Über das Lied "Dear Mr. President"
Die Symapthie der Welt für die amerikanische Politik grenzt offensichtlich beinahe an euphorischer Glorifizierung. Bei so einer unkritischen Gesamhthaltung müssen wir Pink geradezu dankbar dafür sein, dass sie ihr Party-Image für einige Wochen zugunsten einer neuen, noch nie dagewesenen, Weltverbesserer-Lebensphilosophie geopfert hat um der Welt die Richtung zu weisen.
Tatsächlich erinnert ihr Outfit in dem dazugehörigen Musikvideo an eine christliche Rock-Zopf-Birkenstock-Mentalität; eine Öko-Lady tritt für die Gerechtigkeit ein.
"Na na na na na na na na" - welch gewaltigen Worte eröffnen dem Zuhörer die Tür zu Pinks Gedanken. Das achtfache "na", das sich über die göttliche Sieben hinwegsetzt und eine neue Wahrheit ankündigt. Doch die Sängerin verarbeitet das Thema subtil. Klischeehafte Metaphern und ausgelutschte Sinnbilder sind ihr zuwider. Stattdessen setzt sie wider Erwarten dem Lyrischen Ich Präsident Bush als heimlichen Drahtzieher, als Puppenspieler, ja man könnte schon fast sagen: als Achse des Bösen gegenüber. Es ist der kritische Unterton, der zum Nachdenken anregen soll, den es aber erstmal zu finden gilt.
Für den Fall der Fälle werden Ausschnitte von halb verhungerten farbigen Kindern in das Video eingebaut um auch allen möglichen Missverständnissen entgegen zu wirken.
Denn Pinks stellt die berechtigte Frage: "How do you sleep while the rest of us cry?" Sie selbst ließ sich vor laufender Kamera ein Bustwarzenpearcing stechen und auch mich beschäftigt das Problem: Wie kann Bush da noch ruhig schlafen?
Das Erdbeben in China, die Wirbelsturmopfer in Birma und die Kluft zwischen Arm und Reich in unserem eigenen Land - das alles kann ihn doch nicht gleichgültig lassen. Seine ruhigen Träume zeugen von einer Psyche, die einen bedenklichen Zustand erreicht hat. In seinen ausgewogenen Schlafgewohnheiten spiegelt sich seine Menschenverachtung und Machtgier wider.
Doch Pink setzt nicht ausschließlich auf die Taktik des Schlechten-Gewissens-Machen. Sie hat noch ein Ass im Ärmel und setzt auf unverblümte Konfrontation:
"Let me tell you 'bout hard work
Building a bed out of cardboard box
Let me tell you 'bout hard work!
Hard work!
Hard work!
You don`t know nothing 'bout hard work!"
Wie der Marsch von Soldaten wiederholt sich der rythmisch wiederkehrende Ausruf "Hard work!", eine subtile Anspielung auf die Außenpolitik des Präsidenten. Und wie glücklich wir darüber sein können, dass wenigstens eine noch weiß, was richtige Arbeit ist. Die Beispiele scheinen aus dem eigenen Leben der millionenschweren Künstlerin genommen zu sein. Der biographische Aspekt verleiht dem Thema noch mehr Brisanz. Authentizität ist der entscheidende Schlüssel zum Erfolg.
Bitte mehr davon!
(18. Mai 2008)
Sonntag, Juni 26, 2011
Braunkohle
In dieser Woche ergab sich ein interessantes Gespräch zwischen meiner Kollegin und einem Kunden.
Kunde: "Ich brauche einen Atlas."
L.: "Welchen denn?"
Kunde: "Wie, welchen denn? Deutschland ist Deutschland und die Welt ist die Welt."
Geduldig erklärte meine Kollegin einige Unterschiede.
Kunde (einsichtig): "Okay, darf ich mir dann mal die Deutschlandkarten anschauen und vergleichen?"
L.: "Aber natürlich, gerne."
Nach einigen Minuten spricht der Kunde sie erneut an.
Kunde (zeigt auf eine offene Deutschlandkarte): "Hey, da stimmt aber doch was mit den Karten nicht. Schauen Sie mal, da fehlt doch der Nil.
