Sonntag, Juli 01, 2012

Macht

In nahezu allen zwischenmenschlichen Beziehungen spielt Macht eine Rolle - offenkundig oder versteckt. Der Mensch scheint eine perfide Lust daran zu haben, Macht auf andere auszuüben. Einige setzen sie ein, um sich in der eigenen Position sicher fühlen zu können und die Kontrolle zu bewahren. Nicht wenigen geht es dabei aber nur um die Lust, die sie empfinden, wenn sie ihr Gegenüber demütigen und erniedrigen. Manche Menschen gehen dabei mit so einem strategischen Geschick vor, dass ich mich frage, ob "Machtintelligenz" angeboren ist oder erlernt wird.

Christopher Spry, ein junger Mann, der von seiner Pflegemutter aufs Schlimmste malträtiert wurde, berichtete, dass man im Zuge der Anklage gegen seine Peinigerin auf ihrem Nachttisch Autobiografien von misshandelten und missbrauchten Kindern fand wie z.B. das Buch "Sie nannten mich Es" - quasi als Inspiration.


Auf dem Weg zur Arbeit beobachtete ich einmal drei Jungs, die an einer großen Kreuzung an der Ampel standen. Sie waren vielleicht 13 Jahre alt, trugen Baggy Pants und hatten sich die Kapuzenpullis über die Köpfe gezogen. Einer der Jungen, ein schlaksiger Kerl mit langem Gesicht, wurde aufgefordert, etwas aus seiner Tasche zu holen. Die anderen zwei machten Druck, sagten, er solle sich beeilen, während er hektisch seinen Rucksack abnahm und darin zu suchen begann. Sein Rücken war etwas krumm und seine Bewegungen wirkten unsicher. Konzentriert wühlte er in seinen Schulsachen und beförderte nach kurzer Zeit eine Tupperbox hervor. Der Anführer der beiden schnappte sich die Dose, öffnete sie und betrachtete die darin liegenden Kekse. Dann drehte er sie mit einem bösen Grinsen um. Die Kekse fielen heraus und zerbrachen auf dem Asphalt. Die Box gab er zurück, drehte sich zu seinem Freund um und lief gemeinsam mit ihm über die Straße. Schnell packte der Lange seine Dose wieder ein, schloss seinen Rucksack und beeilte sich, die zwei einzuholen. Er erinnerte mich an einen geschlagenen Hund, der seinem Herrchen trotzdem treu hinterher trottet.

Mit 13 hatte man schon einiges gesehen und erlebt. In diesem Alter kann man schon eigene Strategien entwickelt haben.

An einem Sonntag Nachmittag fuhr ich von Münster nach Marburg. Der Zug war völlig überfüllt. Die Flure standen voll mit Reisetaschen, etliche Passagiere hatten sich auf den Boden gesetzt und mussten aufstehen, sobald einer der Reisenden durch wollte. In einem der mittleren Abteile fand ich noch einen Platz, eingezwängt zwischen genervten Personen und bergeweise Koffern. Es war heiß und die Situation drückte auf die Gemüter. Schräg hinter mir hatte eine türkische Familie Platz genommen, eine Frau mit drei Kindern. Das Jüngste war etwa drei Jahre alt, ein auffällig großer und kräftiger Bursche, der mit lauter Stimme auf den jungen Mann vor ihm einredete. Nach einiger Zeit übermannte ihn aber die Langeweile. Er begann frustrierte Laute von sich zu geben, die an das unzufriedene Jammern von Babys erinnerte, wenn diese kurz davor waren, mit dem Schreien anzufangen. Es zerrte an meinen Nerven. Die Mutter griff nach dem Kleinen, hob ihn hoch und legte ihn auf ihren Schoß, wo sie ihn zu wiegen begann. Ein groteskes Bild, wie das übergroße Baby auf den schmalen Beinen der Mutter lag. Ich musste an Bellinis "Madonna im Grünen" denke. Sein lautes Gequengel füllte das ganze Abteil. Beleidigt begann er mit den Beinen zu strampeln und die Mutter leicht zu boxen. Da kam die Anweisung des Vaters, der eine Reihe hinter ihnen saß: "Lass ihn!" Und sie ließ ihn. Das Plärren wurde lauter. Genervt drehten sich die Leute um. Doch der Junge fand Gefallen an der Aufmerksam und begann zu schreien. Einer Studentin wurde es zu viel. Entnervt wandte sie sich direkt an das Kind und sagte energisch: "Kannst du jetzt bitte mal still sein?!" Daraufhin starrte sie der Kleine böse an. Und rotzte ihr ins Gesicht.

Woher weiß ein dreijähriges Kind, dass diese Geste erniedrigend ist?

Hat das Ausüben von Macht etwas mit Intuition zu tun?

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