Friday, May 23, 2008

Materialismus

Neulich erzählte mir einer Freundin, dass ihre Lederjacke spurlos verschwunden sei. Ich konnte mich an die Jacke erinnern, sie war wirklich wunderschön. Und nachdem ich ein wenig Mitleid für sie empfunden hatte, widmete ich mich wieder meinem Egozentrismus und spürte sogleich schlimme Verlustänste. Was, wenn ich meine Ledejacke verliere? Oder etwas anderes? Ein Anflug von Materialismus, der mich emotional zu überfordern drohte. Doch sogleich konnte ich mich beruhigen: Ich passe immer gut auf meine Sachen auf.
Nicht mal eine Woche war vergangen als mich bedenkliche Träume heimsuchten. Mein Lieblingsoutfit war nicht mehr aufzufinden. Das Schlimmste war, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, wo ich es verloren haben könnte. Der Blick in den Kleiderschrank am nächsten Morgen war wie Balsam für die Seele. Und wieder dachte ich heimlich bei mir: Maren, du passt immer gut auf deine Sachen auf.

Am gleichen Tag ließ ich meine Lieblingskette in einer Umziehkabine hängen... und sie ward nicht mehr gesehen.

Meine Freundin allerdings hat ihre Jacke bei Burger King abholen können.

Sunday, May 18, 2008

Pink

Über das Lied "Dear Mr. President"

Die Symapthie der Welt für die amerikanische Politik grenzt offensichtlich beinahe an euphorischer Glorifizierung. Bei so einer unkritischen Gesamhthaltung müssen wir Pink geradezu dankbar dafür sein, dass sie ihr Party-Image für einige Wochen zugunsten einer neuen, noch nie dagewesenen, Weltverbesserer-Lebensphilosophie geopfert hat um der Welt die Richtung zu weisen.
Tatsächlich erinnert ihr Outfit in dem dazugehörigen Musikvideo an eine christliche Rock-Zopf-Birkenstock-Mentalität; eine Öko-Lady tritt für die Gerechtigkeit ein.
"Na na na na na na na na" - welch gewaltigen Worte eröffnen dem Zuhörer die Tür zu Pinks Gedanken. Das achtfache "na", das sich über die göttliche Sieben hinwegsetzt und eine neue Wahrheit ankündigt. Doch die Sängerin verarbeitet das Thema subtil. Klischeehafte Metaphern und ausgelutschte Sinnbilder sind ihr zuwider. Stattdessen setzt sie wider Erwarten dem Lyrischen Ich Präsident Bush als heimlichen Drahtzieher, als Puppenspieler, ja man könnte schon fast sagen: als Achse des Bösen gegenüber. Es ist der kritische Unterton, der zum Nachdenken anregen soll, den es aber erstmal zu finden gilt.
Für den Fall der Fälle werden Ausschnitte von halb verhungerten farbigen Kindern in das Video eingebaut um auch allen möglichen Missverständnissen entgegen zu wirken.
Denn Pinks stellt die berechtigte Frage: "How do you sleep while the rest of us cry?" Sie selbst ließ sich vor laufender Kamera ein Bustwarzenpearcing stechen und auch mich beschäftigt das Problem: Wie kann Bush da noch ruhig schlafen?
Das Erdbeben in China, die Wirbelsturmopfer in Birma und die Kluft zwischen Arm und Reich in unserem eigenen Land - das alles kann ihn doch nicht gleichgültig lassen. Seine ruhigen Träume zeugen von einer Psyche, die einen bedenklichen Zustand erreicht hat. In seinen ausgewogenen Schlafgewohnheiten spiegelt sich seine Menschenverachtung und Machtgier wider.
Doch Pink setzt nicht ausschließlich auf die Taktik des Schlechten-Gewissens-Machen. Sie hat noch ein Ass im Ärmel und setzt auf unverblümte Konfrontation:
"Let me tell you 'bout hard work
Building a bed out of cardboard box
Let me tell you 'bout hard work!
Hard work!
Hard work!
You don`t know nothing 'bout hard work!"
Wie der Marsch von Soldaten wiederholt sich der rythmisch wiederkehrende Ausruf "Hard work!", eine subtile Anspielung auf die Außenpolitik des Präsidenten. Und wie glücklich wir darüber sein können, dass wenigstens eine noch weiß, was richtige Arbeit ist. Die Beispiele scheinen aus dem eigenen Leben der millionenschweren Künstlerin genommen zu sein. Der biographische Aspekt verleiht dem Thema noch mehr Brisanz. Authentizität ist der entscheidende Schlüssel zum Erfolg.

