Dienstag, Februar 08, 2011

Anglizismen

Heute hatte ein Kunde einen Ausschnitt aus einer Zeitschrift mitgebracht, in der für ein spezielles Buch geworben wurde. Da er es nicht auf Anhieb bei uns finden konnte, sprach er mich an und ich schaute schnell am PC nach, in welcher Abteilung es stehen sollte. Dabei stellte ich fest, dass unsere Ausgabe ein anderes Cover hatte.
"Unseres hat zwar ein anderes Cover, ist aber inhaltlich gleich." erklärte ich ihm vorsorglich, weil solche Dinge hin und wieder zu Verwirrungen und dann zu Diskussionen führen.
"Was ist ein Cover?" fragte er unschuldig.
Ein wenig irritiert schaute ich ihn an. Auch mein Kollege drehte sich erstaunt um.
"Sagen Sie mir, was ein Cover ist?" forderte er mich streng auf.
Während ich überlegte, ob der Kunde tatsächlich nicht wusste, was es ist, hörte ich mich schon antworten: "Das ist sozusagen das Deckblatt eines Buches."
"Richtig." antwortete er. "Und warum sagen Sie das nicht so? Wir haben in unserer Sprache doch so schöne Wörter!"
Während ich noch darüber nachdachte, dass mir aber tatsächlich kein passendes Synonym für "Cover" im Deutschen einfiel, dass in der deutschen Sprache ohnehin sehr wenige tatsächlich gleich bedeutenden Wörter existieren, weil das völlig unökonomisch wäre, dass eigentlich vor allem erst dadurch, dass dem Deutschen ein entsprechender Ausdruck fehlt, Wörter aus anderen Sprachen integriert werden, und mich fragte, ob der Herr denn auch Begriffe wie "Computer", "Restaurant" oder "Pizza" vermied, entschied ich mich dazu, seine kleine Lektion zu ignorieren und ihm stattdessen das gewünschte Buch zu suchen.
Während er hinter mir hertrottete, führte er seine Überlegungen weiter aus: "So etwas muss doch nicht sein. Wir haben doch wirklich für alles Wörter. Wissen Sie, ich spreche auch Englisch und Französisch. Aber muss ich das so raushängen lassen?"

Sonntag, Februar 06, 2011

Bestattungsunternehmen

Hier ein Theaterstück für einen Jugendabend:

Bestattungsunternehmen Pietät 2000 und Söhne

(junge Frau betritt ein Geschäft, Mann, übermotiviert, kommt hinter seinem Schreibtisch hervor)

Mann (reicht ihr die Hand): Guten Tag!
Frau: Tag!
Mann: Was kann ich für Sie tun?
Frau: Ja, wissen Sie… ich habe ihren Werbespot gesehen. Und ich denke, es wird Zeit, meinen Tod vorzubereiten.
Mann: Ja, gerne. Dann kommen Sie doch mal mit zu meinem Tisch. Dort kann ich Ihnen einige Alben mit Bildern zeigen damit Sie mal einen kleinen Einblick bekommen, wie so eine Veranstaltung aussehen kann.

(Mann und Frau gehen zum Tisch, Frau bekommt einen Stuhl angeboten)

Mann: Anfangen sollten wir vielleicht mit der Frage, für welche Todesart Sie sich entschieden haben. Haben Sie schon genaue Vorstellungen?
Frau: Ach, das Angebot ist ja so vielfältig. Noch bin ich mir ein wenig unsicher. Aber ich habe mich schon gut informiert und denke, dass ich mich innerhalb der nächsten Tage festlegen kann. Für meinen Todestag habe ich aber den Sommer 2070 ausgesucht. Und zwar den 28. Juli
Mann: Sehr guter Termin. Es ist immer schön, wenn unsere Kunden wissen, was sie wollen. Sie scheinen entscheidungsfreudig zu sein!
Trotzdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass wir unseren Kunden die Möglichkeit anbieten, ihren Tod nach vorne oder hinten zu verschieben. Dann könnten Sie eine der begehrten Schnapszahl haben. Z.B. der 07.07. Oder der 08.08. So was prägt sich besser ein.
Frau: Nein danke, der Termin ist schon gut so. Meine Uroma hat schon dieses Datum ausgewählt. Und anschließend meine Oma und meine Mutter.
Mann (fängt an Stichpunkte zu notieren): Sehr schön.
Möchten Sie denn unter der Erde begraben werden? Oder reizt Sie die Feuer- oder Seebestattung mehr?
Frau: Ach, meine Familie hat da so eine Tradition. Wir werden alle ganz klassisch begraben. Mir wurde auch schon ein Platz neben den anderen reserviert.
Mann: Wie sieht es mit dem Sarg aus? Haben sie sich darüber schon Gedanken gemacht?
Frau (etwas unsicher): Ehrlich gesagt nicht.

(Mann steht auf und holt einen Ordner)

