Donnerstag, Juli 14, 2011

Vorstellungsgespräch

Im letzten Jahr hatte ich einige Vorstellungsgespräche. Eins von ihnen hat mir besonders gut gefallen.

Es war am Tag der Loveparade und nur einige Kilometer entfernt von Duisburg in einem kleinen Kaff, dessen Namen ich vorher noch nie gehört und im Anschluss auch gleich wieder vergessen hatte. Es ging um eine Ausbildung zur Buchhändlerin, die ich nach meinem Abschluss in Erwägung gezogen habe.

In der Buchhandlung angekommen wurde ich gleich mit eingespannt und durfte die Ladenschließung kreativ mitgestalten, indem ich die Präsentationstische von draußen reinschob und die Schirme abspannte. Ich persönlich fand mein Engagement wirklich vorbildlich.


Kaum hatte die Inhaberin des Ladens die Tür abgeschlossen, saßen wir auch schon in der kleinen Sitzecke bei einem Glas Wasser, umringt von Bücherregalen und ich wartete angespannt auf die ersten Fragen. Doch es stellte sich heraus, dass ich kaum etwas zu dem Gespräch beitragen sollte. Abgesehen davon, dass ich ihre Annahme, ich arbeitete in einer Bäckerei, korrigieren und sie über meine Fachrichtung an der Uni aufklären musste, hatte ich kaum Redeanteil.
"Wissen Sie", begann sie das Gespräch "das hier ist keine gewöhnliche Buchhandlung...", und ich lauschte voller Erwartung, eine spannende Geschichte über berühmte Schriftsteller- und Buchhändlerpersönlichkeiten zu hören, die das Geschäft im Laufe der Jahrzehnte geprägt hatten, doch leider kam es anders. Es folgten zwei Stunden, in denen eine Frau, berauscht von ihrer eigenen Person, von ihren Leistungen schwärmte. In denen ich von - vorher nie gehörten - Preisen erfuhr, die sie selbstverständlich zahlreich verliehen bekommen hatte. Und in denen ich lernen durfte, dass es durchaus ein Grund zum Angeben war, wenn alle Bewohner einer Stadt ihren Laden besuchten, anstatt in einer der vielen Ketten einzukaufen, auch wenn es weit und breit keine solche und auch keine andere Konkurrenz gab. Selbstverständlich war letzteres nicht der Grund für die guten Besucherzahlen, sondern die hervorragende Beratung, die nur durch die intensive Lektüre zweier Tageszeitungen und etwa hundert Büchern pro Woche garantiert werden konnte. Als aufmerksame Beobachterin hatte ich schnell festgestellt: Bescheidenheit war ihre große Stärke.
Sie suchte mittlerweile seit einem halben Jahr nach einem geeigneten Auszubildenen und schon bald hatte ich eine leise Ahnung, warum sie nicht fündig wurde.

In ihrem Laden arbeiten nur Akademiker - jemand ohne Abschluss wurde nicht zum Gespräch eingeladen, auch wenn sie selbst ihr BWL-Studium abgebrochen hatte. Aber das war selbstverständlich etwas anderes - schließlich hatte sie sich schon mit 21 selbstständig gemacht. Die Ausbildung um ein Jahr zu verkürzen, was nach einem abgeschlossenem Studium durchaus üblich wäre, kam nicht in Frage. Die drei Jahre braucht man selbstverständlich, um auch Sicherheit in der Tätigkeit zu bekommen - zumal Auszubildene erst nach einem halben Jahr Kontakt mit den Kunden aufnehmen dürfen. Schließlich habe sie einen Ruf zu verlieren und sie konnte wohl kaum riskieren, dass ein Angestellter einfach die Fragen eines Kunden beantwortete.

Auch mit dem geforderten abgeschlossenen Studium musste ich meine Qualitäten mit einem 4-seitigen Allgemeinbildungstest mit Fragen über den amerikanischen Bürgerkrieg, die Zugehörigkeit verschiedener Inseln und die Namen von Nobelpreisträgern unter Beweis stellen und im Anschluss noch einige allgemeine Gedanken über Literatur diskutieren. "Was ist wohl der Grund dafür, dass so viele Menschen Krimis lesen?", fragte sie mich, als es um meine persönlichen Vorlieben bei Büchern ging (Krimis gehören nicht dazu) und ich rollte innerlich schon mit den Augen, während ich mich vorsichtig sagen hörte: "Also in erster Linie wegen der Spannung, der Unterhaltung..." Da unterbrach sie mich schon und belehrte mich: "Naja, das ist nur eine Seite der Medaille. Krimis haben immer ein Happy End." (Und schon hier dachte ich: Stimmt ja gar nicht.) "Das haben die Leute im wahren Leben nicht. Deswegen sehnen sie sich danach." (Und ich dachte: Im Normalfall wird mindestens ein Mensch ermordet, wenn nicht sogar mehr, und am Schluss wird der Mörder verurteilt und die Angehörigen müssen mit ihrem Verlust leben. Lediglich der selbstgerechte Ermittler darf sich seinem Erfolgserlebnis und Narzissmus hingeben...)

"Das erste halbe Jahr würden Sie sich in der Probezeit befinden. Für den Fall, dass Sie sich in dieser Zeit nicht bewähren sollten, wäre der Umzug nach Duisburg ein zu großer Aufwand.", gab sie mir noch als Tipp mit. Die Mutter des letzten Auszubildenen hatte ihrem Sohn eine Auto geschenkt, damit er zur Arbeit pendeln konnte. "Könnten Sie sich das auch vorstellen?", fragte sie mich, als wäre es vollkommen naheliegend, dass ich bei der erstbesten Gelegenheit einen PKW geschenkt bekomme, während ich mein Studium selbst finanziert habe.

Nach zwei endlosen Stunden wurde ich verabschiedet und auch gleich für einen weiteren Termin in ihren Kalender eingetragen - zum Probearbeiten.

Meine Frage nach der Erstattung des Fahrgeldes wurde nie beantwortet. Und auf meine Absage hin, bekam ich meine Bewerbung per Post zurückgeschickt mit einem Anschreiben, dass Sie sich leider für jemand anderen entschieden hätten.

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