L. (leicht irritiert, nimmt ihm den Atlas aus der Hand und blättert nach Afrika): Das könnte daran liegen, dass er in Ägypten fließt.
Kunde: Ja, okay. Aber da wäre noch was! Wie alt sind denn diese Karten?! Braunkohle gibt es doch gar nicht mehr!
Kunde: "Ich brauche einen Atlas."
L.: "Welchen denn?"
Kunde: "Wie, welchen denn? Deutschland ist Deutschland und die Welt ist die Welt."
Geduldig erklärte meine Kollegin einige Unterschiede.
Kunde (einsichtig): "Okay, darf ich mir dann mal die Deutschlandkarten anschauen und vergleichen?"
L.: "Aber natürlich, gerne."
Nach einigen Minuten spricht der Kunde sie erneut an.
Kunde (zeigt auf eine offene Deutschlandkarte): "Hey, da stimmt aber doch was mit den Karten nicht. Schauen Sie mal, da fehlt doch der Nil.
L. (leicht irritiert, nimmt ihm den Atlas aus der Hand und blättert nach Afrika): Das könnte daran liegen, dass er in Ägypten fließt.
Kunde: Ja, okay. Aber da wäre noch was! Wie alt sind denn diese Karten?! Braunkohle gibt es doch gar nicht mehr!
Freitag, Juni 24, 2011
Träume
Mittwoch und Donnerstag hatte ich frei. Als der Wecker heute morgen klingelte, konnte ich es gar nicht fassen. Musste ich tatsächlich heute schon wieder arbeiten? Das konnte doch gar nicht sein. Und wirklich, ich hatte mich schnell wieder beruhigt. Schließlich hatte ich Urlaub und konnte so lange schlafen, wie ich wollte.
...oder etwa nicht?
Um viertel vor sieben stand ich unter der Dusche und verfluchte die fehlenden Brückentage im Einzelhandel.
Als ich meiner Kollegin von meinem kleinen Irrtum erzählte, erinnerte sie sich an eine Geschichte ihrer Mutter. Diese kam eines Tage mehrere Stunden zu spät zur Arbeit und trat verlegen vor ihren Chef: "Entschuldigen Sie, ich habe geträumt, heute wäre Sonntag."
Ihr Vorgesetzter nahm es mir Humor und antwortete: "Kein Problem, so lange sie nächste Woche nicht träumen, Sie hätten Urlaub."
Vielleicht träume ich heute Nacht von der Rente...
...oder etwa nicht?
Um viertel vor sieben stand ich unter der Dusche und verfluchte die fehlenden Brückentage im Einzelhandel.
Als ich meiner Kollegin von meinem kleinen Irrtum erzählte, erinnerte sie sich an eine Geschichte ihrer Mutter. Diese kam eines Tage mehrere Stunden zu spät zur Arbeit und trat verlegen vor ihren Chef: "Entschuldigen Sie, ich habe geträumt, heute wäre Sonntag."
Ihr Vorgesetzter nahm es mir Humor und antwortete: "Kein Problem, so lange sie nächste Woche nicht träumen, Sie hätten Urlaub."
Vielleicht träume ich heute Nacht von der Rente...
Donnerstag, Juni 23, 2011
Zwischenstand
In dieser Woche musste ich schon mit einigen Enttäuschungen leben...
Jetzt kann ich nur noch auf das Wochenende hoffen...
- Jeder einzelne Tag war verregnet und ich hatte nur an einem den Schirm dabei.
- Beim Lotto habe ich nicht eine Zahl richtig angekreuzt.
- Trotz meiner hervorragenden Arbeit wurde mir weder eine Gehaltserhöhung noch eine Beförderung angeboten.
- An meinem Schreibtisch ist kein großer Roman entstanden.
- Die Frage nach dem Sinn des menschlichen Daseins konnte ich auch in den letzten Tagen nicht zufriedenstellend beantworten.
- Trotz meiner erfolgreichen Teilnahme als Zuschauer bei einem Tanzturnier bin ich ohne einen entsprechenden Pokal nach Hause gegangen.