Mann: Das macht überhaupt nichts. Ich zeige Ihnen einfach mal ein paar Möglichkeiten.
Mann: Ganz klassisch hätten wir Kiefer im Angebot, Eiche, Pappel. Etwas nobler und kostenspieliger Marmor… Neuerdings gibt es sogar Särge aus Pappe. Oder möchten Sie vielleicht etwas von einem Künstler? Sehr gefragt ist Mario Crématorio – der Picasso unter den Särgedesignern.
Frau: Puh. Das ist schwer, sich jetzt so schnell zu entscheiden.
Mann: Das ist richtig. Aber ich kann Ihnen einfach einige Prospekte mit Informationen mitgeben und sie überlegen sich das noch mal in aller Ruhe. Bis dahin bleibt uns ja Gott sei Dank noch ein wenig Zeit. Aber man ist immer gut bedient, wenn man sich schnell um alles kümmert. Die Nachfrage nach der perfekten Beerdigung wird immer größer.
(Gibt ihr ein paar Hefte)
Gehen wir doch jetzt einfach weiter zu der Veranstaltung an sich.
Bei der Wetterbestellung müssen wir immer früh dran sein um das Richtige geschickt zu bekommen. Da haben wir schon Geschichten erlebt. Welche Jahreszeit bevorzugen Sie denn? Ich geh von Sonnenschein aus?
Frau: Ja, genau. Sommer wäre super. Aber es sollte nicht zu heiß sein. Die Trauergäste sollten in ihrer schwarzen Garderobe nicht all zu sehr schwitzen müssen. Das zieht die Sonne ja so furchtbar an. Vielleicht so um die 24 Grad und ganz hell. Keine Wolken.
Und wenn es ginge mit ein paar bunten Vögeln auf dem Friedhof. Ich kenn mich in der Tierwelt nicht so gut aus. Aber möglichst farbenfroh, fänd` ich schön. Vielleicht zu etwas in Richtung Pfau. Oder Kolibri.
Mann: Gut, das lässt sich einrichten. Wird notiert.
Wie steht es denn mit Musik? Haben Sie bestimmte Vorlieben? Irgendwelche Lieblingslieder?
Frau: Oh, darüber habe ich ja noch gar nicht nachgedacht. Das müsste ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen.
Mann: Ja, das ist kein Problem. Lassen Sie sich ruhig Zeit mit allen Entscheidungen. Sie sollen schließlich nichts bereuen.
Trotzdem möchte ich Ihnen nicht verschweigen, dass wir wirklich begnadete Musiker beschäftigen, die auch sehr gerne für jeden unserer Kunden ein eigenes Stück komponieren. Ganz auf Sie zugeschnitten. Und selbstverständlich dürfen Sie von der Tonart bis hin zum Text bei allen Entscheidungen mitmischen.
Aber gut, über die Einzelheiten müssen wir uns gleich noch ausführlicher unterhalten. Ich hätte da auch noch einen kleinen Fragebogen, über bestimmte Vorlieben – da geht’s um Lichtverhältnisse, ob sie eher der Frühlings- oder Herbsttyp sind. Wie lange sie in der Kühltruhe gelagert werden möchten und von welchen Tieren ihr Leichnam abgebaut werden soll. Auf Wunsch haben wir von Mikrobakterien über Mehlwürmer bis hin zu Maden alles da. Und was den Sarg angeht haben wir extra für diesen Zweck eine besonders resistente Art der Holzwürmer angezüchtet. Außerdem gibt es seit Neustem auch eine Art Aceton-Peroxid Gas im Angebot. Das ist der letzte Schrei. Garantiert umweltfreundlich und chemiefrei.
(gibt der Frau den Zettel)
Frau: Ja, danke.
Mann: Aber jetzt sollten wir noch schnell den letzten Punkt abhaken.
Der Redner muss wissen, wo Sie nach dem Tod gerne hinkommen möchten, um seine Trauerrede darauf aufbauen zu können.
Frau (super interessiert): Okay, das klingt interessant.
Mann: Sie haben hier die Möglichkeit einen Platz im Jenseits zu kaufen. Wir haben viele Anfragen und die Plätze sind je nach Vorlieben begrenzt.
Frau: Ja, was gibt es denn da so im Angebot?
Mann: Wir hätten einmal die klassisch christliche Variante mit der Vorstellung eines Paradieses und der Hölle – wobei Sie sich vermutlich eher für das Paradies entscheiden sollten.
Dann die buddhistische Reinkarnation, bei der sie die Möglichkeit haben als Tier oder als ein anderer Mensch noch mal ganz woanders wiedergeboren zu werden. Dabei sollten Sie aber beachten, dass Sie nur als Mann nach dem Tod die Chance bekommen ins Nirvana zu kommen.
Aber wir geben unseren Kunden da auch gerne noch mal eine Übersicht mit, welche Tiere ein – sagen wir mal – eher angenehmeres Leben verbringen (da wäre beispielsweise das Faultier anzubieten) und was einem nicht zu raten wäre, wie die Eintagsfliege. Aber bei allen gibt es Vor- und Nachteile, die aber selbstverständlich auch alle aufgeführt sind.
Dann könnten Sie den atheistischen Glauben übernehmen. Das heißt, es wird mit ihnen nach dem Tod rein gar nichts passieren. Und nebenbei bemerkt: das ist eine recht beliebte Variante, weil sie sehr bequem ist.
Begrenzt ist der Platz bei den Zeugen Jehovas. Da würden Sie ebenfalls in eine Art Himmel kommen, sollten sich aber schnell als Mitglied registrieren lassen, weil nur 144.000 einen Platz bekommen können.
Und weiter gibt es noch die…
Frau (unterbricht): Ja, das ist jetzt gar nicht so einfach. Ziemlich viel. Haben Sie denn dazu auch noch eine Liste?
Mann: Ja natürlich. Es gibt auch noch einige andere Möglichkeiten und für einen kleinen Aufpreis sind wir auch gerne bereit, einzelne Punkte ihren Vorstellungen entsprechend abzuwandeln.
(gibt ihr den Zettel in die Hand)
Mann: Und noch ein kleiner Geheimtipp. Wir sind gerne bereit, die Veranstaltung aufzuzeichnen und Ihnen anschließend ein Video zukommen zu lassen. Solche unvergesslichen Momente sollten nicht verloren gehen.
(Frau schaut sich die Zettel an)
Ja, ich würde vorschlagen, Sie setzten sich einfach mal hin, ich bringe Ihnen einen Kaffee und sie füllen ganz in Ruhe die Bögen aus. Und ich verspreche Ihnen, ihre Beerdigung wird für sie keine Enttäuschung sein!
(Frau setzt sich, fängt an zu schreiben, Ende.)

(1. Juni 2006)

Alice Miller

Hier eine Rezension, die ich für einen Kurs in der Uni geschrieben habe.

Die Diktatur der Moral

Alice Miller spricht in „Die Revolte des Körpers“ über das vierte Gebot und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft
“Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Dieses ist das vierte von zehn Geboten, die Mose laut dem Alten Testament auf dem Berg Sinai von Gott erhielt.
Alice Miller schreibt in ihrem 2005 erschienenen Buch „Die Revolte des Köpers“ über die Bedeutung dieses Gebots, das nicht nur Jahrtausende lang überleben konnte, sondern dessen Inhalt sogar ausschlaggebend für die Zielsetzung der Psychotherapie wurde.
Nach Miller wird in der vorherrschenden Therapie davon ausgegangen, dass das oberste Ziel die Versöhnung mit den Eltern sei. War die Kindheit noch so schlimm, wurde man misshandelt oder missbraucht, so solle man in der letzten Therapiestunde doch dazu bereit sein, seinen Eltern zu verzeihen und Liebe für sie zu empfinden. Nur so könne man von einer erfolgreichen Behandlung sprechen.
Mit dieser Auffassung wollte die Schweizer Psychoanalytikerin nicht länger konform gehen und gab ihre Arbeit nach zwanzig Jahren auf um sich mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschung in Form von mittlerweile elf Büchern an die Öffentlichkeit zu wenden.
Sie stellt sich gegen die Verleugnung der Gefühle, die das Resultat leidlicher Kindheitserfahrung darstellen, und möchte misshandelte Opfer ermutigen, die wahren Empfindungen nicht länger Zugunsten einer verinnerlichten, aber unreflektierten Norm zu unterdrücken.
Dostojewski, Franz Kafka, Virginia Woolf und Marcel Proust – sie alle verbindet nicht nur die Schriftstellerei, sondern auch eine komplizierte Beziehung zu ihren Eltern. So zeugen Berichte über Dostojewskis Vater von maßloser Brutalität, und Proust war ein von seiner dominierenden und beherrschenden Mutter verängstigter Junge, der immer um ihre Zuneigung bangte. Kafka litt sein ganzes Leben unter der Furcht vor seinem Vater und Woolf wurde von ihren Halbbrüdern sexuell missbraucht, ohne Hilfe von ihren Eltern zu bekommen. Sie alle teilten das gleiche Schicksal: Entweder sie starben früh an einer Krankheit oder nahmen sich selbst das Leben.
Anhand dieser biographischen Fakten verdeutlicht Miller ihre Theorie: Der unbewusste Versuch der Autoren dem christlichen Gebot Folge zu leisten und damit über die Grausamkeiten in der Kindheit hinwegzusehen, hieße nichts anderes als Traumata zu ignorieren. Zwar könne man oberflächlich positive Gefühle für die Eltern entwickeln, doch der Körper könne die Erfahrungen nicht verdrängen. Er habe sie registriert, gespeichert und wehre sich. Der Mensch wird krank – die Revolte des Körpers.
Wie sie in ihrem Buch erwähnt, brauchte Miller selbst vierzig Jahre um verdrängte Erinnerungen an Misshandlungen aufzuarbeiten. Sie löste sich von der traditionellen Moral, der sie nicht entsprechen konnte, und den damit verbundenen Schuldgefühlen.
Neben den eigenen Erfahrungen bezieht sich Miller auf Briefe, Biografien und Berichte anderer Opfer, deren Geschichte mit ihrer Theorie übereinstimmen.
Immer wieder macht sie auf die Gefahren aufmerksam, die eine Unterwerfung unter die Diktatur der Moral in sich bergen. So widmet Miller sich in einem nur vierseitigen Abschnitt dem Phänomen der Serienmörder und geht speziell auf die Biografie von Patrice Alègre ein, der mehrere Frauen vergewaltigt und erwürgt hat. Auch hier finden wir eine schlimme Kindheitsgeschichte mit einem gewalttätigen Vater und einer Prostituierten als Mutter, die mit ihrem Sohn nicht nur Inzest beging, sondern ihn auch als Wächter vor der Tür positionierte, wenn sie Kundschaft empfing. Für die Psychoanalytikerin ist der Fall klar: Die Verwirrung, die das sexuelle Verhalten der Mutter auf Alègre bewirkt, löst in dem Jungen den Wunsch aus, seine Mutter, während sie beim Verkehr stöhnt, zu töten. Da er aber den eigentlichen Hass unterdrückt und meint, sie zu lieben, ermodert er an ihrer Stelle andere Frauen.
Die Einfachheit dieser Analyse erscheint fast unglaubwürdig. Millers Argumentation lebt von einer plausiblen Logik, die sich auf alle ihre zahllosen Beispiele anwenden lässt. An scheinbar zu vielen Fällen lassen sich die Konsequenzen aufzeigen, die das Halten an das vierte Gebot mit sich bringt. Es ist wohl das Unkomplizierte, das Zweifel an Millers Theorie aufkommen lässt.
Gleichzeitig beweist die Analytikerin jedoch mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen und ihrer langjährigen Forschungsarbeit ihre Unabhängigkeit von traditionellen Normen, indem sie ein altbewährtes System hinterfragt, sich mit einer klaren Begründung dagegen wendet und ihm eine nachvollziehbare und interessante Alternative entgegenstellt. Es ist lohnend, sich mit dieser neuartigen Sichtweise zu beschäftigen, zumal Miller sehr darauf bedacht ist, eine leicht verständliche Sprache zu verwenden. Denn nicht zuletzt ist es ihr Ziel, die Gesellschaft und damit auch Opfer aufzurütteln und für das Problem des vierten Gebots zu sensibilisieren.

(1. Februar 2008)

Studium

Vor etwa einem Jahr traf ich im Zug einen jungen Mann, den ich vom Sehen her kannte. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns über das Studentenleben. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich die Uni nicht gerade als Ort der Erleuchtung emfpand und mich doch sehr auf die Zeit nach meinem Abschluss freute. Daraufhin antwortete er: "Warte mal ab. In zehn Jahren wirst du bestimmt zurück schauen und daran denken, wie schön es doch war."
Wenn ich heute, nur wenige Monate nachdem ich ganz feierlich mein Zeugnis im Sekretariat von einer genervten Angestellten in die Hand gedrückt bekommen habe, meine Zeit an der Uni Revue passieren lasse, denke ich tatsächlich an die vielen wunderbaren Momente. Hier eine Liste der nettesten Schikanen:

Platz 4:

Zu den Pflichten, die ich während meines Studiums zu erfüllen hatte, gehörte ein achtwöchiges Praktikum. Da ich während meines Studiums halbtags in einem Verlag arbeitete, hatte ich die fixe Idee, mir diesen Job als Modul anrechnen zu lassen. Abgesehen davon, dass ich mir nicht acht Wochen Urlaub nehmen konnte, dachte ich, dass es bei dem Praktikum darum ginge, möglichst viele Erfahrungen im Berufsleben zu sammeln. Denn so stand es in der Studienordnung. Da ich diese Anforderungen mit meiner Stelle erfüllen konnte, belästigte ich die für Praktikumsfragen zuständige Stelle mit meinem Anliegen und bekam ich die knappe Antwort: "Das geht nicht. Ein Praktikum muss acht Wochen à 40 Stunden betragen."

Platz 3:

Für eine Linguistikhausarbeit bekam ich von meinem Dozenten Tonbandaufnahmen, die aufzeichneten, wie Kinder im Alter von etwa 4 Jahren hochdeutsche Sätze in den Dialekt ihrer Heimat übersetzten. Meine Aufgabe war es, die Sätze zu transkribieren und die sprachlichen Auffälligkeiten herauszuarbeiten. Anschließend sollte ich die Ergebnisse mit einer sehr ähnlichen, aber umfangreicheren Studie vergleichen, die in der gleichen Gegend mit Erwachsenen durchgeführt wurde. In der Einleitung erklärte ich mein Vorgehen. In vier Kapiteln wurde jeweils ein Beispiel einer sprachlichen Auffälligkeit näher betrachtet. Zuerst wurden die Ergebnisse der Studie über die Erwachsenen zusammengefasst, während in einem zweiten Schritt auf die Kinder eingegangen wurde. Das bedeutet, dass jedes Kapitel aus zwei Teilen bestand, die durch Unterkapitel von einander abgegrenzt wurden.
Als ich die Arbeit wieder bekam, erklärte mir der Dozent, er hätte mir leider Punkte abziehen müssen, weil ihm nie klar war, ob es um die Erwachsenen oder um die Kinder ging.

Platz 2:

Zu dem Praktikum gehörte auch ein Bericht von etwa 15 Seiten, der nicht benotet wurde, sondern lediglich als Leistungsnachweis diente. Dementsprechend war auch der Aufwand, den ich dafür betrieb. Doch als ich den Text zurück bekam, war ich doch verblüfft. Ich lernte ganz Neues über die deutsche Sprache. Der Fehlerquotient lag selbst bei meinen Englischklassenarbeiten wohl nicht so hoch.
Der Begriff "Laufkundschaft" wurde als Ausdrucksfehler angestrichen. Genauso wie "Kontakt zu Kunden". Richtig wäre "Kundenkontakt". "Inhaltliche Zusammenfassung" war ebenfalls verkehrt. Korrekt hieße es: "Inhaltszusammenfassung". Verboten war es mir auch "darauf zu achten" zu schreiben. So reihten sich die Ausdrucksfehler aneinander. Doch trotz der "sprachlichen Mängel", die der Prof. bei seiner auf das Titelblatt der Arbeit gekritzelten Beurteilung beanstandete, bekam ich meinen Schein.

Platz 1:

Für das Seminar "Europäische Literatur" musste man, um für die Klausur zugelassen zu werden, einen Essay von etwa drei Seiten schreiben (Das war sowieso etwas, was mich sehr gestresst hat. Für jedes Seminar gab es andere Aufnahmebedingungen. Dass man sich einfach auf eine Liste eintragen und dann zum Termin erscheint, war unmöglich. Entweder man bestand einen Lektüretest, für den man im Schnitt etwa 6 Bücher lesen musste oder man schrieb einen Essay von 4 Seiten, für den man ebenfalls die Bücher gelesen haben sollte.). Ich hatte mir ein wunderbares Thema für meinen Aufsatz ausgesucht, schon recherchiert und vorsichtshalber nochmal meiner Dozentin einer E-Mail geschrieben, ob dieses Thema den Anforderungen entspräche. Daraufhin antwortete sie, ich solle mir bloß etwas anspruchsloseres aussuchen. Vielleicht eine Frage, wie "Was ist der Kasus?". Da ich gerade erst eine Hausarbeit zu einem ähnlichen Thema geschrieben hatte und meine Chance gekommen sah, das meiste einfach nur in einen neuen Text zu kopieren, nahm ich diesen Vorschlag dankbar an, auch wenn ich das Thema nicht ganz geeignet für die geforderte Textform empfand.
Nachdem ich den Essay abgegeben hatte, hörte ich eine Woche lang nichts. Die Klausurphase hatte gerade angefangen, auf der Arbeit gab es eine Menge zu tun. Und dann lag eine Mail in meinem Postfach: "Leider ist Ihr Aufsatz nicht ganz gut geraten. Die Sprache ist terminologisch geprägt (...), da drin gibt es kein Ich, das die Kasus erklären will. Bitte stellen Sie sich eine Person vor, die Maschienenbau studiert oder einen Japaner, den Sie im Sommerkurs kennengelernt haben, dieser Person versuchen Sie, Sie!, zu erklären, was Kasus sind."
Ich musste mir meinen missratenen Aufsatz abholen, bei dem bei jedem Fremdwort mit Bleistift angemerkt wurde: "Was ist das?" und einen Neuen schreiben.

Ich bin sehr gespannt, wie ich in zehn Jahren über meine Zeit an der Uni denke.

Mittwoch, Februar 02, 2011

Das Zahlenspiel

Welch Mysterium, welche Macht sich hinter diesem Begriff verbirgt, lässt sich noch kaum erahnen. Noch sehe ich die unbeeindruckten Blicke meiner Leser vor mir und höre sie sich selbst gelangweilt fragen, mit welchem sinnlosen Beitrag ich heute ihre kostbare Zeit verschwende.
Ich wage es kaum, diese Worte niederzuschreiben.
In Harry Potter wird von dem personifizierten Bösen Voldemort nur mit dem Satz „Du-Weißt-Schon-Wer“ gesprochen aus Angst, dass die bloße Nennung des Namens die ganze schreckliche Macht entfesseln könnte.
Und so beschränke auch ich mich in diesem Beitrag auf den simplen Begriff „Das Zahlenspiel“.

Alles begann ganz harmlos. Während andere sich im Unterricht mit zeichnen oder Briefchen schreiben beschäftigen, schmierte meine Sitznachbarin einen Zettel nach dem anderen mit Zahlen voll, die sie scheinbar willkürlich wieder durchstrich. Eine clevere Art seinem Unvermögen Ausdruck zu verleihen, dachte ich mir.
Nach einigen Tagen begann mich diese stupide und konzentrierte Arbeit derart zu nerven, dass ich der Sache auf den Grund gehen wollte.
Also ließ ich mir dieses Spiel erklären.
Man schreibt die Zahlen von 1-18 (die zehn wird ausgelassen) folgendermaßen auf einen karierten Zettel:
123456789
111213141
5161718
Dann streicht man alle gleichen Zahlen oder die, die zusammen zehn ergeben. Diese Zahlen müssen entweder nebeneinander oder übereinander stehen. Dabei stehen die erste und die letzte Zahl sozusagen nebeneinander.
Gibt es nichts mehr zu streichen, schreibt man alle übrig gebliebenen Zahlen in der jetzt entstandenen Reihenfolge wieder auf und spielt genauso weiter.

Ein recht simples System, dachte ich mir und probierte es unschuldig und nichts ahnend aus.
Es war erstaunlich, wie schnell dieses Spiel einen Sinn ergab. Wie es Schulstunden mit einem Inhalt füllte, deren Wert man wochenlang trotz Anstrengung nicht erkannt hatte. Wie es Zeiten überbrücken konnte, deren Länge manches Mal qualvolle Ausmaße annahm, gegen die man nicht anzukommen schien.
Die Zeit der zermürbenden Langeweile hatte ein Ende genommen.
Man begann sich auf den Unterricht zu freuen.
Die Begeisterung schwappte schnell über. Schon bald waren wir nicht mehr die einzigen, deren Ordner mit Zahlenblöcken gefüllt waren und die sich eigens für diese Aktivität ein Spielheft zugelegt hatten.
Noch schien alles wie eine harmlose Freizeitbeschäftigung, wie ein unschuldiger Spaß. Wir waren wie Kinder, die ein neues Stofftier geschenkt bekommen hatten und ihm jede freie Minute unserer Zeit widmeten. Wochen voller Freude und Unbeschwertheit.
Doch schon bald spürte ich eine Veränderung. Mein Kopf war während der Schulstunden nur noch über meine Hefte gebeugt. Es fiel mir schwer, die Lehrer während des Unterrichts anzuschauen, hatte ich doch eine viel interessantere Arbeit gefunden.
Abends im Bett hatte ich Zahlen vor Augen, strich imaginär doppelte Ziffern weg und spielte einfach ohne Papier und Stift weiter.
Anfangs verglich ich es noch mit Computerspielen. Wenn ich als Kind zu lange mit Tetris beschäftigt hatte, schwirrten nachts bunte Steinchen vor meinem geistigen Auge entlang und ich konnte nicht schlafen, wenn die Formen nicht zueinander passten.
Ich hatte mich lediglich ein wenig in meine Aktivität reingesteigert, sah aber noch keinen Anlass, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen.
Doch ich merkte bald, dass mich das Spiel aggressiv machte. Wenn die Zahlen anders waren als ich es mir wünschte, wurde ich sauer. Ich entwickelte einen unbändigen Zwang, immer weiter zu spielen bis es wieder Spaß machte. Geübt schrieb ich eine Zahl nach der anderen, strich wieder durch und füllte Seite um Seite in meinem Block.
Ich fühlte mich wie Herr B. in der Schachnovelle, dessen einzige Beschäftigung, während seiner isolierten Haft, darin bestand, ein geklautes Buch durchzulesen, in dem verschiedene Schachzüge von großen Spieler aufgeführt waren. Ein Schachspiel nach dem anderen ging er im Kopf durch, lernte Strategien auswendig, überlegte neue und übertrug sein ganzes Dasein auf die Umgebung eines Schachbretts. Zum Schluss lebte er mit zwei Persönlichkeiten: Ich-Weiß und Ich-Schwarz.
Doch wie schön, dass dieser Vergleich hinkt. Im Gegensatz zu Schach ist es weder kompliziert noch erfordert es volle Konzentration. Es lässt sich viel mehr mit Packman vergleichen und macht auch den gleichen Spaß.
Als Resümee lässt sich also festhalten: Sehr empfehlenswert!

(17. Dezember 2006)

Schlecht erzählte Witze

Neulich im Bus:

Proll zum anderen Proll:
Ey, ich hab 'nen super Witz. Kommen drei Neue in 'ne Klasse: Hanna, Hannes und Gurt. Sagt die Lehrerin: "Eure Namen sind mir zu schwer. Ich nenne euch anders. Hanna, dich nenne ich Johanna, Hannes, dich Johannes und Gurt, dich nenne ich Jogurt."

Früher hieß der dritte im Bunde Kurt. Den Namen gibt es immerhin.

Aber hier mein Favorit:

K: Was ist ein Keks im Schatten?

Stille, fragende Blicke.

K: Oh scheiße! Falsch erzählt. Was ist ein Keks unterm Baum? Antwort: Ein schattiges Plätzchen.

(18. Februar 2009)

Ungeduld

Ich war die dritte in der Schlange. Eigentlich die zweite. Aber der nette Herr zu meiner linken hatte anscheinend Probleme, das Ende der Schlange zu finden und reihte sich unauffällig mittig ein. Tatsächlich durfte er seine Bücher dann sogar als erstes zahlen (ich habe mir den Trick abgeschaut).
Das Mädchen vor mir hatte schon vor Wochen ein Buch bestellt und wollte fragen, ob es denn noch da wäre. Sie wirkte unsicher, sprach so leise, dass man es kaum wahrnahm. Die Verkäuferin verstand nicht sofort und musste nachfragen: "Wie war der Titel?"
Auch beim Wiederholen verstand ich nur den Autor: Marlowe. Der Titel blieb mir ein Rätsel. Der Angestellten ging es ähnlich. Etwas verzweifelt suchte sie nach den wenigen Worten, die sie verstanden hatte, während ich schon etwas ungeduldig auf meine Uhr schaute. Mein Zug würde in 20 Minuten kommen und ich war noch nicht mal am Bahnhof.
Sie musste den Titel nochmal wiederholen.
"Wie ist denn Ihr Name?" fragte die Verkäuferin höflich.
"Lnnm..." kam es heraus.
"Entschuldigen Sie." fuhr die Verkäuferin das Mädchen an. "Ein wenig lauter wäre nett!"
Diesmal verstand sie den Namen. Die Sache wurde geklärt und ich war an der Reihe.
Ich nahm mir vor, besonders laut und deutlich zu sprechen. Schon fast abgehackt klang meine Frage: HABEN_SIE_DAS_"LOB_DER_TORHEIT"?
Die Verkäuferin beugte sich zu mir vor, hielt mir ihr linkes Ohr entgegen und fragte: "Wie bitte?"

(22. Januar 2009)

Wichtige Fragen

Vor etwa einer Woche passierte es. Ich schlenderte mit einem Freund durch die Marburger Oberstadt, genoss die kalte Luft und begutachtete die Schaufenster, die zu puppenhausähnlichen Läden gehörten. Immer wieder erinnerten mich die Gassen mit dem Kopfsteinpflaster und die kleinen Fachwerkhäuser an Merklin Eisenbahndörfer.
Ein Mädchen kam entschlossenen Schrittes auf mich zu. Die Haare hatte sie zu einem Zopf geflechtet und ihre Augen fixierten konzentriert einen Punkt hinter mir. Ihr Gesicht wirkte verkniffen, der Blick verfinsterte sich von Sekunde zu Sekunde. Mit einem Mal holte sie mit ihrem Arm aus und schleuderte ihr Handy gegen eine Eingangstür neben sich. Ohne sich umzurdrehen, stampfte sie weiter. Irritiert blieben einige Leute stehen. Direkt hinter ihr lief ein junger Mann, bückte sich und hob das Handy auf, während er sich beeilte mit ihr Schritt zu halten.
Ich drehte mich um - neugierig lauschend, ob die beiden miteinander sprachen. Vielleicht gehörten sie zusammen. Doch sie liefen nur weiter schweigend hintereinander her.

Es belastet mich, nicht zu wissen, was vorgefallen ist.

(7. Oktober 2008)

Karneval

Letzte Woche wurde ich gefragt (ich bin so müde, dass ich fast "frug mich jemand" geschrieben hätte) , ob ich Karneval feiern würde. Völlig gefrustet vom Tag, legte ich los: Karneval sei doch das letzte, überall besoffene Erwachsene, die peinliche Köstüme tragen und nichts anderes mehr können als Rumgrölen, ich könne daran gar nichts witziges finden, ein völlig niveauloses Verhalten usw. usf.
Sehr trocken antwortete er: "Also ich bin ja Karnevalfan."

Gut, dachte ich mir. Erstmal keine unüberlegten Kommentare mehr zu Karneval.

Aber heute morgen schaute ich in den Spiegel und hatte rote Flecken auf meiner Wange. Auf beiden Seiten, symetrisch. Und knallrot. Vom Duschen gingen sie nicht weg, auch nicht vom Frühstück. Genausowenig von der Uni oder vom Kaffee. Der Tag konnte nicht gut werden.
Mein Körper wusste, dass heute etwas nicht stimmt. Er hat es sich gemerkt. Mein Verstand wollte es vertuschen, es verdrängen, doch der Körper war schlauer. Er hatte diese grauenhafte Vorahnung und reagierte: Mit Stressflecken (oder etwas ähnlichem). Denn heute ist Rosenmontag - der Montag, der (weil es in Hessen nicht frei gibt) noch schlimmer ist als alle anderen Montage im Jahr - der Tag, den ich noch lieber als Weihnachten abschaffen würde.
An jeder Straßenecke stehen sie - Piraten, Krankenschwestern, Knackis, Clowns mit schlecht verarbeiteten Billigkostümen - und rufen einen euphorischen "Helau" zu (immerhin "helau" und nicht "Kölle alaaf" - das würd mich wohl richtig schaffen)! Dann schaue ich böse zurück und es gibt wieder ein "Helau"! - Eine recht einseitzige Kommunikation, was aber außer mir niemand zu bermerken scheint.
Und warum wollen sie alle Berliner? In der Bäckerei kamen heute mehr als 300 Berliner in der Lieferung mit. Noch im Dezember blieben wir auf den Mist sitzen und ganz plötzlich - jetzt ist ja schließlich Februar - essen die Leute kiloweise davon. Warum?
Und im Radio laufen nur noch Schlager - gibt es keine anderen Lieder mehr als "Ein Stern" von DJ Ötzi? Achja: und das tollste - das versüßt mir den ganzen Tag - ich kann mich bei FFH bewerben: Denn vielleicht kommt DER Polonesenstar (der Name ist mir wieder entfallen) bei mir vorbei und macht mit mir und meinen Kollegen die längste Polonese der Welt! Die Weltlängste Polonese würde Karlsson vom Dach sagen und den Propeller anschmeißen um sich interessanteren Dinge zu widmen.

(4. Februar 2008)

Taxifahrer

Heute im Taxi auf dem Weg zum Gießener Bahnhof ergab sich folgendes Gespräch:

Fahrer: Ach, dann bist du ja jetzt viel zu früh am Gleis. Gehst du dann noch einen Kaffee trinken?
Ich: Nein, ich lese dann. Das ist schon okay.
Fahrer (reißt die Augen auf): Du liest?
Ich (verwirrt): Ja, genau...
Fahrer (entsetzt): Was?!... Ein Buch?
Ich (noch verwirrter): Ja, ein Buch...
Fahrer (völlig perplex): Krass!!

Pause.

Fahrer (schaut mich mit erwartungsvoll von der Seite an): Weißt du, ich lese auch...

Wollte der mich anmachen?

(23. Dezember 2007)

Gott

Heute im Bus hörte ich folgendes Gespräch:

Mann: Achja, ich habe heute meinen Chef in der Stadt gesehen.
Frau: Hm, ich weiß nicht, ob ich den überhaupt kenne. Wie sieht er nochmal aus?
Mann: Wie Gott.
Frau: ?
Mann: Naja, weiße Haare und Intellektuellenbrille.

Damit wäre auch dieses Rätsel endlich gelöst.

(22. November 2007)

Fast ironisch

Fast ironisch strahlte die Sonne
Über den Köpfen der Frauen.
Und als wäre es ihm eine Freude
Lachte er über dieses Grauen.

Sein so gleichgültiger Blick
Widerte die Frauen an.
Und das knochige Gesicht
Schien ohne Leben zu sein.

Alle Hoffnung war plötzlich begraben
Als sie – laut angeschrieen
Und behandelt wie Küchenschaben –
Schnell zusammen gescheucht wurden.

In einer Reihe standen sie
Die Augen angstvoll zu Boden gerichtet.
So wurden wie durchbohrt
Vom kalten Blei – von der Sonne belichtet.

- zapp –

Ich schaltete den Fernseher aus
Und ging einkaufen.

(Marinski, 19. Juni 2007)

Schule

Als G. und ich gestern in der Sonne saßen, kamen wir auf verschiedene Peinlichkeiten in der Schulzeit zu sprechen.
Dabei erzählte er folgende Geschichte.
Für eine Geometriearbeit hatte er nichts gelernt und hatte das Glück neben einer guten Schülerin zu sitzen, bei der er ohne Probleme abschreiben konnte.
Er gab die Arbeit mit einem guten Gefühl ab und machte sich weiter keine Sorgen. Bis sie zurück gegeben wurde.
Der Lehrer stand vor der Klasse und fragte: "Silke Müller, kann es sein, dass du zwei Arbeiten zurück gegeben hast? Und G., kann es sein, dass du gar keine Arbeit zurück gegeben hast?
G. war bein Abschreiben so unkonzentriert gewesen, dass er nicht nur die Rechenaufgaben abgeguckt, sondern auch gleich den Namen übernommen hat.

(23. April 2007)

Krähen

Die Vogelplage nimmt Überhand.
Gerade eben habe ich auf NDR einen Beitrag über Rendsburg gesehen.
Dort gibt es zu viele Krähen.
Als ich die Bilder sah und das Vogelgekreische hörte, war ich sofort hellwach. Das interessierte mich.
Über 180 Paar Krähen haben sich in dem Stadtteil eingenistet. Die Bewohner sind ratlos. Nicht nur der Lärm macht ihnen zu schaffen, ständig müssen sie ihre Autos und Fenster putzen und auch sie selbst werden bei einem Gang in die Stadt nicht von der Vogelkacke verschont.
Sogar der Bürgermeister musste seine Jacke nach einer kleinen Fahrradtour erstmal zur Reinigung bringen.
Maßnahmen müssen ergriffen werden. Das war allen klar.
Also wurde ein Gärtner von der Stadt dazu abgeordnet vier Mal am Tag mit einer Pistole in die Luft zu schießen, damit die Vögel vor Schreck das Weite suchen.
Und da Krähen sehr schlau sind, muss dies täglich um verschiedenen Uhrzeiten passieren.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wieso der Gärtner die Vögel nicht einfach mit der Pistole erschießt. Aber das geht nicht, weil Krähen unter Naturschutz stehen.
Ich bin bin gespannt, wann Marburg die Notlage einsieht und Konsequenzen zieht.

(10. März 2007)

Die Vögel

Am Samstag war es das vierte Mal. Die Vorzeichen häufen sich.

Es hat Jahre gebraucht um mich dazu zu bringen, den Film "Die Vögel" anzuschauen. Es ist nicht so, dass ich Vögel schlimmer finde als andere Tiere, nur möglicherweise häßlicher und vor allem: unberechenbarer. Während ich mich einfach weigern kann, einen Hamster oder ein Meerschweinchen zu streicheln, ist man den Vögeln in der Natur schutzlos ausgeliefert und gerade Tauben verstehen es, sich einen Spaß daraus zu machen (beim Schreiben überkommt mich ein heftiges Schütteln).

Seit einigen Monaten finde ich in meinem Leben immer wieder Parallelen zum Film.
Als ich mich an einem Nachmittag nichtsahnend in der Marburger Stadt aufhielt, verdunkelte sich urplötzlich der Himmel und ein Schwarm unzählbarer schwarzer Krähen taucht über meinem Kopf auf. Kreischend umkreisten sie die Hausdächer und boten mir ein unheimliches Schauspiel .
Meine Gedanken überschlugen sich.
Welche Absicht verfolgen sie?
Und vor allem: Warum fällt dieses unnatürliche Phänomen sonst niemanden auf? Rufen sie etwa meinem Namen?

Nur eine Woche später wiederholt sich die Geschichte in Gießen.
Am Samstag war es das vierte Mal.

Noch lässt sich kein Muster erkennen. Manchmal passiert es in Marburg, manchmal in Gießen. Mal bin ich alleine und manchmal mit jemanden zusammen. Auch ist mir nicht klar, ob der Himmel schon vorher grau ist oder ob die Vögel die Dunkelheit mich sich bringen.

Fest steht: Ich habe Angst.

(12. Februar 2007)

"Nichts."

Es gibt Menschen, die meinen, manchmal nichts zu denken.
Wenn man sie fragt: "Was denkst du?", antworten sie: "Nichts."
Anfangs dachte ich noch, dass sie das einfach nur sagen um ein langes Gespräch zu vermeiden oder weil ihre Gedanken möglicherweise peinlich sind.
Aber mittlerweile habe ich herausgefunden, dass sie das tatsächlich glauben.

Als Kind saß ich manchmal vor dem Fernseher und habe mir selber eine Zeit gesetzt, in der ich nichts denken wollte. Anfangs versuchte ich es mit einer Minute, doch schnell musste ich einsehen, dass ich die Zeit runterschrauben musste, wenn ich es schaffen wollte.
Doch es klappte einfach nicht. Denn sobald ich es probierte, konzentrierte ich mich gedanklich so sehr darauf, an nichts denken zu wollen, dass ich nur noch daran denken konnte.
Es war ein ewiger Kreislauf.
Manchmal hat es mich fast wahnsinnig gemacht.

Natürlich denkt man nicht durchgehend bewusst über bestimmte Dinge nach und oft ist man total unkonzentriert und die Gedanken schweifen ab, aber das Gehirn arbeitet doch weiter.
Ich kann mich an keinen Moment erinnern, in dem ich - auch wenn ich noch so sehr geträumt habe - nicht zurückverfolgen konnte, was sich gerade in meinem Kopf abgespielt hat.
Hin und wieder mache ich mir auch einen Spaß daraus, meine Gedankengänge zu reproduzieren und die Gedankensprünge nachzuvollziehen.

Und dann gibt es wieder die andere Seite. Oft emfpinde ich es wahnsinnig anstrengend, die Gedanken nicht abschalten zu können. Man kann ja gar nichts dagegen machen, dass sie weiter arbeiten und keine Ruhe geben. Sogar nachts verfolgen sie einen in den Träumen.

Deswegen frage ich mich: Was machen diese Leute, die meinen, nichts zu denken?

(8. Januar 2007)

Einsamer Poet

Regale voll ungebundener Bücher
- der Freiheit wegen
Besoffen vom eigenen Intellekt
Bis hin zum Delirium.
Und dann fast erstickt an Einsamkeit.
Klaustrophobische Gedanken vernebeln das Gehirn,
eingeengt von zu viel Worten
Ein gescheiteter Versuch zu kategorisieren, zu ordnen, zu systematisieren.
Noch eine Zigarre
Oder lieber einen Whisky
Um die Gedanken zu erleichtern
Sie schweben zu lassen
Zu Intelligenz zu machen.
Oder lieber zu Geld.
Und dann fast gestolpert über die Adjektive
Verben Nomen Attribute Genitive Superlative
Die ungebundenen Bücher plötzlich voller leerer Seiten, Sätze zerbersten
Und zerstreuen Buchstaben
Bergeweise
Die Brocken vergessen zu kauen.
Bestehend aus zusammenhanglosen Worten
Und dann fast erstickt an Gedanken
Lieber noch einen Schluck Whisky
- Zum runterspülen

(9. Januar 2007)

Im Schwimmunterricht

Es gab wenige Momente in meinem Leben, in denen ich den Sportunterricht zu schätzen gewusst habe und gar keine, in denen er zu meinem Lieblingsfach hätte werden können.
Der schlimmste Teil war der Schwimmunterricht.
Warum wir gezwungen wurden morgens um acht Uhr nach einer Gruppe nackter Senioren (nackt deswegen, weil sie immer nackt in der Dusche standen und wir deswegen die Vermutung anstellten, dass sie genauso ins Becken gingen) ins ekelige Chlorwasser zu springen, bleibt mir bis heute ein Rätsel.

Es hat lange gedauert bis ich aus der Gruppe der Nichtschwimmer auf die nächste Stufe gerückt bin. Da meine ganzen Freunde dieses Leid mit mir teilten und wir alle Angst vor der Lehrerin hatten, die die Halbschwimmer-Gruppe unterrichtete, genoss ich dieses sinnlose Dasein bis ich so gut schwimmen konnte, dass ich zur nächsten Station wechseln musste.
Zwar war es eine Verschlechterung zur bisherigen, doch immerhin konnte ich mich damit trösten, dass ich nicht sofort zu den richtigen Schwimmern musste. Denn diese letzte und gleichzeitig auch beste Gruppe bestand aus Schülern, die Mitglied im DLRG waren und solchen, die ein Naturtalent für das Schwimmen mitbrachten. Mit meinen Leistungen erschienen mir die Aufgaben dieser Fraktion nicht zu bewältigen.
Und das, was mich am meisten abschreckte, war die Tatsache, dass die Schwimmer jedes Mal von Neuem einen Kopfsprung vom Block machen mussten.
Unterwasserreportagen und Haifilme wecken in mir ein beklemmendes Gefühl und lösen eine gewisse Unruhe aus. Aber wieso gerade der Kopfsprung eine so respekteinflößende Wirkung auf mich hatte, kann ich in Anbetracht dessen, dass ich voller Freude vom Drei-Meterbrett gesprungen bin, heute nicht mehr logisch erklären.
Tatsache blieb, dass ich den Vorsatz hatte, meine Leistungen nicht zu verbessern um den Sprung zur nächsten Stufe zu vermeiden.
Und ich gebe zu, dass mir diese Aufgabe wenig Probleme bereitete.
Aber als hätte sie meine Taktik durchschaut, hielt Frau Sonnenschein es für nötig, uns den Kopfsprung zumindest vom Beckenrand beizubringen. Eine leichte Übung in ihren Augen, für mich der reinste Horror.
Ich positionierte mich also genauso, wie ich mir von den Schwimmern abgeschaut hatte und meine Lehrerin half mir die Stellung zu perfektionieren.
Als ich dann also so weit war und ich nur noch das dunkle Ungewisse des Wassers vor mir sah, legte sie ihre Hände auf meine Füße.
Sofort stieg Panik in mir auf.
„Ich mache überhaupt nichts. Sobald du abgesprungen bist, sind meine Hände wieder verschwunden. Du merkst sie gar nicht.“ Versuchte sie mich zu ermutigen.
Doch die Lehrerin löste in mir eine gewisse Abneigung aus, vielleicht sogar mehr. Sie war streng und unfreundlich. Und ich glaubte ihr nicht.
Aber mir blieb nichts anderes übrig als zu springen.
Und das tat ich.
Doch genau in dem Moment, in dem sich meine Füße vom Boden lösten, riss sie meine Beine mit ihren Händen nach oben und ich landete mit Schwung im Wasser.

Es kam nicht überraschend und ich hatte von der Frau, die ich mit grauen Kleidern, einem schwarzen Regenschirm in der Hand und einem versteinerten Gesicht in Erinnerung habe, nichts anderes erwartet.

Und trotzdem hatte ich in meiner darauf folgenden Schwimmkarriere immer eine Ausrede parat, warum ich den Sprung vom Block nicht machen konnte und war heilfroh als der Sportunterricht sich auf das Rumhüpfen in der Turnhalle beschränkte.

Aber aus der Geschichte wurde die reinste Heldensage. Schüler, die das Geschehen beobachtet hatten, erfanden zusätzlich kleine Details, die die Sache spannender machten. Plötzlich hatte ich beim Sprung einige Saltos hingelegt und war durch den Schwung bis zum Boden des Beckens gelangt.
Und Frau Sonnenschein wurde noch unbeliebter als sie es ohnehin schon war.

(29. November 2006)

Fernbeziehung

Letztes Wochenende fand ich auf dem Esstisch bei einer Freundin die Bravo. Ihre kleine Schwester hatte ein Abo und da die gerade im Urlaub und meine Freundin auf der Toilette war, blätterte ich sie neugierig durch.
In der Mitte fand ich ein Interview mit dem Schlagzeuger von Tokio Hotel.
Auf die Frage, ob er eine Freundin hätte, antwortete er folgendes:
Leider ist er zur Zeit Single, weil er wenig Zeit für Freunde hat. Vor ein paar Monaten hatte er zwar eine Freundin, aber sie mussten eine Fernbeziehung führen und dadurch ist es dann zu Bruch gegangen. Sie wohnten dreizehn Kilometer von einander entfernt.
Dafür hatte ich Verständnis.

(8. Juli 2006)

Spinne Teil II

Da war sie wieder. Am gleichen Platz, an dem ich das letzte Mal beinahe einen Mord begangen hätte. Tage und Nächte hatte mich die Sache nicht in Ruhe gelassen. Jeder Schritt durch meine Wohnung ließ mich nervös die Wände mit meinen Blicken abtasten. Aber das sollte jetzt ein Ende haben.
Mit ein paar Sätzen war ich am Schrank, kramte den Staubsauger raus (diesmal blieb alles andere drin liegen) und schloss ihn an.
Die konnte ihr blaues Wunder erleben, dachte ich mir und schlich langsam zurück. Bloß keinen Lärm machen, nicht unnötig auffallend verhalten, sagte ich mir immer wieder lautlos vor.
Haben Spinnen überhaupt Ohren? Ich meine, die haben einen so kleinen Körper, dass dafür eigentlich nicht genug Platz sein könnte. Aber sicher ist sicher. Andere Tiere können Bewegungen schließlich auch durch Schwingungen aufnehmen.
Und dann ging alles ganz schnell. Schwungvoll richtete ich den Sauger auf das Tierchen und konnte gerade noch sehen, wie sich der Körper vom Kühlschrank löste.
Ich hatte sie! Har har! Endlich musste ich mich in der Küche nicht mehr umsehen bevor ich mich ganz sicher fühlen konnte! Völlig sorglos würde ich mich durch die Räume (es sind ja so viele) bewegen können!
Doch dann musste ich an die Horrorgeschichte denken, in der eine Spinne einfach wieder aus dem Rohr rausgekrabbelt kam, nachdem sie für tot gehalten wurde.
Ich durfte kein Risiko eingehen. Also saugte ich mal wieder meine gesamte Wohnung und hoffte, dass der ganze angesammelte Staub das Tier ersticken würde.
Doch dummerweise hatte ich meine beiden Socken übersehen, die ich zuvor achtlos auf den Boden geworfen hatte.
Wer hätte gedacht, dass mein Staubsauger so viel Energie hat? Mit einem Mal war sie im Rohr verschwunden und nicht mehr zu sehen.
Ich war so erschrocken, dass ich gar nicht wusste, was ich als erstes machen sollte. Verwirrt schaute ich mich um als hätte ich Angst bei der Aktion beobachten worden zu sein.
Dann entschied ich mich noch schnell die Spinne von der Decke zu beseitigen (die ich, nebenbei bemerkt, auch für tot gehalten habe) und schaltete den Sauger aus.
Eigentlich könnte ich den Strumpf ohne Probleme aus dem Sauger herausholen. Aber wenn ich die toten Spinnen in der Mülltüte mit den dazugehörigen Beinchen multipliziere, erscheint mir diese Möglichkeit nicht gerade erstrebenswert. Nichtmal, wenn ich darüber nachdenke, dass manchen Spinnen ein oder zwei Beine fehlen.
Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als über diesen Verlust hinweg zu sehen...

(7. Juni 2006)

Fußballeuphorie

Als Brasilien gegen Japan gespielt hat, war ich mit ein paar Leuten in Dortmund um das Spiel dort anzusehen.
Auf der Rückfahrt saßen wir in einem überfüllten Abteil mit eingefleischten Fußballfans und doppelt so viel Bierdosen. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, begleitet von einer wachsenden Anspannung, die durch einen aggressiven Mann ausgelöst wurde.
Mit einem Mal stand der Schaffner vor uns. Erwartungsvoll schaute er in die Runde.
Hatte er etwas gesagt? Bestimmt hatte er etwas gesagt.
Unberirrt ließ er seinen Blick von einem Fahrgast zum nächsten schweifen.
Wir sahen uns verwirrt um. Versuchten in den Blicken der anderen die gleiche Ahnungslosigkeit, die man selber verspürte, wiederzufinden.
Und er schaute weiter.
Hatte er nach den Fahrausweisen gefragt?
Mit einem Mal begann alle gleichzeitig laut zu klatschen, Jubelrufe ertönten, wir pfiffen und stampften begeistert auf den Boden!
"JA!! Genau! SO bin ich das gewohnt!" grinste der Schaffner, schlenderte durch den Gang und verschwand im Fahrerhäuschen.

(30. Juni 2006)

Langeweile oder Wahnsinn

Auf dem Heimweg von meiner letzten Umfrage am Samstag (und nein, ich möchte nicht weiter auf den Misserfolg dieses Jobs eingehen) hielt mein Zug auch in Langenberg.
Langenberg. Ein Bahnhof, an dem man immer - ob man will oder nicht - Bekannte vom Bleiberg trifft.
Und als hätte ich es nicht geahnt wartete auf dem anderen Gleis T. (dabei sollte ich anmerken, dass ich diese Person nur T Punkt nenne um ihm nicht zu nahe zu treten - aus rein sozialen Aspekten also).
Glücklichweise kann man von außen nur sehr schlecht durch die Scheiben schauen, so dass ich ihn unbemerkt beobachten konnte. Und es hat sich gelohnt.

Fast schon apathisch starrte er die ersten Sekunden auf die Gleise. Dann wurde er unruhig. Blickte auf seine Hände, auf seine Uhr. Starrte wieder auf die Gleise. Mit einem Mal machte er einen Satz nach hinten, rannte zwei Meter, kam urplötzlich zum Stehen, drehte sich um und stellte sich an die gleiche Stelle.
Und starrte gelangweilt auf die Gleise. Sein ganzer Körper drückte die Unzufriedenheit mit dieser Situation aus. Seine Schultern hingen runter, sein Blick war genervt.
Komisch dachte ich mir. Was ist ihm da bloß eingefallen? Vielleicht hatte er etwas im Auto vergessen? Allerdings war die Richtung falsch. Der Parkplatz lag rechts.
Dann schon wieder. In Sekundenschnelle hatte er sich umgedreht und lief wie ein Wahnsinniger vom Gleis runter.
Während sich mein Zug in Gang setzte.

Am Sonntag sprach ich ihn an.
Er war verwirrt, musste sich erstmal an diesen Tag zurück entsinnen.
Dann antwortete er mir grinsend: "Mir war wahrscheinlich langweilig."

