Wednesday, February 27, 2008

Politik

Dieselbe Stadt, dieselbe Bushaltestelle, ein anderer Obdachloser.
Doch auch er war mir nicht unbekannt. Hin und wieder lässt er sich im Supermarkt blicken, in dem ich arbeite. Dort haben vor allem die Kasserierin mit seinen Plaudereien zu kämpfen. In der Bäckerei bleibe ich damit zwar verschont, aber so viel habe ich doch mitbekommen: Er gehört zur Geheimpolizei und deckt Verschwörungen auf. Wo es nur geht. Die meisten gibt es natürlich in Amerika.
Ich ließ einige Sitze neben dem Obdachlosen frei und stellte sofort die Musik ein. Trotzdem konnte ich hören, dass er über Politiker schimpfte, denen "DAS ja nun auch nichts bringt"!
"Darf ich Ihnen mal eine Frage stellen?" - Oh Gott, hatte er mich gemeint? Ich drehte mich zur anderen Seite.
Er räusperte sich und wurde etwas lauter: "Darf ich Ihnen mal eine Frage stellen?"
Nein, auf keinen Fall, dachte ich und sagte: "Ja, sicher."
"Darf eine Frau sich revanchieren, wenn sie einen Korb von einem Mann bekommen hat?"
"Tja... also... es kommt wohl auf den Korb an."
"Ich habe nur "nein" gesagt."
Ich hielt die Sache für erledigt: "Gut, dann denke ich nicht."
Dch ich hatte mich geirrt, denn jetzt begann der Monolog. Das heißt, es wäre schön gewesen, wenn es ein Monolog gewesen wäre, doch nach jedem Satz schaute er mich aufmunternd und erwartungsvoll an und seine Stimme wurde immer aggressiver:
"Ja, die Frau kam aus der Partei mit dem Buchstaben L. Da habe ich gesagt: "Ich bekriege Sie!" Das stimmt ja auch! Kommunisten! Nicht wahr? Das ist ja die Partei mit L. Da bin ich zu den Amerikanern gegangen. Da bekriege ich sie ja wirklich! Das ist doch nunmal so! Da war ich noch jung. Und die Merkel konnte da auch nichts dafür..."
Im Augenwinkel konnte ich ein Polizeiauto sehen, das an der Ampel wartete. Die beiden Beamten lächelten mir mitleidig zu. Genauso wie die anderen Leute an der Bushaltestelle, die neugierig dem Gespräch lauschten, aber einen gewissen Sicherheitsabstand einhielten.
"Ja, also, wenn Sie mal einen Job brauchen! Dann können Sie den einfach ansprechen! Die wohnen in Fronhausen! Damit Sie`s wissen!"
In dem Moment kam der Bus.

Jetzt stellen sich mir einige Fragen: Der Mann war bestimmt siebzig... seit wann ist die Frau Merkel in der Politik? Und war die früher bei der Partei mit L. Und war sie es vielleicht, die den Korb bekommen hat und deswegen bekämpft sie jetzt die Amerikaner?
Und wen soll ich nach einem Job fragen? Wohnen die Amerikaner jetzt in Fronhausen?

Sollte ich mir ein Fahrrad zulegen?

Tuesday, February 26, 2008

Süßigkeiten

In der Grundschule wurde mir erklärt, dass ich niemals bei fremden Leuten ins Auto steigen dürfe! Das sei das allerschlimmste! Auch Süßigkeiten von netten Männern sollte ich nicht annehmen.
Mir war zwar nicht ganz klar, wieso das so schlimm war, aber ich merkte es mir, weil meine Lehrerin bei solchen Gesprächen immer so aggressiv wurde.
Allerdings kam ich bisher noch nie in eine solche Situation.
Nur einmal hatte ich einen kleinen Unfall mit einem Jeep. Weil ich eine Freundin einholen wollte, rannte ich über eine eher unbefahrene Straße, achtete dabei aber nicht auf den Verkehr. Zeitgleich stoppte ein Auto an der Kreuzung und mein Fuß landete unter dem Vorderrad des Jeeps. Der Fahrer bemerkte das Unglück leider nicht und starrte weiter auf die Straße, um einen güstigen Moment abzupassen, um weiterzufahren.
Ich versuchte auf mich aufmerksam zu machen, weil ich meinen Fuß einfach nicht unter dem Rad hervorziehen konnte. Es gelang mir. Doch der Fahrer strahlte mich nur an und gab mir ein Zeichen, dass ich weitergehen konnte. Ich fing an zu heulen. Und endlich stieg er aus. Und schnell wieder ein, als er realisierte, was vorgefallen war.
"Wo wohnst du denn?" fragte er mich, nachdem er sein Auto zurückgesetzt hatte.
Die Frage kam mir verdächtig vor. Und da mein Fuß gar nicht weh tat, rannte ich los.
Doch nur fünf Minuten nach meinem Eintreffen zu Hause, klingelte es an der Haustür und der Fahrer fragte nach meinem Befinden, verabschiedete sich dann aber schnell, als ihm versichert wurde, dass nichts passiert sei - und nachdem er selbst seine Beobachtung dieser harmlosen Lapalie zum Besten gegeben hatte.

