Donnerstag, Mai 03, 2012

Billard

Auf unserer Hotelanlage in Ägypten gab es einen Billardtisch. Er stand direkt neben der Bar, schien ein wenig klein und der grüne Filz hatte sicher schon einiges mitmachen müssen. Aber wir spielten trotzdem jeden Abend. Meistens gewann ich, obwohl zum Schluss noch alle meine Kugeln auf dem Tisch lagen. Meine Versuche blieben einfach so lange erfolglos bis H. die schwarze Acht versehentlich im falschen Loch versenkte und mir so den Sieg schenkte. Meine Strategie ging fast immer auf und es machte mit mehr Spaß als es vielleicht vermuten lässt.
An der Bar arbeitete immer ein Ägypter. In seinem Arbeitsanzug, der für die Temperatur sicher viel zu warm war, stand er mittags ab 12 hinter der Theke und wartete auf Bestellungen.
Das Hotel war nicht ausgebucht und die meisten Gäste waren tagsüber am Strand. Doch wenn man ihn um ein Getränk bat, bekam man plötzlich das surreale Gefühl, die Welt würde in einen Zeitlupenmodus verfallen. Selbst sein Zwinkern, das mir bedeuten sollte, er habe verstanden und würde sich darum kümmern, schien mir verlangsamt. Die dunklen Augen visierten mich, klebten müde an meinem Gesicht, verschwanden dann für einige Zeit unter den Lidern und kamen mit der gleichen Schlaffheit wieder zum Vorschein. Träge bückte sich der Barkeeper und kam erst etliche Augenblicke später mit einer Flasche in der Hand wieder hoch. Mühsam stellte er sie vor sich ab. Als könnte er kaum genug Kraft dafür aufwenden, drehte er den Deckel, erst ein Mal, dann nochmal ... bis die Flasche endlich offen war.  Da kein Glas in unmittelbarer Reichweite zu finden sein schien, schaute er sich betrübt um. Auf der anderen Seite der Bar entdeckte er schließlich einige, rüstete sich für den zwei-Meter-Marsch und schlurfte hinüber. Als er wieder zurück war, nahm er die zurvor geöffnete - Gott sei Dank war das schon erledigt - Flasche in die Hand und goss langsam ein. Als wäre es eine heilige Handlung beobachtete er, wie das Glas voller wurde, das Getränk sich ausbreitete und die Kohlensäure sprudelte. Dann setzte er ab, stellte die Flasche vor sich und hielt mir stolz das Glas entgegen.
Wenn wir Billard spielten, konnten wir zurück zum Tisch gehen und die Wartezeit so überbrücken.
Als ich an einem Abend zwischen mehreren Spielen von der Toilette wiederkam, hatte sich Kamal, der Barkeeper, zu H. gesellt und sich den zweiten Queue geschnappt. Die beiden befanden sich mitten in einer Partie und ich setzte mich daneben, um zuzusehen. Als Kamal mich entdeckte, strahlte er mich an und seine Augen wirkten plötzlich wach und aufgeregt. Die Müdigkeit und Schwere waren verschwunden. Als er am Zug war, traf er die weiße Kugel nicht, stieß aber gegen die dahinterliegenden Vollen. Unbeirrt spielte er weiter. Es stellte sich heraus, dass er die Regeln nicht beherrschte. Dass es überhaupt welche gab, war ihm neu. Abwechselnd zielte er mal auf die Vollen, mal auf die Halben. Manchmal vergaß er, dass die weiße Kugel zuerst angespielt werden musste und zielte stattdessen direkt auf die Bunten. Die Bedeutung der schwarzen Acht war ihm völlig fremd. Er wusste, dass man sich abwechselt, aber nicht, in welchen Rhythmus. Deutsch und englisch sprach er leider auch nicht und so musste H. die Runde so beenden. Doch nachdem er alle seine Kugeln versenkt und auch die Schwarze ins richtige Loch manövriert hatte, spielte Kamal weiter bis die Tischplatte aufgeräumt war.
Und weil es so eine gelungene Partie gewesen war, wurde gleich die nächste vorbereitet.

In dieser Zeit hätte ich mir eigentlich schnell eine Cola hinter der Theke eingießen können ...

Keine Kommentare: