Sonntag, November 25, 2012

Schadensersatzforderung

Mein Hausarzt hatte mir geraten, meine Füße einmal intensiv untersuchen zu lassen, weil er eine Fehlstellung festgestellt hatte. Also vereinbarte ich einen Termin beim Orthopäden.
Im Behandlungsraum plauderte der Arzt mit mir über die typischen Krankheitserscheinungen bei Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, und erzählte mir vom Fersensporn, den ich möglicherweise haben könnte. Mit seinen subtilen Methoden verunsicherte er mich massiv.
Auf Anweisung zog ich Schuhe und Socken aus, stellte mich gerade hin und wartete beunruhigt auf das Urteil des Arztes. Dieser beäugte meinen linken Fuß kritisch, nickte dann wissend mit dem Kopf und kritzelte gelangweilt in meiner Krankenakte herum.
Dann sagte er: "Ihr Fuß ist vorne viel zu breit! Sehen Sie mal, er hat eine ganz unnatürliche Form! Und Sie treten mit der gesamten Breite auf. Das sollte nicht so sein. Sie laufen zu viel mit den falschen Schuhen!"


Doch ich glaube, der breite Fuß hat eine andere Ursache.

Als Kinder sind wir häufig von der Schule aus nach Hause gerannt. Eins der Kinder hat dann immer gefragt "Sollen wir rennen?" und schon sind alle losgeflitzt. Ich war immer ziemlich langsam und hatte wenig Freude daran. An einem kalten, regnerischen Tag wollte ich nicht mitmachen. Meine Freunde waren vorgerannt und ich trottete langasm hinterher. Doch schnell fühlte ich mich ausgeschlossen und bereute meine vorschnelle Entscheidung. Ich ahnte, dass sie zusammen viel Spaß hatten, während ich ganz alleine unterwegs war. Der Gedanke stimmte mich ganz traurig. In der Hoffnung, die anderen noch einholen zu können, rannte ich los. Der große Tornister wackelte auf meiner Schulter von links nach rechts und ich spürte, wie das Gewicht der Bücher meinen Rücken nach vorne drückte. Meine Brotbox klapperte gegen das Federmäppchen und der übriggebliebene Apfelsaft in der Trinkflasche gluckerte leise. Mit meinen ausgelatschten Turnschuhen lief ich über den Asphalt und beobachtete, wie ich Meter um Meter Weg hinter mir ließ. Als ich links in eine wenig befahrende Straße unserer Siedlung einbiegen wollte, kam mir ein großer schwarzer Jeep entgegen. Erschrocken blieb ich stehen. Freundlich winkte mir die Fahrerin mit roter Dauerwelle zu und forderte mich auf, weiterzugehen. Doch ich kam nicht mehr vorwärts. Das riesenhaft wirkende Vorderrad des Autos war genau auf meinem Fuß gerollt und dort stehengelieben. Mit all meiner Kraft versuchte ich ihn herauszumanövrieren. Doch nichts geschah. Mein Fuß steckte fest. Leicht ungeduldig winkte die Frau wieder. Doch ich schaute sie nur verstört an, zog weiter mein Bein zurück, um den Fuß zu befreien und begann schließlich verzweifelt zu weinen. Irritiert öffnete die Fahrerin das Fenster. "Warum läufst du nicht weiter?", fragte sie mich. Und ich schluchzte "Ich kann nicht. Sie stehen auf meinem Fuß!" Erschrocken glotzte die Frau mich an. Dann setzte sie geistesgegenwärtig den Rückwärtsgang ein, fuhr einige Meter zurück und stieg dann schnell aus dem Jeep aus. "Geht es dir gut? Wie schlimm tut es weh? Komm, setz dich ins Auto. Ich fahre dich nach Hause!" Nun bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Meine Lehrerin hatte uns immer und immer wieder gesagt, dass wir auf keinen Fall in Autos fremder Menschen steigen dürfen. Egal, ob diese nett zu uns sind oder nicht. Und was soll man schon von jemandem halten, der einem gerade auf den Fuß gerollt ist? Völlig panisch drehte ich mich und rannte nach Hause. Die anderen Schulkinder, die mittlerweile dazu gekommen waren und die Szene beobachtet hatten, hatte ich nicht registriert. Ich wollte einfach nur weg von dieser unheimlichen Fremden.
Doch kurz nachdem ich zu Hause angekommen war, klingelte es an der Tür. Draußen stand die Fahrerin und wollte sich bei meiner Mutter über meinen Zustand informieren. Meine Mutter bedankte sich, sagte, es sei alles in Ordnung und verabschiedete sich.

Voreilig, meiner Meinung nach. Denn heute muss ich Einlagen tragen.

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