Bisher war ich sehr froh, dass es bei diesem Ereignis in meiner Kindheit geblieben ist.

Doch gestern wurde mir klar, dass ich auch jetzt noch nicht vor solchen Dingen sicher bin.
Nach der Arbeit stellte ich mich an die Bushaltestelle. Auf der Bank saß ein Obdachlose. Ich kenne ihn aus der Bäckerei, dort sehe ich fast täglich. Und bevor ich umgezogen bin, traf ich ihn regelmäßig beim Joggen. Ein eher unangenehmer Mensch, mit dem ich nicht unbedingt plaudern wollte. Deswegen kramte ich meinen MP3-Player raus. Doch plötzlich sehe ich ihn im Augenwinkel winken. Was sollte ich tun? Die Stecker aus dem Ohr rausholen oder so tun, als hätte ich nichts bemerkt. Aber das Winken war doch sehr penetrant. Also die Stecker raus. "Ja?" fragte ich leicht gereizt. Er streckte mir ein Stück Schokolade entgegen: "Na, willst du?"
Ich bedankte mich freundlich und machte die Musik wieder an.
Ich denke, ich kann sehr stolz auf mich sein, mein Wissen so souverän angewandt zu haben.

Monday, February 25, 2008

Ferien

Momentan ist der einzige feste Programmpunkt am Tag für mich die Arbeit. Die letzten beiden Wochen hatte ich Frühdienst. Nicht nur, dass ich jetzt einen völlig beschissenen Schlafthythmus habe (um sechs bin ich hellwach, während ich abends schon um neun meinen Müdigkeitstiefpunkt überwinden muss), nein: meine Träume drehen sich nun auch schon um so entscheidende Fragen, wie der des Verhältnisses von Milch und Espresso im Cappuchino oder der Anordnung von den verschiedenen Berlinersorten. Und mit was bestreicht man eigentlich am sinnvollsten belegte Brötchen - Butter, Remoulade oder Streichkäse? Leider konnte diese Frage nicht mehr rechtzeitig vorm Aufwachen beantwortet werden. Und eigentlich ist es auch völlig irrelevant, weil ich die Brötchen gar nicht belegen muss.
Letzte Woche träumte ich von tiefgekühlten Lebensmitteln. Morgens räume ich vor allem die gelieferten Backwaren aus. Dazu gehört leider auch fast immer ein Container mit Tiefkühlware, dessen Inhalt ich in verschiedene Truhen umfüllen muss. Ich hasse diese Arbeit. Von ganzem Herzen. Nicht nur, dass die Hände von der Kälte weh tun, die Tüten mit den Brötchen reißen regelmäßig auf und ich muss alles umfüllen. Die Mengen sind zu groß und ich habe Schwierigkeiten, die Kartons in die Regale zu heben. Außerdem ist alles so eng, dass ich es bisher noch nicht geschafft habe, ohne Schrammen und blauen Flecken nach Hause zu kommen.
Nachts träumte ich dann, dass ich mein Obst nicht mehr in der Küche finden konnte. Also schaute ich in den Kühlschrank, aber dort war es auch nicht. Vielleicht im Eisfach? Und tatsächlich! Meine Mitbewohner hatten meine Kiwis ins Eisfach geräumt. Irgendwie kam es mir komisch vor. Durften Früchte denn eingefroren werden? Vielleicht war das gar keine schlechte Idee - so blieben sie länger frisch. Aber ich hatte vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen, dass südländische Früchte nicht in den Kühlschrank gehören. Woher kamen Kiwis denn eigentlich?
Vielleicht sollte ich doch ein paar Kiwis bei normaler Temperatur lagern...

Ich mache mir Sorgen, dass mein Leben nicht genug Inhalt hat. Warum träume ich denn nicht von Büchern oder Artikeln, die ich gelesen habe? Von Gesprächen, die ich hatte oder Menschen, die ich getroffen habe? Oder von Jerry, wie er schwanzwedelnd durch den Wald rennt?
Nein, ich träume von Brötchen - immer wieder.

Heute Nacht wähle ich ein anderes Thema. Vielleicht, dass ich verreise - das könnte ein netter Traum werden.

