Sonntag, Februar 06, 2011

Studium

Vor etwa einem Jahr traf ich im Zug einen jungen Mann, den ich vom Sehen her kannte. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns über das Studentenleben. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich die Uni nicht gerade als Ort der Erleuchtung emfpand und mich doch sehr auf die Zeit nach meinem Abschluss freute. Daraufhin antwortete er: "Warte mal ab. In zehn Jahren wirst du bestimmt zurück schauen und daran denken, wie schön es doch war."

Wenn ich heute, nur wenige Monate nachdem ich ganz feierlich mein Zeugnis im Sekretariat von einer genervten Angestellten in die Hand gedrückt bekommen habe, meine Zeit an der Uni Revue passieren lasse, denke ich tatsächlich an die vielen wunderbaren Momente. Hier eine Liste der nettesten Schikanen:

Platz 4:

Zu den Pflichten, die ich während meines Studiums zu erfüllen hatte, gehörte ein achtwöchiges Praktikum. Da ich während meines Studiums halbtags in einem Verlag arbeitete, hatte ich die fixe Idee, mir diesen Job als Modul anrechnen zu lassen. Abgesehen davon, dass ich mir nicht acht Wochen Urlaub nehmen konnte, dachte ich, dass es bei dem Praktikum darum ginge, möglichst viele Erfahrungen im Berufsleben zu sammeln. Denn so stand es in der Studienordnung. Da ich diese Anforderungen mit meiner Stelle erfüllen konnte, belästigte ich die für Praktikumsfragen zuständige Stelle mit meinem Anliegen und bekam ich die knappe Antwort: "Das geht nicht. Ein Praktikum muss acht Wochen à 40 Stunden betragen."

Platz 3:

Für eine Linguistikhausarbeit bekam ich von meinem Dozenten Tonbandaufnahmen, die aufzeichneten, wie Kinder im Alter von etwa 4 Jahren hochdeutsche Sätze in den Dialekt ihrer Heimat übersetzten. Meine Aufgabe war es, die Sätze zu transkribieren und die sprachlichen Auffälligkeiten herauszuarbeiten. Anschließend sollte ich die Ergebnisse mit einer sehr ähnlichen, aber umfangreicheren Studie vergleichen, die in der gleichen Gegend mit Erwachsenen durchgeführt wurde. In der Einleitung erklärte ich mein Vorgehen. In vier Kapiteln wurde jeweils ein Beispiel einer sprachlichen Auffälligkeit näher betrachtet. Zuerst wurden die Ergebnisse der Studie über die Erwachsenen zusammengefasst, während in einem zweiten Schritt auf die Kinder eingegangen wurde. Das bedeutet, dass jedes Kapitel aus zwei Teilen bestand, die durch Unterkapitel von einander abgegrenzt wurden.
Als ich die Arbeit wieder bekam, erklärte mir der Dozent, er hätte mir leider Punkte abziehen müssen, weil ihm nie klar war, ob es um die Erwachsenen oder um die Kinder ging.

Platz 2:

Zu dem Praktikum gehörte auch ein Bericht von etwa 15 Seiten, der nicht benotet wurde, sondern lediglich als Leistungsnachweis diente. Dementsprechend war auch der Aufwand, den ich dafür betrieb. Doch als ich den Text zurück bekam, war ich doch verblüfft. Ich lernte ganz Neues über die deutsche Sprache. Der Fehlerquotient lag selbst bei meinen Englischklassenarbeiten wohl nicht so hoch.
Der Begriff "Laufkundschaft" wurde als Ausdrucksfehler angestrichen. Genauso wie "Kontakt zu Kunden". Richtig wäre "Kundenkontakt". "Inhaltliche Zusammenfassung" war ebenfalls verkehrt. Korrekt hieße es: "Inhaltszusammenfassung". Verboten war es mir auch "darauf zu achten" zu schreiben. So reihten sich die Ausdrucksfehler aneinander. Doch trotz der "sprachlichen Mängel", die der Prof. bei seiner auf das Titelblatt der Arbeit gekritzelten Beurteilung beanstandete, bekam ich meinen Schein.

Platz 1:

Für das Seminar "Europäische Literatur" musste man, um für die Klausur zugelassen zu werden, einen Essay von etwa drei Seiten schreiben (Das war sowieso etwas, was mich sehr gestresst hat. Für jedes Seminar gab es andere Aufnahmebedingungen. Dass man sich einfach auf eine Liste eintragen und dann zum Termin erscheint, war unmöglich. Entweder man bestand einen Lektüretest, für den man im Schnitt etwa 6 Bücher lesen musste oder man schrieb einen Essay von 4 Seiten, für den man ebenfalls die Bücher gelesen haben sollte.). Ich hatte mir ein wunderbares Thema für meinen Aufsatz ausgesucht, schon recherchiert und vorsichtshalber nochmal meiner Dozentin einer E-Mail geschrieben, ob dieses Thema den Anforderungen entspräche. Daraufhin antwortete sie, ich solle mir bloß etwas anspruchsloseres aussuchen. Vielleicht eine Frage, wie "Was ist der Kasus?". Da ich gerade erst eine Hausarbeit zu einem ähnlichen Thema geschrieben hatte und meine Chance gekommen sah, das meiste einfach nur in einen neuen Text zu kopieren, nahm ich diesen Vorschlag dankbar an, auch wenn ich das Thema nicht ganz geeignet für die geforderte Textform empfand.
Nachdem ich den Essay abgegeben hatte, hörte ich eine Woche lang nichts. Die Klausurphase hatte gerade angefangen, auf der Arbeit gab es eine Menge zu tun. Und dann lag eine Mail in meinem Postfach: "Leider ist Ihr Aufsatz nicht ganz gut geraten. Die Sprache ist terminologisch geprägt (...), da drin gibt es kein Ich, das die Kasus erklären will. Bitte stellen Sie sich eine Person vor, die Maschienenbau studiert oder einen Japaner, den Sie im Sommerkurs kennengelernt haben, dieser Person versuchen Sie, Sie!, zu erklären, was Kasus sind."
Ich musste mir meinen missratenen Aufsatz abholen, bei dem bei jedem Fremdwort mit Bleistift angemerkt wurde: "Was ist das?" und einen Neuen schreiben.

Ich bin sehr gespannt, wie ich in zehn Jahren über meine Zeit an der Uni denke.

1 Kommentar:

Henrik hat gesagt…

Hier fehlt für das Verständnis deiner Leser zum Platz 1 eine Gegenüberstellung der beiden Entwürfe. Was hier nämlich keiner weiß, der 2. Versuch kam gut an... ihr würdet es kaum glauben! Da bin ich mir sicher! Zumindest ein Auszug "vorher...nachher" sollte noch mit rein in deinen Artikel :)