(4. Mai 2006)

Spinne

Mit nackten Füßen stand ich in der Küche und rührte mir der einen Hand eine Fertigsoße zu meinen Klößen an, während ich mit der anderen schonmal die Milch zurück in den Kühlschrank räumte.
Genau in dem Moment passierte es. Ich schloss den Kühlschrank und sah gerade noch wie zwei Beinchen darunter verschwanden.
Mich überkam ein Schütteln. Woher kamen diese Viecher denn immer? Vielleicht war unter dem Kühlschrank ein richtiges Nest.
In meinem Gedanken nahm die Spinne menschliche Gestalt an. Mit Hut. Keine Ahnung, warum mit Hut. Aber es war ein schwarzer Zylinder.
Ich spürte den Ekel, der mich jedes Mal überfiel, wenn kleine Beine von Käfern oder Spinnen über meine Haut krabbelten. Allein die Vorstellung reichte.
Ruhig bleiben, dachte ich mir und ging erstmal zurück ins Wohnzimmer, während ich mich gleichzeitig in den böswilligen Charakters dieses Tieres reinsteigerte.
Was würde mein nächster Schritt sein?
Richtig! Der Staubsauger. Ich kramte ihn aus dem Schrank, nahm in Kauf, dass bei diesem Unternehmen mein Rucksack und meine Sporttasche mitsamt meinen Klamotten heraus fielen und ging zurück Richtung Küche.
Bewappnet mit dem besten Spinnenfanginstrument überhaupt wagte ich mich wieder in die Höhle des Löwens.
Am besten war es wohl, nur den Schlauch zu benutzen, dachte ich mir und versuchte diesen unter den Kühlschrank zu schieben. Doch er war zu breit.
Zu allem Überfluss musste ich dann feststellen, dass der Sog des Saugers viel zu gering war und nicht mal eine kleine Ausgabe dieses Weberknechts sich ernsthafte Sorgen um sein Leben hätte machen müssen.
Mist!
Ich versuchte nicht weiter darüber nachzudenken, saugte bei der Gelegenheit meine Wohnung und räumte den Staubsauger zurück in den Schrank.
Tagelang tauchte die Spinne nicht mehr auf und ich hatte sie schon wieder fast vergessen, als ich gestern Abend noch schnell ein paar Sachen spülen wollte.
Da war sie wieder. Diesmal saß sie außen vor dem Kühlschrank.
Nachdem ich einen kleinen erschrockenen Satz nach hinten gemacht hatte und meinen Ekel abschütteln konnte, ging ich ganz logisch alle Möglichkeiten durch. Der Staubsauger war für diese Zeit wohl zu laut. Ich wollte keinen Ärger mit meinen Nachbarn kriegen.
Also musste ich sie totschlagen. Wie widerlich. Dafür musste ich total nah an dieses Viech ran.
Aber wenn ich es nicht machte, würde sie möglicherweise nachts über mein Gesicht laufen, vielleicht in meine Nasen kriechen oder in den Mund. Angeblich schluckt man nachts ja Spinnen, ohne es zu merken.
Ich lief zurück zum Schrank, schnappte mir einen Turnschuh und ging langsam zurück. Ich wollte die Spinne auf gar keinen Fall erschrecken und mein Vorhaben zu Nichte machen.
Mit einem Mal schlug ich zu! Volltreffer! Das Tier war zermatscht!
Den Schuh ließ ich liegen. Ich könnte die Leiche auch am nächsten Tag noch entsorgen. Schließlich wollte ich mich nicht übernehmen. Meine Ängste konnte ich auch ein anderes Mal angehen.
Heute Morgen hob ich dann den Schuh auf und machte mich auf ein ekelhaftes Bild gefasst.
Aber nichts. Keine Beinchen, kein Körper.
Ich hatte sie gar nicht getroffen.

(31. März 2006)

Geometrie

Mehrere Zufälle hatten es ergeben, dass ich gestern völlig unerwartet eine E-Mail von einem Fotografen in meinem Posteingang fand, mit der Frage, ob ich nicht Bilder von mir schießen lassen wollte. Selbstverständlich nackt. Und um jetzt auch alle Unklarheiten zu beseitigen, möchte ich euch seine Vorstellungen von der ganzen Angelegenheit zitieren (denn zugegebenermaßen hätte ich es nicht besser ausdrücken können):
"eigentlich sollten Unterschenkel und Nase Stirn eine Linie Bilden die bei einem Quadratischen Bildschnitt dann eine Diagonale ergeben, Von der Fußspitzezum Po und Boden ein Linie, die mit dem Boden rücken ein Rechtwinkliges Dreieck bildet, Oberschenkel und Unterschenkel wiederum sollten denEindruck eines Gleichschenkligen Dreiecks ergeben."
Noch Fragen?
Übrigens habe ich abgelehnt.

(29. April 2006)

Schwebebahn

"Hallo?"
Eine männliche Stimme. So weit waren wir. Aber wo kam sie her?

Es war Dienstag abend, gegen ein Uhr nachts. Ich hatte mich mit zwei alten Schulfreundinnen getroffen, die während ihrer Semesterferien in Wülfrath waren. Nach einem sehr schönen Abend und guten Gesprächen in unserer Stammkneipe machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause.
Als erstes wurde meine Wohnung angesteuert. In dem nigelnagelneuen Auto von Denise Eltern.

Wir waren mitten in einer lebhaften Diskussion über Frauen in Afrika und Beschneidungen als plötzlich etwas von unserem Auto abprallte. Wie ein Blitz.
Ich saß hinten und konnte nichts genaues erkennen. Aber das helle Licht, das plötzlich erschien und genau so schnell wieder verschwand, war unheimlich.
Wir blieben stehen, fuhren zurück. Kein Mensch war zu sehen, kein Auto. Nichts.

Also stiegen wir aus.
"Hallo?" Wir schauten uns verwirrt um. Wo kam die Stimme her?
"Hallo! Hier oben!" Fast synchron blickten wir hoch.
Und jetzt verstanden wir, was geschehen war.

Zwei Männer standen über uns auf den Gleisen der Schwebebahn. Der eine hatte auf seinem Kopf eine Lampe befestigt.
Dem anderen war sie heruntergefallen, am Auto abgeprallt und auf die Straße gefallen.

Wir verabredeten uns für die nächste Haltestelle (auch wenn ich gerne mal den Spruch "auf einen Sprung vorbei kommen" in die Realität umgesetzt gesehen hätte) und dort durften wir uns die Telefonnummer von den Stadtwerken notieren, falls die Lampe irgendwelche Spuren am Auto hinterlassen hat.

(29. März 2006)

Vitaminmangel

Am Dienstag hatte ich das - zugegebenermaßen - unerklärliche und plötzliche Verlangen, Vitamine zu mir zu nehmen und weil ich ohnehin auf dem Weg war, habe ich noch einen kleinen Abstecher beim Plus gemacht.
Nach langem Überlegen, ob wohl Bananen oder Äpfel gesünder sind, habe ich mich für beides entschieden, zwei Bananen in die Hand genommen und zwei Äpfel in eine Tüte gepackt.
Dann ging's weiter zum Brot. Wieder gab es Entscheidungsschwierigkeiten. Ob eine Tüte Brötchen vielleicht besser wären? Schließlich verschimmelt Brot bei mir immer so schnell, weil ich es so selten und ungern esse. Brötchen schmecken besser. Und es sind nur drei in einer Tüte. Die würde ich wahrscheinlich schon eher aufkriegen.
Mitten in diese Überlegungen hinein fiel mir eine Tomate runter. Typisch dachte ich mir. Musste ja passieren.
Ich beobachtete wie sie durch den halben Gang kullerte, hob sie dann auf, nahm sie wieder in die Hand und wollte mich gerade wieder dem Brot zuwenden, als ich mich anfing zu wundern. Warum fällt mir eigentlich eine Tomate runter? Ich wollte doch gar keine kaufen.
Bei den Blick auf meine Hände fiel mir auf, dass ich nicht nur eine Tomate, sondern gleich einen ganzen Strauch mitgenommen hatte.
Aber wann?
Ich konnte mich gut an die Bananen erinnern. Auch das Einpacken der Äpfel war noch im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert.

(5. Januar 2006)
Aber wo kamen die Tomaten her?