Mittwoch, Februar 02, 2011

Das Zahlenspiel

Welch Mysterium, welche Macht sich hinter diesem Begriff verbirgt, lässt sich noch kaum erahnen. Noch sehe ich die unbeeindruckten Blicke meiner Leser vor mir und höre sie sich selbst gelangweilt fragen, mit welchem sinnlosen Beitrag ich heute ihre kostbare Zeit verschwende.
Ich wage es kaum, diese Worte niederzuschreiben.
In Harry Potter wird von dem personifizierten Bösen Voldemort nur mit dem Satz „Du-Weißt-Schon-Wer“ gesprochen aus Angst, dass die bloße Nennung des Namens die ganze schreckliche Macht entfesseln könnte.
Und so beschränke auch ich mich in diesem Beitrag auf den simplen Begriff „Das Zahlenspiel“.


Alles begann ganz harmlos. Während andere sich im Unterricht mit zeichnen oder Briefchen schreiben beschäftigen, schmierte meine Sitznachbarin einen Zettel nach dem anderen mit Zahlen voll, die sie scheinbar willkürlich wieder durchstrich. Eine clevere Art seinem Unvermögen Ausdruck zu verleihen, dachte ich mir.
Nach einigen Tagen begann mich diese stupide und konzentrierte Arbeit derart zu nerven, dass ich der Sache auf den Grund gehen wollte.
Also ließ ich mir dieses Spiel erklären.
Man schreibt die Zahlen von 1-18 (die zehn wird ausgelassen) folgendermaßen auf einen karierten Zettel:
123456789
111213141
5161718
Dann streicht man alle gleichen Zahlen oder die, die zusammen zehn ergeben. Diese Zahlen müssen entweder nebeneinander oder übereinander stehen. Dabei stehen die erste und die letzte Zahl sozusagen nebeneinander.
Gibt es nichts mehr zu streichen, schreibt man alle übrig gebliebenen Zahlen in der jetzt entstandenen Reihenfolge wieder auf und spielt genauso weiter.

Ein recht simples System, dachte ich mir und probierte es unschuldig und nichts ahnend aus.
Es war erstaunlich, wie schnell dieses Spiel einen Sinn ergab. Wie es Schulstunden mit einem Inhalt füllte, deren Wert man wochenlang trotz Anstrengung nicht erkannt hatte. Wie es Zeiten überbrücken konnte, deren Länge manches Mal qualvolle Ausmaße annahm, gegen die man nicht anzukommen schien.
Die Zeit der zermürbenden Langeweile hatte ein Ende genommen.
Man begann sich auf den Unterricht zu freuen.
Die Begeisterung schwappte schnell über. Schon bald waren wir nicht mehr die einzigen, deren Ordner mit Zahlenblöcken gefüllt waren und die sich eigens für diese Aktivität ein Spielheft zugelegt hatten.
Noch schien alles wie eine harmlose Freizeitbeschäftigung, wie ein unschuldiger Spaß. Wir waren wie Kinder, die ein neues Stofftier geschenkt bekommen hatten und ihm jede freie Minute unserer Zeit widmeten. Wochen voller Freude und Unbeschwertheit.
Doch schon bald spürte ich eine Veränderung. Mein Kopf war während der Schulstunden nur noch über meine Hefte gebeugt. Es fiel mir schwer, die Lehrer während des Unterrichts anzuschauen, hatte ich doch eine viel interessantere Arbeit gefunden.
Abends im Bett hatte ich Zahlen vor Augen, strich imaginär doppelte Ziffern weg und spielte einfach ohne Papier und Stift weiter.
Anfangs verglich ich es noch mit Computerspielen. Wenn ich als Kind zu lange mit Tetris beschäftigt hatte, schwirrten nachts bunte Steinchen vor meinem geistigen Auge entlang und ich konnte nicht schlafen, wenn die Formen nicht zueinander passten.
Ich hatte mich lediglich ein wenig in meine Aktivität reingesteigert, sah aber noch keinen Anlass, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen.
Doch ich merkte bald, dass mich das Spiel aggressiv machte. Wenn die Zahlen anders waren als ich es mir wünschte, wurde ich sauer. Ich entwickelte einen unbändigen Zwang, immer weiter zu spielen bis es wieder Spaß machte. Geübt schrieb ich eine Zahl nach der anderen, strich wieder durch und füllte Seite um Seite in meinem Block.
Ich fühlte mich wie Herr B. in der Schachnovelle, dessen einzige Beschäftigung, während seiner isolierten Haft, darin bestand, ein geklautes Buch durchzulesen, in dem verschiedene Schachzüge von großen Spieler aufgeführt waren. Ein Schachspiel nach dem anderen ging er im Kopf durch, lernte Strategien auswendig, überlegte neue und übertrug sein ganzes Dasein auf die Umgebung eines Schachbretts. Zum Schluss lebte er mit zwei Persönlichkeiten: Ich-Weiß und Ich-Schwarz.
Doch wie schön, dass dieser Vergleich hinkt. Im Gegensatz zu Schach ist es weder kompliziert noch erfordert es volle Konzentration. Es lässt sich viel mehr mit Packman vergleichen und macht auch den gleichen Spaß.
Als Resümee lässt sich also festhalten: Sehr empfehlenswert!

(17. Dezember 2006)

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