke unter den Arm und ging in den Park. Kaum hatte ich es mir auf der Wiese gemütlich gemacht, setzte sich ein Mann hinter mich, den ich unter normalen Umständen wohl "Obdachloser" nennen würde. Doch eigentlich weiß ich gar nicht, ob diese Leute tatsächlich ohne Obdach sind. Es gab nur einige Hinweise, wie seine ausgebeulte Hose, das schmuddelige Hemd, der Dreck unter den Fingernägeln, die langen fettigen braunen Locken und der Drei-Tage-Bart, der sicher schon mehr als drei Tage vor sich hin wuchs. Kurze Zeit später, stieß ein (ähnlich ungepflegter) Freund zu ihm. Die beiden unterhielten sich einige Zeit. Dann kramte der Lockige in seiner Tasche und beförderte eine Batterie zu Tage. "Hier", sagte er fröhlich. "Ich habe neue Batterien bekommen. Auf der müsste noch was drauf sein..." er kramte weiter. "Und auf der auch." Gut gelaunt steckte er sie in seinen kleinen tragbaren CD-Player, aus dem auch gleich scheppernde Musik erklang.
Schlagartig war ich genervt. Eine Mischung aus Pop, christlichem Wir-Klatschen-Im-Rhythmus-Mit-Und-Wiegen-Uns-Im-Takt-Worship und psychedelischen Bollywood-Klängen erreichten mein Ohr. So eine Musik hatte ich noch nie gehört. Und doch erinnerte sie mich an eine Wahlwerbung der Violetten, die ich vor etwa zehn Jahren im Politikunterricht gesehen hatte.
Der Mann drehte sich zu seinem Freund: "Geil, wa? Die Scheibe? ...also wem das nicht gefällt."
Schlagartig war ich genervt. Eine Mischung aus Pop, christlichem Wir-Klatschen-Im-Rhythmus-Mit-Und-Wiegen-Uns-Im-Takt-Worship und psychedelischen Bollywood-Klängen erreichten mein Ohr. So eine Musik hatte ich noch nie gehört. Und doch erinnerte sie mich an eine Wahlwerbung der Violetten, die ich vor etwa zehn Jahren im Politikunterricht gesehen hatte.
Der Mann drehte sich zu seinem Freund: "Geil, wa? Die Scheibe? ...also wem das nicht gefällt."
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