
Die meisten Märchen haben mir als Kind Angst gemacht, vor allem, wenn hysterische Hexen darin vorkamen. Das einzig tröstliche an den Geschichten war, dass sie ein gutes Ende hatten, auch wenn ich oft die gegebenen Umstände und das Verhalten der Figuren nicht richtig verstand.
Als ich vor einigen Jahren mit meiner Nachhilfeschülerin das Thema Märchen durchnahm und wir einige zusammen lasen, hätte ich am liebsten so manches aus der Sammlung der Gebrüder Grimm zensiert.
In einem Gespräch letzte Woche fiel mir auf, dass ich mich erstaunlich gut an das Märchen von Rapunzel erinnern konnte. Das heißt, nicht mal so sehr an die Geschichte - das Ende hatte ich völlig verdrängt und musste es erstmal nachlesen - dafür um so mehr an die Fragen, die ich als Kind an das Märchen hatte.
Was zum Henker ist Rapunzel? Und wie konnte eine Frau so dermaßen Hunger auf eine völlig unbekannte Gemüsesorte haben? Oder vielleicht war es auch Obst... - wie auch immer. Gab es denn tatsächlich die Möglichkeit, dass man stirbt, nur weil man nicht das essen kann, worauf man gerade Hunger hat (im Text steht: "...wurde lüstern...")? Diese Vorstellung erschien mir doch recht abwegig. Und gleichzeitig machte sie mir Angst - denn es gab Momente, in denen meine Sehnsucht nach Schokolade sich ins Unermessliche zu steigern drohte. Nicht, dass ich wegen einer solchen Lapalie eines Tages verrecken muss.
Noch schlimmer fand ich aber die Tatsache, dass der Mann seiner Frau um jeden Preis diesen bekloppten Rapunzel besorgt hat. Ich meine, er hat aus Angst sogar sein Kind gegen ein paar Salatblätter verkauft (hatten die denn damals keinen Supermarkt... wobei: wahrscheinlich gab es dort keinen Rapunzel. Ich hatte so etwas auf jeden Fall noch nie beim Interspar gesehen.). Was war das für ein Waschlappen, der sich vom Apettit seiner Frau dominieren lässt (Das Wort dominieren waren mir damals zwar noch fremd, aber es ist doch auch wieder ein erstaunliches Phänomen, dass man auch ohne die richtigen Begriffe, Dinge denken kann)?!
Und was mir wohl die meisten Rätsel aufgab (Neben der Sache mit dem Salat, bei der mir nicht klar ist, warum ich nicht einfach jemanden gefragt habe.) waren die langen Haare.
Natürlich kann ich mir heute die Länge mit Extensions erklären, die einfach ans echte Haar geknotet werden. Doch als Kind hatte ich immer kurze Haare. Doch auch die Haare meiner Freundinnen waren nicht so lang. Und selbst wenn: Muss es nicht schweineweh tun, wenn sich jemand an den Kopf hängt. Hat Rapunzel den ganzen Tag ihren Körper trainiert, speziell die Rücken- und Nackenpartie um diese Last tragen zu können? Das Ganze erschien mir wie die reine Folter.
Überhaupt ergibt das Märchen meiner Meinung nach nicht viel Sinn. Warum sperrt die Zauberin das Mädchen eigentlich weg? Und wenn sie sie jeden Tag besucht, was machen die beiden im Turm? Tee trinken? Nintendo spielen? Oder Comics lesen?
Und der arme Kerl verliert Jahre lang sein Augenlicht und lebt im Gestrüpp bis er sein Mädchen singen hört? Was hat er denn in der Zeit getrieben? Wenn man Jahre lang Zeit hat, muss man doch den Weg aus dem Wald irgendwann wieder rausfinden können.
Vielleicht kommt man mit Psychologie hinter das Geheimnis? Freud hätte sicherlich eine Erklärung für so manche Details... Oder aber ich schreibe die Märchen so um, das ich sie auch aus pädagogischer Sicht unterstüzen kann. Falls ich mal Kinder haben sollte, hätte ich auf jeden Fall ein besseres Gefühl - wobei die sicherlich in der Schule dann auch einige Fragen haben werden, wenn sie eine andere Version von "Hensel und Gretel" oder "Der Froschkönig" zu lesen bekommen. Aber wer weiß, ob bis dahin noch Märchen behandelt werden...