Thursday, February 21, 2008

Inspiration

Ich warte auf dich.

Tuesday, February 12, 2008

Seite 123

Die Sache mit dem Stöckchenwerfen habe ich nie so ganz verstanden - ich meine, im Bereich der Hundewelt ist es mir ein Begriff. Man wirft, der Hund rennt, der Hund und ich freuen uns.
Aber ob der Ausdruck im Bloggerleben einen tieferen Sinn oder einen nachvollziehbaren Ursprung hat, ob es sich möglicherweise um eine Metapher handelt, ist mir noch unklar.
Auf jeden Fall aber ist mir ein solches Stöckchen zugeworfen worden und da ich gerade keine anderen unterhaltsamen Ideen habe, die meinen Blog bereichern könnten, werde ich diese Aufgabe doch mal in Angriff nehmen (wobei mir heute morgen ein lustiger Traum aus der letzten Nacht eingefallen ist: Ich hatte mir aus der Bäckerei einen Berliner mitgenommen und freute mich über den Puderzucker und den leckeren Teig. Aber als mir dann die Marmelade in den Mund qoll, erschrak ich mich fürchterlich!):

1. Nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten.
2. Schlage Seite 123 auf.
3. Suche den fünften Satz auf der Seite.
4. Poste die nächsten drei Sätze.
5. Wirf an fünf Blogger weiter. (Diesen Schritt lasse ich ohne viel Gerede aus ;-)

Aus Effi Briest:
"Das wär auch das Beste."
"Wie das?"
"Dann wär ich aus der Welt."

Dee-Prashion hätte sicherlich einen passenden Kommentar parat.

Monday, February 11, 2008

Todesfuge

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens
wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab
in den Lüften
da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus
der spielt mit den Schlangen
der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus
und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor
läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns
spielt nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags
wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus
und spielt mit den Schlangen
der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften
da liegt man nicht eng

Er ruft
stecht tiefer ins Erdreich
ihr einen
ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt
er schwingts
seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen
ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags
wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
er spielt mit den Schlangen
Er ruft
spielt süßer den Tod
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft
streicht dunkler die Geigen
dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken
da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens
wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel
er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns
er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan

Tuesday, February 05, 2008

Nacht


Als ich gestern Abend schlafen ging, muss es so halb zwölf gewesen sein. Den ganzen Tag über war ich müde gewesen und habe mich sehnsüchtig auf mein Bett gefreut.
Und als es dann endlich so weit war, konnte ich nicht einschlafen. Mein Kopf war hellwach. Gradpartikel, Phonem, Minimalpaaranalyse, Allomorph... ein Schlagwort nach dem anderen schoss mir durch den Kopf. So ähnlich verläuft wohl auch das Schäfchenzählen. Nacheinader hüpten all diese Begriffe durch mein Hirn. Sie nahmen gar kein Ende. Und dann vermischten sich traumhafte irreale Ideen mit Situationen aus dem Alltag. Ich sah mich in einer Klausur sitzen und über Attribute nachdenken, stellte mir vor, wie ich sie plötzlich alle vergessen hatte. Dann wollte ich etwas trinken, doch das Wasser spritze aus dem Loch über meiner Oberlippe heraus. Dort hatte ich anscheinend mal einen Piercing. Plötzlich tauchte die Katze einer Freundin auf und haute mir ihre Krallen ins Bein...
Um drei war ich wieder wach. Sollte ich vielleicht einfach schon aufstehen? Damit würde ich mein Schlafpensum zwar nicht erfüllen können, aber das ständige Rumliegen ging mir auf die Nerven. ... Vier Uhr. Und warum fühlte sich mein Bauch so komisch an? Knurrte der etwa? Ich griff neben das Bett, nach einer Packung Kekse.
Dann saß ich in meinem Bett, um vier Uhr nachts, konnte meine Augen nicht öffnen, weil die schwache Lampe mich blendete, und futterte bergeweise Kekse in mich hinein.

Als mein Wecker heute morgen klingelte, fühlte ich mich irgendwie erschlagen...

Monday, February 04, 2008

Karneval

Letzte Woche wurde ich gefragt (ich bin so müde, dass ich fast "frug mich jemand" geschrieben hätte) , ob ich Karneval feiern würde. Völlig gefrustet vom Tag, legte ich los: Karneval sei doch das letzte, überall besoffene Erwachsene, die peinliche Köstüme tragen und nichts anderes mehr können als Rumgrölen, ich könne daran gar nichts witziges finden, ein völlig niveauloses Verhalten usw. usf.
Sehr trocken antwortete er: "Also ich bin ja Karnevalfan."

