Sonntag, Dezember 19, 2010

Arztbesuch und die Frage nach dem Sinn

Vor einigen Tagen wurde ich morgens von einem fiesen Magen-Darm-Infekt überrascht. Völlig überfordert mit der Situation suchte ich meine Versicherungskarte heraus, stülpte meinen Mantel über und klingelte wenige Häuser weiter bei einem Allgemeinmedizinier, den ich wegen der Nähe zu meinem neuen Hausarzt auserkoren habe. Nach einiger Wartezeit durfte ich endlich in den Behandlungsraum, wo schon ein älterer Herr mit weißen, streng zurück gekämmten Haaren auf mich wartete. Ohne ein Lächeln reichte er mir die Hand, zückte seinen Kugelschreiber und schlug meine noch völlig unbeschriebene Krankenakte auf.

"Was machen Sie beruflich?
"Ich bin Volontärin in einer Buchhandlung."
Er begann mitzuschreiben, schaute mich nicht an und runzelte nachdenklich die Stirn. "Volontärin... was heißt das?"
"Das ist als Berufseinstieg gedacht." Ich versuchte betont wortkarg zu bleiben, hatte ich immerhin ein bestimmtes Anliegen, das mich überhaupt in diese Lage gebracht hatte.
"Ja, schon klar. Aber warum machen Sie das? Haben Sie vorher studiert?"
"Ja, genau. Und jetzt arbeite ich einige Monate als Volontärin, um in den Beruf einzusteigen."
"Das verstehe ich nicht. Jetzt haben Sie studiert und sind Verkäuferin?"
Ich schaue ihn böse an.
"Stört es Sie, dass ich das frage?"
Mein Magen machte gefährliche Geräusche und ich kämpfte tapfer gegen die Krämpfe an. Etwas genervt antwortete ich: "Es klingt ein wenig arrogant, ja."
"Nein, ich bin nicht arrogant. So meine ich das nicht. Ich frage mich nur: Ist das nicht frustierend? "
"Sicher ist es das. Aber mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss stehen mir nicht gerade alle Türe offen."
"Ja, aber so etwas überlegt man sich doch vor. Ich hätte auch gerne Kunstgeschichte studiert... aber dann im Museum enden? Schlecht bezahlt..."
Mein Magen macht mir langsam keine Sorgen mehr. Langsam, aber sicher steigt mir das Blut in den Kopf, ich werde unruhig, muss mich sehr beherrschen und... schweige.
"Wissen Sie, es interessiert mich einfach. So etwas kann ja auch glücklich machen. Mein bester Freund verdient nur 800 Euro netto - das ist nebenbei bemerkt gerade mal das, was ich für meine Miete brauche -  aber er ist glücklich. Der hat alle Zeit der Welt. Er schafft es täglich die FAZ durchzulesen, was ich, wenn ich Glück habe, nur ein Mal pro Woche mache. Aber ihm geht es gut. Das ist auch eine Art zu leben. Ich dagegen muss den ganzen Tag für andere Menschen da sein. Wenn ich hier her komme, muss ich mich als Person komplett ausschalten. Bis zum Feierabend. Wenn man in so einer Branche arbeitet wie Sie, kann man sich viel mehr mit sich selbst beschäftigen."
Ich schweige weiter.
Er erzählt weiter, von seinen Kindern, was sie studieren, wo sie mal arbeiten möchte. Er erzählt, dass er Kunst sammelt und ehrenamtlich im Kunstverein tätig ist, dass er dort - selbstverständlich - sehr gut besuchte Führungen macht und dass es ihm besonders die abstrakte Kunst sehr angetan hat... Nach 1 1/2 Stunden  darf ich gehen.
Auf dem Nachhauseweg frage ich mich, ob er das damit meinte, als er sagte, er müsse sich als Person während der Arbeitszeit ignorieren.
Und was mich noch mehr beschäftigt: Werde ich von meinem Arbeitgeber ausgebeutet? Bei meinem Gehalt müsste mir viel Zeit für meine persönliche Entfaltung und kulturelle Interessen zustehen.

Kommentare:

trau hat gesagt…

Geil!

Hoffe dem Magen geht's besser.

Henk hat gesagt…

Ich möchte diese Geschichte noch um die Öffnungszeiten des Arztes erweitern, die schlagen seiner eigenen Argumentation und dem sprichwörtlichen Fass den Boden aus.

9-11 dann wieder 14-16 Uhr !!! Mittwochs ist natürlich frei...