Mittwoch, Februar 02, 2011

Im Schwimmunterricht

Es gab wenige Momente in meinem Leben, in denen ich den Sportunterricht zu schätzen gewusst habe und gar keine, in denen er zu meinem Lieblingsfach hätte werden können.
Der schlimmste Teil war der Schwimmunterricht.
Warum wir gezwungen wurden morgens um acht Uhr nach einer Gruppe nackter Senioren (nackt deswegen, weil sie immer nackt in der Dusche standen und wir deswegen die Vermutung anstellten, dass sie genauso ins Becken gingen) ins ekelige Chlorwasser zu springen, bleibt mir bis heute ein Rätsel.


Es hat lange gedauert bis ich aus der Gruppe der Nichtschwimmer auf die nächste Stufe gerückt bin. Da meine ganzen Freunde dieses Leid mit mir teilten und wir alle Angst vor der Lehrerin hatten, die die Halbschwimmer-Gruppe unterrichtete, genoss ich dieses sinnlose Dasein bis ich so gut schwimmen konnte, dass ich zur nächsten Station wechseln musste.
Zwar war es eine Verschlechterung zur bisherigen, doch immerhin konnte ich mich damit trösten, dass ich nicht sofort zu den richtigen Schwimmern musste. Denn diese letzte und gleichzeitig auch beste Gruppe bestand aus Schülern, die Mitglied im DLRG waren und solchen, die ein Naturtalent für das Schwimmen mitbrachten. Mit meinen Leistungen erschienen mir die Aufgaben dieser Fraktion nicht zu bewältigen.
Und das, was mich am meisten abschreckte, war die Tatsache, dass die Schwimmer jedes Mal von Neuem einen Kopfsprung vom Block machen mussten.
Unterwasserreportagen und Haifilme wecken in mir ein beklemmendes Gefühl und lösen eine gewisse Unruhe aus. Aber wieso gerade der Kopfsprung eine so respekteinflößende Wirkung auf mich hatte, kann ich in Anbetracht dessen, dass ich voller Freude vom Drei-Meterbrett gesprungen bin, heute nicht mehr logisch erklären.
Tatsache blieb, dass ich den Vorsatz hatte, meine Leistungen nicht zu verbessern um den Sprung zur nächsten Stufe zu vermeiden.
Und ich gebe zu, dass mir diese Aufgabe wenig Probleme bereitete.
Aber als hätte sie meine Taktik durchschaut, hielt Frau Sonnenschein es für nötig, uns den Kopfsprung zumindest vom Beckenrand beizubringen. Eine leichte Übung in ihren Augen, für mich der reinste Horror.
Ich positionierte mich also genauso, wie ich mir von den Schwimmern abgeschaut hatte und meine Lehrerin half mir die Stellung zu perfektionieren.
Als ich dann also so weit war und ich nur noch das dunkle Ungewisse des Wassers vor mir sah, legte sie ihre Hände auf meine Füße.
Sofort stieg Panik in mir auf.
„Ich mache überhaupt nichts. Sobald du abgesprungen bist, sind meine Hände wieder verschwunden. Du merkst sie gar nicht.“ Versuchte sie mich zu ermutigen.
Doch die Lehrerin löste in mir eine gewisse Abneigung aus, vielleicht sogar mehr. Sie war streng und unfreundlich. Und ich glaubte ihr nicht.
Aber mir blieb nichts anderes übrig als zu springen.
Und das tat ich.
Doch genau in dem Moment, in dem sich meine Füße vom Boden lösten, riss sie meine Beine mit ihren Händen nach oben und ich landete mit Schwung im Wasser.

Es kam nicht überraschend und ich hatte von der Frau, die ich mit grauen Kleidern, einem schwarzen Regenschirm in der Hand und einem versteinerten Gesicht in Erinnerung habe, nichts anderes erwartet.

Und trotzdem hatte ich in meiner darauf folgenden Schwimmkarriere immer eine Ausrede parat, warum ich den Sprung vom Block nicht machen konnte und war heilfroh als der Sportunterricht sich auf das Rumhüpfen in der Turnhalle beschränkte.

Aber aus der Geschichte wurde die reinste Heldensage. Schüler, die das Geschehen beobachtet hatten, erfanden zusätzlich kleine Details, die die Sache spannender machten. Plötzlich hatte ich beim Sprung einige Saltos hingelegt und war durch den Schwung bis zum Boden des Beckens gelangt.
Und Frau Sonnenschein wurde noch unbeliebter als sie es ohnehin schon war.

(29. November 2006)

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