Gut, dachte ich mir. Erstmal keine unüberlegten Kommentare mehr zu Karneval.

Aber heute morgen schaute ich in den Spiegel und hatte rote Flecken auf meiner Wange. Auf beiden Seiten, symetrisch. Und knallrot. Vom Duschen gingen sie nicht weg, auch nicht vom Frühstück. Genausowenig von der Uni oder vom Kaffee. Der Tag konnte nicht gut werden.
Mein Körper wusste, dass heute etwas nicht stimmt. Er hat es sich gemerkt. Mein Verstand wollte es vertuschen, es verdrängen, doch der Körper war schlauer. Er hatte diese grauenhafte Vorahnung und reagierte: Mit Stressflecken (oder etwas ähnlichem). Denn heute ist Rosenmontag - der Montag, der (weil es in Hessen nicht frei gibt) noch schlimmer ist als alle anderen Montage im Jahr - der Tag, den ich noch lieber als Weihnachten abschaffen würde.
An jeder Straßenecke stehen sie - Piraten, Krankenschwestern, Knackis, Clowns mit schlecht verarbeiteten Billigkostümen - und rufen einen euphorischen "Helau" zu (immerhin "helau" und nicht "Kölle alaaf" - das würd mich wohl richtig schaffen)! Dann schaue ich böse zurück und es gibt wieder ein "Helau"! - Eine recht einseitzige Kommunikation, was aber außer mir niemand zu bermerken scheint.
Und warum wollen sie alle Berliner? In der Bäckerei kamen heute mehr als 300 Berliner in der Lieferung mit. Noch im Dezember blieben wir auf den Mist sitzen und ganz plötzlich - jetzt ist ja schließlich Februar - essen die Leute kiloweise davon. Warum?
Und im Radio laufen nur noch Schlager - gibt es keine anderen Lieder mehr als "Ein Stern" von DJ Ötzi? Achja: und das tollste - das versüßt mir den ganzen Tag - ich kann mich bei FFH bewerben: Denn vielleicht kommt DER Polonesenstar (der Name ist mir wieder entfallen) bei mir vorbei und macht mit mir und meinen Kollegen die längste Polonese der Welt! Die Weltlängste Polonese würde Karlsson vom Dach sagen und den Propeller anschmeißen um sich interessanteren Dinge zu widmen.

Ich bin gefrustet vom Lernen... und stehe von den ganzen Keksen unter einer Art Zuckerschock.

Friday, February 01, 2008

Alice Miller

Hier eine Rezension, die ich für einen Kurs in der Uni geschrieben habe - ein sehr interessantes Buch!

Die Diktatur der Moral
Alice Miller spricht in „Die Revolte des Körpers“ über das vierte Gebot und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft

“Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Dieses ist das vierte von zehn Geboten, die Mose laut dem Alten Testament auf dem Berg Sinai von Gott erhielt.

Alice Miller schreibt in ihrem 2005 erschienenen Buch „Die Revolte des Köpers“ über die Bedeutung dieses Gebots, das nicht nur Jahrtausende lang überleben konnte, sondern dessen Inhalt sogar ausschlaggebend für die Zielsetzung der Psychotherapie wurde.

Nach Miller wird in der vorherrschenden Therapie davon ausgegangen, dass das oberste Ziel die Versöhnung mit den Eltern sei. War die Kindheit noch so schlimm, wurde man misshandelt oder missbraucht, so solle man in der letzten Therapiestunde doch dazu bereit sein, seinen Eltern zu verzeihen und Liebe für sie zu empfinden. Nur so könne man von einer erfolgreichen Behandlung sprechen.

Mit dieser Auffassung wollte die Schweizer Psychoanalytikerin nicht länger konform gehen und gab ihre Arbeit nach zwanzig Jahren auf um sich mit den Ergebnissen ihrer Kindheitsforschung in Form von mittlerweile elf Büchern an die Öffentlichkeit zu wenden.

Sie stellt sich gegen die Verleugnung der Gefühle, die das Resultat leidlicher Kindheitserfahrung darstellen, und möchte misshandelte Opfer ermutigen, die wahren Empfindungen nicht länger Zugunsten einer verinnerlichten, aber unreflektierten Norm zu unterdrücken.

Dostojewski, Franz Kafka, Virginia Woolf und Marcel Proust – sie alle verbindet nicht nur die Schriftstellerei, sondern auch eine komplizierte Beziehung zu ihren Eltern. So zeugen Berichte über Dostojewskis Vater von maßloser Brutalität, und Proust war ein von seiner dominierenden und beherrschenden Mutter verängstigter Junge, der immer um ihre Zuneigung bangte. