Tuesday, September 16, 2008

Vom Morden

Es mag sein, dass ich zu viele Krimis gelesen habe. Vor allem ist aber wahrscheinlich meine Vorliebe für Ingrid Noll für meinen Traum verantwortlich. Denn ihre Protagonistinnen bringen Männer um als würden sie Kaffee kochen. Ganz nebenher, als gehöre es zum alltäglichen Rhythmus. Manchmal sogar wie aus Versehen.
Ich träumte, ich hätte eine Bekannte ermordet. Nicht ganz bewusst, aber auch nicht nur aus Versehen. Sie war einfach tod und ich hatte sie umgebracht. Ich stand vor der Leiche, starrte sie an und fühlte rein gar nichts. Ich wachte auf und schlief sofort wieder ein. Mit einem Mal stieg Panik in mir hoch. Mein Herz wurde so schnell, dass ich es nicht zu ertragen glaubte. Hatte ich etwa tatsächlich einen Menschen auf dem Gewissen? Plötzlich befand ich mich im Freien. Die Leiche war verschwunden. Nur wohin? Hatte ich sie weggeschafft? Hatte ich meine Spuren beseitigt? Und welches Alibi würde ich mir spontan einfallen lassen können? Ich fühlte eine krankhafte Angst in mir aufsteigen, eine fiebrige Furcht vor dem Entdecktwerden. Meine Person verschmolz mit Raskalnikov, der sich krank im Bett wälzte, während seine Freunde Verdächtigungen anstellen. Doch gleichzeitig blieb mein Geist klar. Ich wägte die moralischen Bedenken gegenüber den rechtfertigenden Argumenten für den Mord ab und führte eine monologische Debatte über das Gewissen.

Als ich aufwachte, war ich entsetzt über meine Herzenskälte gegenüber der Ermordeten. Keine Sekunde während meines Traumes hatte ich Reue über meine Tat gespürt. Das einzige, was mich beschäftigt hatte, waren mein möglicherweise unvorsichtiges Vorgehen und die mir bevorstehenden Verurteilungen gewesen. Die moralischen Gedanken, die sich einschoben hatten, waren von nüchternder Sachlichkeit beherrscht gewesen, die mich nicht berührten hatten. Hatte mein Schlechtes Gewissen einen Aussetzer gehabt? Kaum war ich wach, funktionierte es wieder einwandfrei. Oder gab es nur verschiedene Programme?

Meyers Lexikon definiert das Gewissen folgendermaßen: "Urteilsbasis zur (zweifelsfreien) Begründung der allg. persönl. moral. Überzeugungen und Normen insbes. für die eigenen Handlungen und Zwecke wie der einzelnen Urteile auf Grund dieser Überzeugung."

Womit man wieder bei der Frage angekommen wäre, was angeboren und was anerzogen bzw. Einfluss von außen ist.
"Du sollst nicht töten." Dieses Gebot ist nicht nur Teil der zehn Gebote, sondern auch zum Gesetz geworden. Ein Mord ist verwerflich, er scheint nicht nur gegen unser Verfassung zu sprechen, sondern auch gegen das menschliche Verständnis von Gerechtigkeit, Moral, Humanität und dergleichen (wenn man mal von den Menschen absieht, die die Todesstrafe für richtig halten und einen Ehrenmord unterstützen).
Anders sieht es bei "Gesetzen" aus, die bestimmte Systeme und Gesellschaftsschichten sich auferlegen. Zum Beispiel ist der Glaube, Sex gehöre nur in die Ehe, in vielen christlichen Kreisen ein unzerstörbarer Grundsatz. Durch den manipulativen Umgang mit dem Thema in Gemeinden und dem ungeschriebenen Gesetzt "Kein Sex vor der Ehe", wird das Gewissen schon im Vorhinein mobilisiert um sich dann bei Fehltritten sofort zu melden.
Jemand sagte mal in einem Gespräch über Moral, dass er, wäre er kein Christ, schon sämtliche Banken überfallen hätte.
Wie kann ich nun also unterscheiden, welche moralischen Bedenken lediglich manipuliert und möglicherweise grundlos sind und welche dem eigentlichen menschlichen Rechtsverständnis entsprechen? Man könnte schließlich, wenn man sein Leben nicht gerade nach dem Kategorischen Imperativ lebt und sein Mitgefühl und das bißchen Selbstlosigkeit ignoriert, auch das Verbot zu morden als Manipulation des Christenstums und des Staates ansehen.
Wie sieht denn eigentlich das menschliche Rechtsverständnis aus?

Ich hätte Lust, den neuen Roman von Ingrid Noll zu lesen.


Wednesday, September 03, 2008

Phantasialand

Es ist kaum zu glauben, wie inspirierend meine Arbeit zu sein scheint. Man meint, ich würde dort nur herumstehen, freundlich aussehen und den Kunden Brötchen in die Hand drücken. Doch nein! Dieser Ort, diese Beschäftigung, die tiefschürfenden Diskussionen mit meinen Kollegen bieten den perfekten Nährboden für Ideen, die zu Blogeinträgen werden, die die Welt unterhalten.
Eine Woche sitze ich an meiner Hausarbeit über Effi Briest, beschäftige mich Gesellschaftskritik und der Schuldfrage... und es passiert nichts. Ich starre auf das Word-Dokument, sehe gelangweilte Buchstaben starr aneinander gereiht, die mich vorwurfsvoll anglotzen und warte, dass etwas passiert, das mir Zerstreuung bringen könnte. Denn Effi war auch immer auf der Suche nach Zerstreuung.
Nur ein Gedanke an meinen Job zaubert mir ein Lächeln - nun ja, vielmehr ein fieses Grinsen - ins Gesicht.

Vor einigen Wochen war ich im Phantasieland. Ich liebe Achterbahnen und den Adrenalinstoß beim Fallen. Trotzdem habe ich den Freien-Fall-Turm dieses Mal ausgelassen. Denn beim "Mystery Castle" erschreckt mich weniger die Höhe und die Dunkelheit (sobald man nach oben geschossen wird, werden die Lichter ausgeschaltet), als die unheimlich verkleideteten Figuren im Eingangsbereich. Die scheuen nicht davor, die Wartenden unvorbereitet zu berühren und ihnen Angst einzujagen. Und immer wieder wird über die Lautsprecher ein unheimliches Lachen, wie das einer Hexe eingespielt. Da kommen Kindheitsängste in mir hoch. Und den Namen des Turms finde ich nur passend.

Am Montag Abend stand ich in der Bäckerei. Es war so gegen neun, als ich meine Kasse machte und mein Chef um die Ecke kam. Er blieb vor mir stehen und musterte mich von oben bis unten. Erleichtert stellte ich fest, dass ich an meine ganze Kluft gedacht hatte (Schlips, Bluse und Schürze).
Doch eins hatte ich vergessen.
"Aber Frau Kahl, wo ist denn ihr Namensschild?"
"Oh, das habe ich versehentlich mitgewaschen."
"Kann man es noch lesen?"
"Ja, aber sieht doch sehr mitgenommen aus."
"Gut, das macht nichts. Ziehen sie es trotzdem an."
Ich brachte ein zaghaftes "Okay" heraus und schaute ihn fragend an.
"Ja, die Mystery Checker sind unterwegs." Dann drehte er sich um und machte sich an den Papierkram.

Mystery Checker... interessanter Name für die Testkäufer.