Freitag, Dezember 21, 2012

Ikea und Erziehung

Es war ein gewöhnlicher Samstag Vormittag. Es war noch ruhig im Laden. In den Regalen reihten sich Buchrücken wohl geordnet aneinander, auf den Tischen lagen kleine Stapel mit Bestsellern und ich hörte das ruhige monotone Surren der Rolltreppen. Während ich an der Kasse für einen Kunden eine DVD in Geschenkpapier einpackte, beobachtete ich einen älteren Herrn mit kariertem Schal und hellem Mantel. Entspannt spazierte er durch die Reihen und begutachtete die ausgelegten Angebote. Hinter ihm entdeckte ich einen West Highland Terrier, der interessiert den alten, durchgelaufenen Teppichboden beschnüffelte. An einer der Säulen machte er kurz Halt, presste seine feuchte Nase gegen die Tapete und hob dann zufrieden sein Bein.

Ich wurde nervös, wollte gerade hinter der Kasse hervorspringen, als ich bemerkte, dass die Blase des Tieres wohl nichts mehr hergab. Sicher hatte er schon draußen jede Laterne, jede Telefonzelle, jeden Autoreifen und sogar die kleinsten Maulwurfhügel mit einem kleinen Spritzer Urin benetzt. Die Säule wurde also verschont.

Ein anderes Schicksal ereilte eine Säule bei Ikea. Vor einigen Wochen stand ich gemeinsam mit J. an der Kasse. Vor uns warteten zwei junge Frauen und unterhielten sich angeregt auf niederländisch. Neben ihnen wippte ein kleiner, etwa vierjähriger, Junge gelangweilt hin und her und schaute sich neugierig in der großen Lagerhalle um. Von der Mutter unbemerkt entfernte er sich von der wartenden Schlage und schlenderte an den Angebotswannen vorbei. An einer der hohen Säulen blieb er stehen, fummelte mit seinen dünnen Händchen an dem Reißverschluss seiner Jeans und begann zu pinkeln. Erschrocken machte ich einen Schritt nach vorne. „Entschuldigen Sie!“, sagte ich. „Ich glaube, ihr Sohn ...“ Weiter kam ich nicht. Die beiden Frauen drehten ihre Köpfe in Richtung des Kindes und fingen vergnügt an zu lachen. Kichernd ging die Blonde zur Säule, nahm die Hand des Kindes und kam fröhlich wieder zurück. Der Junge lächelte mich freundlich an.
Ich schaute zur Säule. Auf der weißen Farbe hatte das Urin eine dunkle Spur hinterlassen. Davor hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.

Verwirrt schaute ich die beiden Frauen an. Sie hatten den Vorfall schon wieder vergessen, diskutierten über ihre Einkäufe und der Junge war bereits auf dem Weg zurück in die Richtung, aus der er gerade gekommen war. Sollte ich etwa überreagiert haben?

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