Donnerstag, Juni 21, 2012

Norma

Hier in der Nähe gibt es einen Norma. Alles in allem lässt sich sagen, dass der Laden in keinem guten Zustand ist. Die Regale sind nicht aufgeräumt, auf dem Boden häufen sich klebrige Reste von geplatzten Safttüten und aus dem Lager kommt ein merkwürdiger, muffiger Geruch. Wenn der Müll im Lager seine Dünste über Nacht vollends ausbreiten konnte, stinkt morgens der ganze Straßenabschnitt nach faulen Eiern und Biotonne. Da er für mich aber auf dem Weg liegt, spring ich oft nach der Arbeit noch kurz rein, um mir die eine oder andere Kleinigkeit zu besorgen.
In diesem Supermarkt stellen sich mir zwar keine Fragen, für die ich einen Ansprechpartner brauchen würde, die schlechte Besetzung macht sich aber spätestens an der Kasse bemerkbar. Während ich - wie ich schon in sehr vielen Lebenslagen feststellen durfte - äußerst professionell mit dem Thema Langeweile umgehe, scheinen andere schnell überfordert, sobald sie ohne entsprechende Unterhaltung einmal warten müssen.

Vor einigen Wochen war es wieder sehr voll. Ich stellte mich hinten an der Schlange an und beobachtete, wie diese immer länger wurde. Mit Paprika und einem Salatkopf im Arm kam ich mir einsam vor. Um mich herum warteten nur verwahrlost wirkende Gestalten mit Bierflaschen oder Hochprozentigem in der Hand, die Schwierigkeiten hatten, längere Zeit an einer Stelle zu stehen, ohne nach rechts oder links zu schwanken. Als ich ein genervtes Murren hinter mir vernahm, drehte ich mich um und entdeckte einen großen, alten Mann mit Vollbart, durchsifftem Kapuzenpullover und drei Flaschen vom Norma-Billig-Bier. "Das kann doch wohl nicht wahr sein!" schimpfte er und fixierte wütend den Kassierer, der schuldbewusst hinter der Kasse saß, hastig die Ware von links nach rechts über den Scanner zog und nervös die wartende Meute im Auge behielt. Die meisten Kunden pflichteten ihm bei und nickten bestätigend die Köpfe. Als ich mich gerade mit der Frage beschäftigte, warum eigentlich Arbeitslose und Rentner beim Einkaufen immer so in Zeitnot waren, deutete der Riese in die andere Ecke des Ladens, in der ein junger Mann Regale einräumte: "Da hinten ist doch noch jemand, wieso kassiert der denn nicht mit?!" Alle drehten sich neugierig um. Eine Frau mit strubbeligen schwarzen Haaren und faltigem Gesicht mischte sich ein. "Ach, das kann der bestimmt gar nicht!" versuchte sie ihn zu verteidigen, doch diese Antwort provozierte den Riesen nur noch mehr. "Was?! Was soll denn daran so schwer sein?! Kassieren kann jawohl nicht so schwer sein!" Wieder nickten alle, nuschelten "genau" und "das stimmt" und seufzten entnervt. "Das ist doch nur 'ne Kasse! Da muss man doch bloß das Zeug drüber ziehen!" Er wollte schon Anstalten machen, selbst diese Aufgabe zu übernehmen, als ein hoch gewachsener, tätowierter Mann vorne neben dem Kassierer auftauchte. Wie ein Prediger baute er sich vor der wartenden Masse auf, holte tief Luft und rief mit dunkler Stimme und leicht betrunken: "Hey! Der Junge ist ganz alleine hier! Der beeilt sich doch schon! Aber mehr geht nicht. Was soll er denn machen?!"
Amüsiert - und auch ein wenig gerührt - drehte ich  mich um. Im Laden war es still geworden. Brav warteten die Kunden, während der Mann vorne die Stellung hielt und in regelmäßigen Abständen an das Problem erinnerte. Erstaunt stellte ich fest, dass keiner der Wartenden versuchte, den Laden unbemerkt, mit den Flaschen unter der Jacke, zu verlassen. Der Kassierer war bekanntlich alleine (der Mitarbeiter, der die Regale einräumte, nur Aushilfe und dazu beschäftigt) und die Gelegenheit günstig.

Oder sollte ich dort die einzige mit kriminellem Potential gewesen sein?

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