Freitag, Juni 01, 2012

Lyrischer Kanon

Bisher war mir die Bedeutung meines künstlerischen Schaffens noch nicht in ihrem ganzen Ausmaß bewusst. Doch heute ereilte mich ein Schreiben, das mir die Augen öffnete. Mir wurde ein Angebot unterbreitet, das meiner scheinbar unangebrachten Bescheidenheit ein Ende setzt. Mir wurde der Weg für eine literarische Laufbahn geebnet.

Ich zitiere:

"Ihr im Standardwerk ... herausgegebenes Gedicht Tief eingeatmet ist der Redaktion aufgefallen. Es ist sehr geeignet, um im Fernsehen gelesen und ausgestrahlt zu werden.

...
Während die Veröffentlichung in der renommierten ... Ihre Leistung dokumentiert und Sie in den Kanon der zeitgenössischen Dichter eingereiht hat, können Sie mit einer Lesung im Fernsehen, das im Internet seine Beiträge dauerhaft ausstrahlt, das deutschsprachige Publikum weltweit erreichen.
Die Ausstrahlung Ihrer Gedichtlesung ist deshalb wichtig, weil, anders als im Druck, die Gefühle und Intentionen im Vortrag unmittelbar zum Ausdruck gelangen, von denen Ihr Gedicht getragen ist."

An dieser Stelle schon leicht beflügelt von der Bedeutsamkeit meines Werks, konnte mich der folgende Satz dann endgültig überzeugen:

"Nicht zuletzt ist Ihr auf Dauer dokumentierter Auftritt auch ein literaturhistorisches Zeugnis, das der Mitwelt verfügbar bleibt."

Etwas verdächtig schienen mir zwar die Kostenaufstellung und die Möglichkeit eines kostenpflichtigen Monatsabos, das mit die weltweite Ausstrahlung meiner gefühlsbetonten Lesung über einen größeren Zeitraum hinweg ermöglichen soll. Aber als zeitgenössischer Dichter, eingefügt in den lyrischen Kanon, in einer Reihe mit Hilde Domin und Erich Fried, fühle ich mich meiner Mit- und Nachwelt verpflichtet.

Im Übrigen muss ich nicht selbst lesen, sondern kann auch eine andere Person bestimmen. Bewerbungen nehme ich gerne entgegen. 


Und die Moral von der Geschicht':
Wer nichts zahlt, der kriegt auch nichts.

Hier übrigens das Gedicht:

Tief eingeatmet

Ein spöttisches Lächeln,
das die Herzkammern umspielt,
rhythmisch im Takt.
Tief eingeatmete, eingesogene Depression,
die in der Lunge Metastasen bildet.
Kurz gehustet, die Atemwege befreit
Für Nachschub
Ein kräftiger Zug an der lebensverachtenden Zigarette
Und die Urteilsfindung liegt auf der Hand.
Beim Ausatmen kein Glück
Dunst in allen Winkeln des Zimmers,
dort, wo der Staub nie weggewischt wird.

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