- Das seit langem erwartete Ereignis, das mir Superheldenkräfte verleiht, ist nicht eingetroffen.
Jetzt kann ich nur noch auf das Wochenende hoffen...
Sonntag, Juni 19, 2011
Sammelwahn
... oder wie ich versuchte, noch ein Buch ins Regal zu stellen.
In den letzten sieben Jahren bin ich sechs mal umgezogen. Kurz vor meinem zweiten Umzug starb der Vater eines Bekannten, der leidenschaftlicher Buchsammler war. Ganz im Gegensatz zu meinem Bekannten, einem Gärtner. Schnell mobilisierte er alle potentiellen Interessenten und lud sie in einen großen Lagerraum ein, wo er sein Erbe zum Verschenken bereit hielt. Als ich an einem Freitag Nachmittag kam, staunte ich nicht schlecht, als ich dutzende Bananenkisten voller Bücher auf den Tischen und dem Boden verteilt liegen sah. Schnell wurde ich fündig, packte reihenweise Klassiker ein und freute mich über Gesamtausgaben großer Schriftsteller. Gleich am Wochenende kaufte ich mir drei neue Bücherregale, die ohnehin schon längst fällig waren, und räumte mit Begeisterung meine neuen Errungenschaften ein.
Leider hatte ich nicht mit den Umzügen gerechnet, die noch folgen würden. Und auch hatte ich nicht bedacht, dass während meines Germanstikstudiums noch weitere Bücher dazu kommen könnten.
Vor jedem neuen Umzug begann ich auszusortieren. Erst ganz vorsichtig. Ich hörte mich im Freundes- und Bekanntenkreis um, ob jemand Interesse an dem ein oder anderen Roman hätte. Dann ging ich weiter. Ich schenkte meinen Mitbewohnern schön gestaltete Ausgaben von Goethe und Schiller, um ihren Bücherregalen einen intellektuellen Touch zu verleihen. Dann verkaufte ich einige Reihen bei Ebay, gab Anzeigen im Internet auf, um einige Stücke kostenlos an Selbstabholer loszuwerden und warf in regelmäßigen Abständen die hoffnungslosen Fälle in den Papierkorb.
Bei meinem letzten Umzug hatte ich gerade noch genug Bücher, um zwei Billy-Regale zu füllen. Ich kaufte mir keine neuen mehr, sondern lieh mir nur noch Romane aus der Stadtbibliothek.
Bis eines Tages noch ein weiteres Buch dazu kam. Schnell hatte ich eine kleine Lücke in meinem Bücherregal gefunden. Sie war zwar etwas schmaler als das Buch, jedoch schien mir dies nicht hinderlich zu sein. Ich nahm es in die rechte Hand, drückte mit der anderen wahllos zwei Bücher auseinander, um in der Mitte Platz zu schaffen... und hörte plötzlich ein Knacken, spürte wie das obere Regalbrett auf meine Hände fiel, sah, wie sich auch die anderen Reihen im Dominoeffekt von oben nach unten von der Wand lösten und hörte Bücher fallen. Der leichte Druck hatte die äußere Wand des Regals heraus gedrückt, so dass die einzelnen Bretter keinen Halt mehr hatten. Ein Haufen Bücher ging zu Boden.
Mittlerweile bin ich zur Stapeltechnik übergegangen. Und zur zweiten Reihe.
In den letzten sieben Jahren bin ich sechs mal umgezogen. Kurz vor meinem zweiten Umzug starb der Vater eines Bekannten, der leidenschaftlicher Buchsammler war. Ganz im Gegensatz zu meinem Bekannten, einem Gärtner. Schnell mobilisierte er alle potentiellen Interessenten und lud sie in einen großen Lagerraum ein, wo er sein Erbe zum Verschenken bereit hielt. Als ich an einem Freitag Nachmittag kam, staunte ich nicht schlecht, als ich dutzende Bananenkisten voller Bücher auf den Tischen und dem Boden verteilt liegen sah. Schnell wurde ich fündig, packte reihenweise Klassiker ein und freute mich über Gesamtausgaben großer Schriftsteller. Gleich am Wochenende kaufte ich mir drei neue Bücherregale, die ohnehin schon längst fällig waren, und räumte mit Begeisterung meine neuen Errungenschaften ein.Leider hatte ich nicht mit den Umzügen gerechnet, die noch folgen würden. Und auch hatte ich nicht bedacht, dass während meines Germanstikstudiums noch weitere Bücher dazu kommen könnten.
Vor jedem neuen Umzug begann ich auszusortieren. Erst ganz vorsichtig. Ich hörte mich im Freundes- und Bekanntenkreis um, ob jemand Interesse an dem ein oder anderen Roman hätte. Dann ging ich weiter. Ich schenkte meinen Mitbewohnern schön gestaltete Ausgaben von Goethe und Schiller, um ihren Bücherregalen einen intellektuellen Touch zu verleihen. Dann verkaufte ich einige Reihen bei Ebay, gab Anzeigen im Internet auf, um einige Stücke kostenlos an Selbstabholer loszuwerden und warf in regelmäßigen Abständen die hoffnungslosen Fälle in den Papierkorb.
Bei meinem letzten Umzug hatte ich gerade noch genug Bücher, um zwei Billy-Regale zu füllen. Ich kaufte mir keine neuen mehr, sondern lieh mir nur noch Romane aus der Stadtbibliothek.
Bis eines Tages noch ein weiteres Buch dazu kam. Schnell hatte ich eine kleine Lücke in meinem Bücherregal gefunden. Sie war zwar etwas schmaler als das Buch, jedoch schien mir dies nicht hinderlich zu sein. Ich nahm es in die rechte Hand, drückte mit der anderen wahllos zwei Bücher auseinander, um in der Mitte Platz zu schaffen... und hörte plötzlich ein Knacken, spürte wie das obere Regalbrett auf meine Hände fiel, sah, wie sich auch die anderen Reihen im Dominoeffekt von oben nach unten von der Wand lösten und hörte Bücher fallen. Der leichte Druck hatte die äußere Wand des Regals heraus gedrückt, so dass die einzelnen Bretter keinen Halt mehr hatten. Ein Haufen Bücher ging zu Boden.
Mittlerweile bin ich zur Stapeltechnik übergegangen. Und zur zweiten Reihe.
Donnerstag, Juni 16, 2011
Der menschliche Makel
Mir hat schon lange kein Roman mehr so gefallen wie "Der menschliche Makel" von Philip Roth. Wegen einer vermeintlich rassistischen Bemerkung wird der Professor für klassische Literatur Coleman Silk zur Kündigung gezwungen. Um sich gegen diese Ungerechtigkeit zu wehren, beschließt der 71-jährige, ein Buch als Anklage gegen die Universität zu veröffentlichen und versucht, einen benachbarten Schriftsteller als Ghostwriter zu engagieren.
Dieser tritt im Folgenden als Erzähler auf, jedoch beschreibt er eine ganz andere, eine Kriminal-Geschichte, die von detaillierten Beschreibungen der menschlichen Psyche lebt. Porträtiert werden Menschen mit unterschiedlicher Geschichte, Philosophie, Charakter und Lebensweise. Durch das Zusammenprallen der Figuren wird eine sowohl spannende als auch - durch die Sprache des Autors - inspirierende Geschichte geschaffen.
Hier noch eine meiner Lieblingsstellen:
"Ich habe draußen das Putzwasser ausgeschüttet, und er ist schnurrstracks zur Tür hinaus und zu den Bäumen geflogen. Nach ein paar Minuten waren drei oder vier andere Krähen da. Sie haben ihn in dem Baum regelrecht umzingelt. Und sie waren völlig aus dem Häuschen. Sie haben ihn gepiesackt. Ihm von hinten angegriffen. Ihn angeschrien. Ihn angerempelt und so. Sie waren innerhalb von Minuten da. Er hat nicht die richtige Stimme. Er kann die Krähensprache nicht. Die da draußen mögen ihn nicht. Schließlich kam er runter zu mir. Sie hätten ihn wahrscheinlich umgebracht."
"Das kommt davon, wenn man handzahm geworden ist", sagte Faunia. "Das kommt davon, wenn man die ganze Zeit mit Leuten wie uns verbringt. Das ist der menschliche Makel", sagte sie, weder angewiedert noch verächtlich, noch verurteilend. Nicht einmal traurig. So ist es eben - das ist es, was Faunia der Frau, die die Schlange fütterte, auf ihre eigentümliche lakonische Weise sagen wollte: Die Berührung durch uns Menschen hinterläßt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Mißbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen - der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden. Er hat nichts mit Ungehorsam zu tun. Er hat nichts mit Gnade oder Rettung oder Erlösung zu tun. Er ist in jedem. Verwurzelt. Bestimmend. Der Makel, der schon da ist, bevor irgendeine Spur davon zu erkennen ist. Es ist nichts zu sehen, und doch ist er da. Der Makel, der so wesenseigen ist, daß er kein Zeichen braucht. Der Makel, der dem Ungehorsam vorausgeht, der den Ungehorsam einschließt und jedes Erklären und Begreifen übersteigt. Darum sind all diese Reinigungen ein Witz. Noch dazu ein barbarischer. Die Phantasie der Reinheit ist ekelhaft. Sie ist verrückt. Was ist denn das Streben nach Reinheit anderes als eine weitere Unreinheit?"
(Philip Roth: Der menschliche Makel, Rowolth Taschenbuch Verlag, S. 271 f.)
Dieser tritt im Folgenden als Erzähler auf, jedoch beschreibt er eine ganz andere, eine Kriminal-Geschichte, die von detaillierten Beschreibungen der menschlichen Psyche lebt. Porträtiert werden Menschen mit unterschiedlicher Geschichte, Philosophie, Charakter und Lebensweise. Durch das Zusammenprallen der Figuren wird eine sowohl spannende als auch - durch die Sprache des Autors - inspirierende Geschichte geschaffen.
Hier noch eine meiner Lieblingsstellen:
"Ich habe draußen das Putzwasser ausgeschüttet, und er ist schnurrstracks zur Tür hinaus und zu den Bäumen geflogen. Nach ein paar Minuten waren drei oder vier andere Krähen da. Sie haben ihn in dem Baum regelrecht umzingelt. Und sie waren völlig aus dem Häuschen. Sie haben ihn gepiesackt. Ihm von hinten angegriffen. Ihn angeschrien. Ihn angerempelt und so. Sie waren innerhalb von Minuten da. Er hat nicht die richtige Stimme. Er kann die Krähensprache nicht. Die da draußen mögen ihn nicht. Schließlich kam er runter zu mir. Sie hätten ihn wahrscheinlich umgebracht."
"Das kommt davon, wenn man handzahm geworden ist", sagte Faunia. "Das kommt davon, wenn man die ganze Zeit mit Leuten wie uns verbringt. Das ist der menschliche Makel", sagte sie, weder angewiedert noch verächtlich, noch verurteilend. Nicht einmal traurig. So ist es eben - das ist es, was Faunia der Frau, die die Schlange fütterte, auf ihre eigentümliche lakonische Weise sagen wollte: Die Berührung durch uns Menschen hinterläßt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Mißbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen - der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden. Er hat nichts mit Ungehorsam zu tun. Er hat nichts mit Gnade oder Rettung oder Erlösung zu tun. Er ist in jedem. Verwurzelt. Bestimmend. Der Makel, der schon da ist, bevor irgendeine Spur davon zu erkennen ist. Es ist nichts zu sehen, und doch ist er da. Der Makel, der so wesenseigen ist, daß er kein Zeichen braucht. Der Makel, der dem Ungehorsam vorausgeht, der den Ungehorsam einschließt und jedes Erklären und Begreifen übersteigt. Darum sind all diese Reinigungen ein Witz. Noch dazu ein barbarischer. Die Phantasie der Reinheit ist ekelhaft. Sie ist verrückt. Was ist denn das Streben nach Reinheit anderes als eine weitere Unreinheit?"
(Philip Roth: Der menschliche Makel, Rowolth Taschenbuch Verlag, S. 271 f.)
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