Sonntag, Juli 22, 2012

Friseurdesaster 95

Generell misstraue ich Friseuren. Schon das Betreten eines Salons empfinde ich als unangenehm, wenn sich gleichzeitig alle Mitarbeiter (und meist auch die Kunden) umdrehen, sobald ich den Fuß über die Schwelle setze. Während ich eine freundliche Stimme fragen höre "Was kann ich für Sie tun?", spüre ich prüfende Blicke über meinen Kopf wandern. Ich sehe, wie jede einzelne Faser meiner Haare analysiert und beurteilt wird. Wie die Frau mit dem blondierten Bob meint, ich könnte "mal was mit Farbe machen" und die Friseurin mit den braunen glänzenden Haaren mir einen abfälligen Blick schenkt und meint, dass ich "dringend eine Kur" bräuchte. Dann wird mein Outfit in Augenschein genommen. Die Augen tasten missbilligend meinen Körper ab und man einigt sich stillschweigen darauf, dass hier eine Rundumerneuerung nötig wäre
. Schon überlegt sich die eine, dass mir eine knallenge Röhrenhose mit grellem Top gut zu Gesicht stünde, wenn ich das Ganze noch mit einer asymmetrischen Kurzhaarfrisur kombiniere. Während die nächste meint, ich solle mir die Haare dunkel färben und einen Mittelscheitel tragen, um ein wenig mehr wie Katie Holmes auszusehen. Alles in allem beschäftigt man sich mit der Frage, warum ich so unstylisch herumlaufe und nicht mal etwas "wage" ...

Vielleicht denkt man auch gar nicht über mich nach.

So oder so halte ich es für sehr riskant, sich die Haare bei einem Friseur schneiden zu lassen.

Mein Pony hatte mittlerweile allerdings Ähnlichkeiten mit dem von Justin Bieber, so dass ich am Freitag ganz zuversichtlich (wollte ich doch nichts beschwören) zum Friseur ging. "Meine" Friseurin (mit der ich sehr zufrieden bin und die mich ganz gut zu verstehen scheint) hatte Urlaub und man hatte eine junge, sehr sympathisch wirkende Frau als Vertretung eingestellt. Als ich es mir auf einem der Warteplätze gemütlich machte, war sie gerade damit beschäftigt einer blonden Kurzhaar-Kundin zu erklären, dass die Länge am Hinterkopf noch nicht den optimalen Zustand erreicht hatte. Ich musste ihr zustimmen. Doch die Kundin hatte eine andere Meinung und forderte einen Föhn, um ihrem Äußeren selbst den letzten Schliff zu geben.
Die Mitarbeiterin nutzte die Gelegenheit, sich bei ihrer Kollegin an der Kasse ausgiebig (und wenig subtil) über die Uneinsichtigkeit der Frau zu beschweren.
Ich begann zu hoffen, dass die andere Kollegin meine Haare schneiden würde.
Doch kurz darauf wurde ich von der jungen Vertretung aufgefordert, mich hinzusetzen. Mit einer freundlichen, aber wenig herzlichen Art wurde ich gefragt, was denn für mich getan werden könnte. "Ich war erst vor einem Monat hier und bin sehr zufrieden mit der Frisur. Es muss nur nachgeschnitten werden. Vor allem der Pony."
"Auch etwas mit Farbe?", fragte sie mich, während sie konzentriert mit den Fingern durch meine Haare fuhr und einzelne Strähnen genauer studierte. Ich ahnte nichts Gutes.
"Nein danke. Nur die Spitzen schneiden.", fasste ich meinen Wunsch nochmal zusammen.
"Gut, dann bitte einmal zum Haare waschen.", forderte sie mich im strengen Ton auf. "Wir nehmen das erste Waschbecken."
Ich setzte mich hin, legte meinen Kopf nach hinten und beschäftigte mich mit der Frage, wie andere Menschen einen Friseurbesuch als Wellness-Erlebnis verbuchen können. Auf dem Friseurstuhl zu sitzen, den Kopf verkrampft in den Nacken gelegt, erinnert mich immer an Zahnarztbehandlungen. Wenn sich die Schläuche, Bohrer und sonstigen Gerätschaften zusammen mit den Händen des Arztes in meinen Mund pressen, fürchte ich immer, eine Gebiss-Starre zu bekommen und den Mund nie wieder schließen zu können. Beim Friseur bekomme ich solche Nackenschmerzen, dass ich denke, ohne fremde Hilfe nicht mehr aufstehen zu können.
Die Mitarbeiterin stellte das Wasser an und begann, mir die Haare zu waschen. Eiskaltes Wasser lief mir über den Kopf und ich erschrak. "Ist die Temperatur so in Ordnung?", fragte sie mich unschuldig. und ich begann zu lachen "Also, es ist etwas kalt." antwortete ich und spürte gleich darauf einen heißen Strahl. Meine Kopfhaut begann zu brennen. Dann massierte sie Shampoo in meine Haare. Mit energischen Bewegungen knetete sie meinen Kopf durch und ich fragte mich, ob er wirklich so dreckig war oder ob diese Prozedur auch zur Entspannung beitragen sollte. "Möchtest du auch ein pflegendes Mittel auf deine Haare bekommen?", fragte sie mich. Friseure meinen immer, meine Haare wären zu trocken, zu spröde oder zeigten anderweitige Mängel auf und ich werde jedes Mal kritisch gefragt, ob ich sie denn auch genug pflegen würde. Jedes Mal lüge ich und sage "Ja."
"Ist das denn nötig?" antwortete ich amüsiert. Und sie gab beleidigt zurück: "Wenn du nicht möchtest, mach ich das nicht."
Dann begann sie mir die Haare zu schneiden. Die Nachrichten berichteten gerade vom Amoklauf während des Batman-Films und die Friseurin schüttelte entsetzt den Kopf. "Also, wenn du mich fragst. Das liegt alles an diesen Computerspielen." Ich schaute kurz auf, versuchte herauszufinden, ob sie diesen etwas unterkomplex wirkenden Lösungsansatz tatsächlich erst meinte, und schaute in ihr nachdenkliches Gesicht. Ich begann, mir ernsthafte Sorgen um meine Haare zu machen.
Ich konnte beobachten, wie sie an der Seite Zentimeter um Zentimeter wegnahm (dabei sagt man doch: Pro Monat wachsen Haare einen Zentimeter und ich war doch nun mal, wie bereits erwähnt, vor knapp vier Wochen da).  Als sie fertig war, gab sie mir einen Föhn und eine risenhafte Rundbürse, mit der ich mir sicher eine wunderbare Welle hätte zaubern können. Genervt legte ich sie beiseite und beobachtete, wie meine Haare im getrockneten Zustand noch kürzer wurden. Meine gesamte Frisur hatte sie völlig fehlinterpretiert, jede Stufe und Schräge erfolgreich beseitigt.
Nur der Pony war völlig unberührt. Vorsichtig sagte ich an die Mitarbeiterin gewandt: "Der Pony ist noch zu lang."
Sichtlich genervt von mir, kam sie näher und sagte mit ihrer professionell freundlichen, aber distanzierten Stimme: "Dann machen wir ihn noch etwas kürzer."
Sie schnitt drauf los und löste sich kurze Zeit später von mir. Auf der rechten Seite hingen mir die Haare vorm Auge, während der Pony auf der linken Gesichtshälfte schön nachgeschnitten war.
"Also ...", begann ich vorsichtig. "Der ist jetzt nicht ganz gerade ..."
"Nein!" kam die entrüstete Antwort. "Der ist ganz gerade!" Wütend griff sie zur Schere und schnibbelte weiter.
Ich schaute in den Spiegel. Über meinen Augenbrauen fand ich eine strenge, gerade Linie, einen Balken, der in seiner Akkuranz wie ein Fremdkörper an meiner Stirn klebte und nun auch mit seiner Starrheit das letzte bißchen Dynamik meiner Haarpracht raubte. Er erinnerte mich an die Augenbrauen von Bert.
Sie selbst war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und ging gut gelaunt voraus an die Kasse.

Es ist ein neues Erlebnis, das mein Misstrauen gegenüber Friseure vertieft - genau wie das Friseurdesaster 95, als mir Coroneo mit dem Rasierapparat mein Ohr blutig schnitt.

Aber da diesmal meine Haare viel zu kurz geraten sind, werde ich die nächsten Wochen wohl ohne Friseurbesuch auskommen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Das klingt irgendwie nach subtiler Sabotage...

Keine Färbung, kein grossen Aktionen, dann wird eben alles gemacht, aber nicht der Pony geschnitten. Erst flasch, dann korrigiert, dann wird es immer kürzer....

Vermutlich ein Konkurrenzkampf unter Frauen, aber mit ungleichen Mitteln, ungleichen Machtpositionen...