Wednesday, March 26, 2008

Im Sommer

Im Sommer

Einsam sein im Sommer
und hundemüde auf einen
Liebesbrief warten,
das ist schlimm;
und abends zuschauen wie sich
Lana Turner in Robert Mitchum verliebt;
und wenn morgens die Sonne aufgeht,
hast du niemand getroffen,
in der Tür steckt kein Zettel "Ruf mich an."
Ein Maler würde das Blau immitieren,
eine Flugzeugladung Menthol;
ein Dichter würde lieben oder sterben;
ich starre, ohne hinauszuschauen,
aus dem Fenster, frühmorgens,
und sage "Ich liebe dich"
ohne irgendetwas
oder irgendwen
zu meinen.

Wolf Wondratschek

Sunday, March 23, 2008

Rapunzel


Die meisten Märchen haben mir als Kind Angst gemacht, vor allem, wenn hysterische Hexen darin vorkamen. Das einzig tröstliche an den Geschichten war, dass sie ein gutes Ende hatten, auch wenn ich oft die gegebenen Umstände und das Verhalten der Figuren nicht richtig verstand.
Als ich vor einigen Jahren mit meiner Nachhilfeschülerin das Thema Märchen durchnahm und wir einige zusammen lasen, hätte ich am liebsten so manches aus der Sammlung der Gebrüder Grimm zensiert.
In einem Gespräch letzte Woche fiel mir auf, dass ich mich erstaunlich gut an das Märchen von Rapunzel erinnern konnte. Das heißt, nicht mal so sehr an die Geschichte - das Ende hatte ich völlig verdrängt und musste es erstmal nachlesen - dafür um so mehr an die Fragen, die ich als Kind an das Märchen hatte.
Was zum Henker ist Rapunzel? Und wie konnte eine Frau so dermaßen Hunger auf eine völlig unbekannte Gemüsesorte haben? Oder vielleicht war es auch Obst... - wie auch immer. Gab es denn tatsächlich die Möglichkeit, dass man stirbt, nur weil man nicht das essen kann, worauf man gerade Hunger hat (im Text steht: "...wurde lüstern...")? Diese Vorstellung erschien mir doch recht abwegig. Und gleichzeitig machte sie mir Angst - denn es gab Momente, in denen meine Sehnsucht nach Schokolade sich ins Unermessliche zu steigern drohte. Nicht, dass ich wegen einer solchen Lapalie eines Tages verrecken muss.
Noch schlimmer fand ich aber die Tatsache, dass der Mann seiner Frau um jeden Preis diesen bekloppten Rapunzel besorgt hat. Ich meine, er hat aus Angst sogar sein Kind gegen ein paar Salatblätter verkauft (hatten die denn damals keinen Supermarkt... wobei: wahrscheinlich gab es dort keinen Rapunzel. Ich hatte so etwas auf jeden Fall noch nie beim Interspar gesehen.). Was war das für ein Waschlappen, der sich vom Apettit seiner Frau dominieren lässt (Das Wort dominieren waren mir damals zwar noch fremd, aber es ist doch auch wieder ein erstaunliches Phänomen, dass man auch ohne die richtigen Begriffe, Dinge denken kann)?!
Und was mir wohl die meisten Rätsel aufgab (Neben der Sache mit dem Salat, bei der mir nicht klar ist, warum ich nicht einfach jemanden gefragt habe.) waren die langen Haare.
Natürlich kann ich mir heute die Länge mit Extensions erklären, die einfach ans echte Haar geknotet werden. Doch als Kind hatte ich immer kurze Haare. Doch auch die Haare meiner Freundinnen waren nicht so lang. Und selbst wenn: Muss es nicht schweineweh tun, wenn sich jemand an den Kopf hängt. Hat Rapunzel den ganzen Tag ihren Körper trainiert, speziell die Rücken- und Nackenpartie um diese Last tragen zu können? Das Ganze erschien mir wie die reine Folter.
Überhaupt ergibt das Märchen meiner Meinung nach nicht viel Sinn. Warum sperrt die Zauberin das Mädchen eigentlich weg? Und wenn sie sie jeden Tag besucht, was machen die beiden im Turm? Tee trinken? Nintendo spielen? Oder Comics lesen?
Und der arme Kerl verliert Jahre lang sein Augenlicht und lebt im Gestrüpp bis er sein Mädchen singen hört? Was hat er denn in der Zeit getrieben? Wenn man Jahre lang Zeit hat, muss man doch den Weg aus dem Wald irgendwann wieder rausfinden können.

