Mittwoch, November 07, 2012

Räuber, Diebe geh'n auf Ganoven-Tour ...

Es war ein ungemütlicher Herbstnachmittag und ich bummelte im Nieselregen durch die Aachener Innenstadt. Die leuchtend grellen Sale-Schilder, die mir den Weg durch die Fußgängerzone wiesen, wirkten bei dem Wetter und dem grauen, nassen Kopfsteinpflaster völlig einfallslos und deplatziert. Aus den Schaufenstern starrten mich dürre in Neonfarben gekleidetete Schaufensterpuppen müde an. Ihre Körperhaltung hatte etwas verstörend Unnatürliches. Und ihre Outfits schienen die Abfallprodukte eines Bad-Taste-Wettbewerbs zu sein.
Gereizt von der modischen Begrenztheit und der miserablen Auswahl an alternativen Konsumgütern ließ ich die Einkaufspassage hinter mir und sinnierte nach dieser Niederlage über die Frage, ob ich bei meinen Shoppingversuchen mehr Kompromissbereitschaft und modische Offenheit mitbringen sollte.
Ich verwarf den Gedanken, überquerte die Straße und lief in Richtung eines Einrichtungsgeschäfts. Kurz vor den Eingangstüren schnitt mir ein junger Mann mit heruntergekommenen Klamotten und zerzausten dunklen Locken den Weg ab und betrat vor mir den Laden. Zielstrebig lief er auf den ersten Präsentationstisch zu, griff sich einen Stapel beiger Damenpullover aus Kaschmir und drehte sich energisch um. In diesem Moment stießen wir beinahe zusammen. Unsere Augen trafen sich. Erschrocken warf er die Pullover zurück auf den Tisch und rannte aus dem Laden. Irritiert blickte ich hinterher. Beinahe hätte er Ware im Wert von 500 Euro mitgenommen. Ein wenig stolz wurde mir bewusst, dass allein mein Auftreten diesen Diebstahl vereiteln konnte. Meine Selbstzweifel, ich würde zu jung und wenig autoritär wirken, waren mit einem Mal beseitigt. Zur rechten Zeit am rechten Ort, würde ich behaupten - und das ganz sicher mit dem richtigen Outfit.
Beschwingt drehte ich mich um, um mich von meinem Publikum als Heldin feiern zu lassen. Doch statt dankbarer Gesichter, glotzten mich zwei dümmliche, farblose Augen einer Schaufensterpuppe an, die einen beigen Kaschmirpullover trug. Weder Kunden noch Mitarbeiter hatten meinen Einsatz bemerkt.
Enttäuscht verließ ich das Geschäft und machte mich auf den Weg nach Hause - quer durch die Fußgängerzone.



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