Dienstag, August 21, 2012

Google und die Hitze

Nach einem entspannten und sonnigen Tag in Essen mit einem Ausflug in den Grugapark, einem leckeren Eiskaffee und einem Bummel durch die Fußgängerzone wartete ich nachmittags am Hauptbahnhof auf den Zug zurück nach Aachen. Die Bahn hatte schon im Vorhinein Verspätungen angekündigt, die mit dem hohen Reiseaufkommen während der Gamescon entschuldigt wurden. Unklar blieb, warum auch mein Zug mit 20 Minuten Verspätung am Gleis eintrudelte. Die Strecke von Paderborn nach Essen schien mir von der Messe in Köln nicht betroffen. Aber ich kann mich irren.
Ich stieg ein. Und obwohl es draußen bereits über 30 Grad waren, fing ich schlagartig an zu schwitzen. Keine Klimaanlage, keine Lüftung, nicht mal ein kleines Lüftchen. Die Luft stand.

Ich schnappte mir den ersten freien Platz und stellte fest, dass ich im Partywaggon gelandet war. Fetzige Songs von Pitbull und Marc Anthony tönten durch die Sitzreihen und verbreiteten eine Bombenstimmung beim großzügigen Organisator der Fete. Aus seinem Handy, das ihm als DJ-Pult diente, dröhnte blecherner Sound in mein Ohr.
Die übrigen Reisegäste wirkten angeschlagen. Und auch ich merkte, wie mein Körper müde zu werden schien.
Die Hitze hatte sich um mich gelegt wie eine wärmende Wolldecke, wie eine zweite Haut, ein Bärenfell, das eins mit mir wurde und nicht mehr abgestreift werden konnte. Kleine Schweißperlen liefen mir übers Gesicht. Meine Beine glänzten und in den Armbeugen hatten sich Pfützchen gebildet. Meine Haare klebten an meiner Stirn. Beim Versuch, sie wegzustreichen, vermischte sich der Schweiß meines Gesichts mit dem meiner Hände. Die Haare klebten weiter. Ich lehnte mich zurück, streckte Beine und Arme weit von mir. Und schwitzte. Die Hitze wirkte beklemmend auf mich, sie engte mich ein. Plötzlich überkam mich klaustrophobische Panik. Hektisch griff ich in meine Tasche, fand "Die Straße" von McCarthy, klappte es auf und begann, mir Luft zuzuwedeln.  
Während ich gegen die drohende Ohnmacht ankämpfte, unterhielten sich meine ebenso schwitzenden Sitznachbarn.
"Mensch! Die Klimaanlagen fallen aber auch jeden Sommer aufs Neue aus! Das kriegt die Bahn einfach nicht hin. Gerade eben im Aldi war es schön! So frisch!"
"Ja! Ehrlich gesagt war es das Beste, was mir heute passiert ist."
Pause.
Erschöpft starrten die Freunde ins Leere.
"Wisst ihr, was wir jetzt alle machen müssen? Schließt eure Augen, entspannt euch. Sprecht zu euren Schweißporen und sagt: Hört auf. Ihr habt genug geleistet. Ihr könnt euch schließen."
Ich versuchte es. Doch meine Schweißporen gehorchten mir nicht.
Das Mädchen, das vorher auf meinem Platz gesessen hatte, hatte sich aus der Bahn Mobil einen Fächer gebastelt, den ich übernahm. Und bis Aachen nicht mehr aus der Hand gab.

Mittlerweile hatte der Zug 40 Minuten Verspätung. An drei Bahnhöfen gab der Lokführer über den Lautsprecher durch, dass sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögern werde. Kurz nach Essen wusste er noch nicht, ob wir überhaupt in Köln einfahren würden.

Es war mir egal. Für mich existierte nur noch die Hitze.
Ich stellte mir vor, kalt zu duschen. Oder mich gleich in eine mit Eiswürfeln gefüllte Badewanne zu legen. In einen See zu springen oder ins Meer. Ich dachte an Planschbecken, Swimmingpools, an eiskalte Getränke, Wassereis ...
Ich dachte, dass die Bahn wirklich ein besseres Krisenmanagement braucht. Zum Beispiel jemanden, der den Reisenden kaltes Wasser ausschenkt.
Ich blieb ganz bescheiden.

Eine Viertelstunde bevor wir in Aachen einfahren sollten, passierte ein Schaffner unser Abteil. Grinsend sagte er zu uns: "Der Waggon nebenan ist kühler."
Ich schnappte meine Sachen, sprang auf und beeilte mich, in das andere Abteil zu kommen. Tatsächlich kühlte eine Lüftung den Raum auf ca. 30 Grad.

Endlich in Aachen angekommen, wartete H. mit einem Menü von McDonalds auf mich. Ich nahm einen tiefen Schluck von der Cola.
"Will man einmal in seinem Getränk Eiswürfel haben, die einem sonst nur Hirnfrost und schmerzende Zähle bescheren, gibt es bei McDonalds keine mehr." beschwerte sich H., als mir gerade der lauwarme, verdünnte Sirup die Speiseröhre herunterlief.

Einen Tag später war ich ausgiebig im kühlen Blausteinsee schwimmen.

Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass Google bei einer Suche nach dem Begriff "Hitze" als ersten Treffer einen Artikel über die Reise mit der Deutschen Bahn anzeigt.

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