Vielleicht kommt man mit Psychologie hinter das Geheimnis? Freud hätte sicherlich eine Erklärung für so manche Details... Oder aber ich schreibe die Märchen so um, das ich sie auch aus pädagogischer Sicht unterstüzen kann. Falls ich mal Kinder haben sollte, hätte ich auf jeden Fall ein besseres Gefühl - wobei die sicherlich in der Schule dann auch einige Fragen haben werden, wenn sie eine andere Version von "Hensel und Gretel" oder "Der Froschkönig" zu lesen bekommen. Aber wer weiß, ob bis dahin noch Märchen behandelt werden...

Friday, March 21, 2008

Groschenroman


Als ich gestern eine Freundin zum Frankfurter Flughafen brachte, entdeckte ich im der S-Bahn eine Frau mit einem Buch. Gut, das alleine ist wohl keinen Blogeintrag wert. Sie war so um die 30, hatte mittellange Haare, ein gepflegtes Äußeres. Ich stellte sie mir als Bankkauffrau vor oder vielleicht als eine der Frauen, die am Bahnhof am Schalter sitzen und mir wichtige Minuten meines Lebens klauen (wie nennt sich dieser Beruf?). Ihr Buchcover sah interessant aus. Auf der Rückseite war ein Porträt eines Schauspielers, zumindest erinnerte mich das Gesicht an einen Schauspieler, und ich versuchte unauffällig herauszufinden, welcher Titel auf der Vorderseite stand. Es gelang mir nicht. Dafür bemerkte ich etwas anderes. Der Papierumschlag war zu groß für das Buch und stand ab, so dass ich das eigentliche Cover des Buches sehen konnte. Und zu meinem Erstaunden stellte ich fest, dass es sich um einen Groschenroman handelte (übrigens mit einem noch blöderes Bild als oben).
Ich schaute mir die Frau nochmal an und kam zu dem Schluss, dass es mir an ihrer Stelle wohl auch peinlich wäre, so etwas in der Öffentlichkeit zu lesen.
Und dann überlegte ich, ob mir ein Buch schonmal peinlich war... Mir fiel nichts ein. Außer "PS: Ich liebe dich." Eine Empfehlung von einer Freundin und ein Verzweiflungsakt, weil ich bei ihr zu Besuch war und für die Rückfahrt etwas zum Lesen brauchte, mir die guten Bücher aus ihrem Regal aber schon ausgeliegen hatte. Aber ich schätze, dass nicht viele Menschen im Bus gedacht haben: "Oh, die liest aber ein peinliches Buch!" Schon gar nicht, wenn man bedenkt, wie oft sich das Buch verkauft hat und dass es mittlerweile sogar eine Verfilmung gibt.
Aber spiegelt man nicht mit den Büchern, die man in der Öffentlichkeit liest, automatisch einen Teil von sich selbst wider. Mich zumindest interessiert es immer brennend, was andere lesen.
Für diesen Fall habe ich mich in meinem Bücherregal umgesehen und darüber nachgedacht, welchen Umschlag ich um ein Buch klappen würde, das mir unangenehm wäre. Vielleicht "Krieg und Frieden"? Aber das hatte ich nicht gelesen und könnte so auf mögliche Fragen keine Antwort geben. Lexika sehen zu sehr nach Freak aus. Vielleicht Kafka - aber bei meiner Ausgabe waren keine Umschläge drum, die ich im Fall der Fälle abnehmen könnte...
Tja, und so habe ich meine Überlegungen aufgegeben und Kuchen gegessen.

Wednesday, March 19, 2008

Gießen

Ich konnte den kalten Wind durch meine Ohrringe pfeifen hören, ärgerte mich über meine dünne Jacke und hätte der Bahn am liebsten schon wieder Unvermögen unterstellt, weil nach meiner gefühlten Zeit der Zug schon längst hätte dagewesen sein müssen. Tatsächlich aber waren es noch fünf Minuten, die mich von einem schon vorgewärmten Sitz in einem stinkenden Abteil trennten.
Ich schaute mich um. Hinter mir stand ein Mann mittleren Alters. Aus seinem Mund lief Speichel.
"Darf ich in deinen Michshake pinkeln?"
Ich schaute auf meinen Kaffee und überlegte, ob ich ihm den Unterschied zwischen den Getränken erklären sollte, entschied mich aber dafür einen finsteren Blick aufzusetzen. Den deutete er sofort richtig und schlenderte an mir vorbei um die nächste Wartende anzusprechen: "Ich fahre heute nach Marburg. Maaarburg! (Aus irgendeinem Grund klang "Marburg" aus seinem Mund wie eine Geisterstadt, die man besser meiden sollte). Da gehe ich ins Cineplex und schlag es kaputt!"

Einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, ihm eine Fahrkarte nach Wuppertal zu kaufen. Doch ich hielt es für sinnvoller, mir unauffällig einen gewissen Sicherheitsabstand zu verschaffen und steuerte die entgegensetzte Richtung an.

Tuesday, March 18, 2008

Wuppertal

Ich hatte Wuppertal als eher unangenehmes Pflaster in Erinnerung. Ich konnte mich erinnern, Gründe für meine Abneigung in Gesprächen aufführen zu können.
Doch als ich am Samstag mit meiner Kollegin über die Stadt sprach, mischte sich ein Kunde ein und ich überlegte, ob ich mich irrte. Ganz begeistert erzählte er: "Ja, in Wuppertal gibt es ja die Schwebebahn! Die ist ja auch faszinierend für die Touristen! Manchmal fahre ich mit meinen Kindert dorthin. Die sind immer ganz begeistert! Meinem Sohn habe ich zum letzten Geburtstag eine Holzeisenbahn geschenkt. Die gibt es jetzt auch als Schwebebahn. Und jetzt wird zu Hause Wuppertal gespielt!"
Das klang schön, harmonsich. Vielleicht sogar nach Kultur.
Einige Stunden später saß ich im Zug nach Wuppertal. Je näher ich meinem Ziel kam, desto schärfer wurden meine Erinnerungen. Ich schaute mich in meinem Abteil um, in dem ohrenbetäubender Hip Hop lief und dachte immer wieder: "Ach, deswegen..."
Am Hauptbahnhof angekommen, stieg ich aus dem Zug aus und schon wurde ich Zeuge einer Schlägerei zwischen ein- und austeigenden Zuggästen. Gerade als ich das Gebäude verlassen hatte und Richtung Parkplatz ging, sprach mich ein ausländischer Mann mittleren Alters an. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Und die Geschichte, die er vorzutragen hatte, auch: "Hey, weißt du, ich hab kein Geld und will zu meinem Bruder. Und ich hab auch nichts zu Essen... Kannst du mir helfen?"
Klar konnte ich, und bot ihm meine Banane an, die von der Fahrt noch übrig war... und bereute es eine Sekunde später schon wieder als er mich anstarrte, als würde er mich gleich umbringen.

Da kann die Schwebebahn noch so toll sein...

Wednesday, March 12, 2008

Das Wahre

Denn das Wahre ist ernst

Denn das Wahre ist ernst; traue der Heiterkeit nicht.
Es verblassen des Abends die Farben der Landschaft, auch die
heitersten,
und sie zeigt ihre ernsten Linien,
wenn der dunkelnde Ölbaum gegen des Himmels Dämmergrau steht
eingehüllt in Unbeweglichkeit.
Oh das Gewesene, das sich abends herabsenkt
als Ahnung des Immerseienden.
Dann wird der Stein zum Kristall, das Tagewerk aber ruht im
Ernste zum wahren Bleiben.

Hermann Broch