Bitte mehr davon!

Tuesday, May 13, 2008

Stefan George

Nachdem ich mich nun Tage lang für ein Referat mit Stefan George rumgeschlagen habe, kommt hier nun ein Gedicht von ihm, das mit meinem Thema gar nichts zu tun hat.

Sieh mein kind ich gehe
Denn du darfst nicht kennen
Nicht einmal durch nennen
Menschen müh und wehe

Mir ist um dich bange
Sieh mein kind ich gehe
Dass auf deiner wange
Nicht der duft verwehe

Würde dich belehren
Müsste dich versehren
Und das macht mich wehe
Sieh mein kind ich gehe

(Stefan George)

Saturday, May 10, 2008

Frauen

Heute beim Rewe an der Kasse stand hinter mir eine Frau mittleren Alters mit ihrer vielleicht zehn Jahre alten Tochter. Das Mädchen schaute sich interessiert die Comics an und war fasziniert von den Spielzeugen, die den Heften beigelegt waren. Dann wurde sie aber auch auf die anderen Zeitschriften aufmerksam.
Irritiert schaute sie ihre Mutter an: "Mama, warum sind denn nur Frauen dadrauf?"
Leicht überfordert antwortete die Frau: "Ja, also, das weiß ich eigentlich auch nicht. Hmm... da musst du mal dem Verlag einen Brief schreiben und nachfragen."
Anscheinend hatte das Mädchen sich schon selbst eine - vermutlich auch zufriedenstellendere - Erklärung zurecht gelegt, denn sie ging gar nicht darauf ein, sondern meinte: "Aber ich finde das gut. Das ist doch besser als wenn die nur Männer fotographieren."
Erstaunt hakte die Frau nach (und an diese Verwunderung schloss ich mich und drehte mich interessiert um): "Achja, und warum?"
Als wäre es selbstverständlich antwortete das Kind: "Na, Frauen sind doch das starke Geschlecht."

Damit wäre die Frage wohl auch geklärt.

Thursday, May 01, 2008

Die Nibelungen

Als ich gestern Abend im Zug nach Gießen saß, setzte sich mir gegenüber eine Frau, vielleicht um die 30, heruntergekommen, mit schmutzigen Klamotten, aber einem erstaunlich hübschen Gesicht. Interessiert schaute sie mich an warf einen langen neugierigen Blick auf mein Buch. Ich warf ihr einen fragenden Blick zu.
Sie: "Ich wollt nur mal den Titel sehen."
"Achso.", antwortete ich und las weiter.
Sie: "Ja, also, alles, was ich bisher davon gehört oder gelesene habe, war ja nicht so toll. Ich mein, das Thema ist ja ganz nett, aber das Buch ist nicht so gut geschrieben."
Ich fange an zu grinsen: "Naja, es ist ja auch schon recht alt."
Sie: "Ja, gut. Die meiste neuere Literatur finde ich auch scheiße. Aber man hätte die Geschichte ja anders aufarbeiten können... Aber gut. Viel Spaß noch!"
Ich bedankte mich freundlich und las noch fünf Minuten weiter und legte den zweiten Teil des Nibelungenlieds wieder in meine Tasche.
Mitleidig schaute sie mich an: "Möchten Sie vielleicht einen Teil meiner Zeitung?"