Samstag, Juni 09, 2012

Bodypump

Ein Bürojob hat viele Vorteile. Einer davon ist, dass man bei der Arbeit sitzt. Ein anderer, dass man während der Arbeit essen kann.
Für problematisch halte ich jedoch das Phänomen, dass mein Körper durch die mangelnde Bewegung sehr wenig verbrennt, mein Appetit aber ungebrochen zu sein scheint. Erst kürzlich musste ich feststellen, dass die sommerliche Leinenhose, die ich erst vor einigen Wochen gekauft hatte und die bisher nur wegen des unkooperativen Wetters noch nicht zum Einsatz gekommen war, nicht mehr passte. Wobei, um bei der Wahrheit zu bleiben, muss ich mich verbessern: Die Knöpfe lassen sich mit ein wenig Disziplin (das Ausatmen sollte man sich verkneifen) noch schließen, nur das Hinsetzen gestaltet sich schwierig - was, wo ich schon beim Thema bin, ein weiterer Nachteil eines Bürojobs ist.

Also entschloss ich mich, zum Sport zu gehen. Ich hasse Ballport, langweile mich beim Joggen, empfinde Fahrradfahren als eine Zumutung und denke, dass Schwimmen mit einem nervtötenden Aufwand verbunden ist - mal ganz abgesehen davon, dass ich beim Streit um eine eigene Bahn immer den Kürzeren ziehe und so vor allem damit beschäftigt bin, nach Luft japsend um sture alte Menschen herumzupaddeln. Überhaupt finde ich körperliche Anstrengung in den meisten Fällen lästig und halte mich da lieber an Balu, den Bären.
Aber Sport soll ja gesund sein. Und so ging ich ins Fitnessstudio. J. kannte sich aus und nahm mich mit. Schon seit einigen Monaten besuchte sie einen Kurs namens "Bodypump" und war ganz begeistert. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen und so fiel es mir leicht, ein Mal mitmachen zu wollen.
Zum Aufwärmen ging sie immer noch eine halbe Stunde auf den Stepper. Etwas in Sorge, dass mich dieser Part schon genug herausfordern würde, tat ich es ihr gleich, stellte mir etwa 1/3 von dem Widerstand ein, den J. wählte und spürte nach fünf endlos währenden Minuten Schweißperlen von meiner Stirn tropfen. Ich verringerte den Widerstand und versuchte, mich auf die an der gegenüberliegenden Wand angebrachten Fernseher zu konzentrieren. Der Sportsender zeigte Radfahren - das interessierte mich gar nicht. Wobei ich mich schon einige Zeit mit der Frage beschäftigte, was wohl die Zuschauer am Wegrand davon hatten, den Radprofis einige Meter hinterherzurennen. Auf ARD lief Schwimmen. Mir war heiß. Und ich stellte mir vor, ins Wasser zu hüpfen, abzutauchen, abzukühlen, Bahnen zu ziehen und das kalte Wasser zu spüren. Auf einmal schien mir Schwimmen äußerst attraktiv.
Als die halbe Stunde endlich vorbei war und der Sport damit gerade mal angefangen hatte, liefen wir zum Kursraum. Noch war er besetzt und wir warteten vor der Tür, neben der ebenfalls ein Bildschirm hing. Es wurden kurze Ausschnitte aus den verschiedenen Kursen gezeigt, die im Studio angeboten wurden. Einige Männer und Frauen standen auf einer Bühne, hielten Langhanteln in den Händen und machten Kraftübungen. Vor ihnen machten es reihenweise Menschen begeistert nach und lachten in die Kamera. Gerade als ich mich dazu äußern wollte, sagte J.: "Das ist unser Kurs." Schlagartig bekam ich Angst.
Als wir den Raum betraten, lief laute Musik, eine Frau  begrüßte euphorisch alle Teilnehmer und wir gingen zu den Gewichten. J. erklärte mir, welche Scheiben ich brauchen würde und schon begannen die Übungen. Trainiert wurde alles, die Beine, die Schultern, der Rücken, die Arme und der Bauch. Bei den meisten Übungen hielt man eine Langhantel in den Händen, die mit unterschiedlichen Gewichten bestückt wurde. Auch wenn die Trainerin für neue Teilnehmer etwa das Dreifache vorschlug, entschied ich mich auf J.'s freundschaftlichem Rat hin fast immer für ein kleines Kilo auf jeder Seite. Die Trainerin war äußerst sympathisch, hoch motiviert und hatte scheinbar keinerlei Empathiefähigkeit. Denn schon nach dem Warm-Up (das ich ja eigentlich schon vorher längst hinter mich gebracht hatte), als meine Knie leicht zu zittern begannen, wiederholte sie immer wieder "Und ich will hier keinen aufgeben sehen!" So etwas setzt mich unter Druck und ich fürchtete, gleich ertappt zu werden, sobald ich eine Bewegung nicht ganz im Takt machen würde. Dann kamen die Beine dran. Die Hantel lag auf meiner Schulter, ich ging in die Knie und streckte meinen Po raus, dann ging es wieder hoch. Erst langsam, dann schnell, der Takt änderte sich. Mir war unerträglich heiß, der Schweiß lief und mein Gesicht war dunkelrot gefärbt. Meine Hände wurden schmierig und ich bekam Angst, mir könnte die Hantel wegrutschen. Besorgt schaute ich mich um. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass andere noch völlig unbeeindruckt schienen. Meine Nachbarin wirkte ganz frisch, sie schwitzte nicht mal, während meine Beine langsam drohten nachgeben zu wollen. Alles fühlte sich ganz weich an und ich fürchtete, dass ich es nicht mehr schaffen würde, die Hantel über meinen Kopf zu heben. "Die Beine sind fest auf dem Boden!" kam es in dem Moment von vorne und ich versuchte, meine Muskeln mehr anzuspannen, um das Zittern der Knie zu unterdrücken. Ich scheiterte.
Endlich ging es weiter. Trizepsübungen. Wir sollten uns mit dem Rücken auf den Stepper legen, was mir erstmal zusagte. Dann wurden die Arme nach oben gestreckt, die Hantel sollte langsam zur Stirn gezogen und dann wieder nach oben gedrückt werden. Erschöpft klammerte ich mich an meine Stange, die über meinem Kopf gefährlich nach links und rechts tanzte und mir bedrohlich näher kam. Gerade als sie kurz vor meiner Stirn war, musste ich mit Schrecken feststellen, dass ich offensichtlich gar keinen Trizeps hatte. Die Hantel ließ sich nicht mehr hoch pressen. Mein ganzer Körper kämpfte - gegen die Hantel, gegen die lächerliche kleine Scheibe auf jeder Seite, gegen die zitternden Beine die trotz des Liegens einfach nicht mit zittern aufhören konnten. Und gegen die Zeit. Denn wir hatten nicht mal die Hälfte geschafft.

J. brachte mich fast bis vor die Haustür. Doch die vier Etagen hoch in meine Wohnung schaffte ich nicht. Meine Beine schienen die Konsistenz von Pudding angenommen zu haben, ich legte mehrere Pausen ein. Oben angekommen ließ ich mich mit dem Bauch zuerst aufs Bett fallen - und blieb liegen.

Eine Woche lange kämpfte ich mit schlimmstem Muskelkater. Am zweiten Tag begann ich, mir ernsthaft Gedanken darüber zu machen, ob ich mir eine Sportverletzung zugezogen haben könnte - am gesamten Körper.

Nur eine Woche später wurde ich Mitglied im Fitnessstudio.

Wie schön die Zeit doch war, als man dem Irrtum erlegen war, mit Spinat würde man Muckis bekommen.

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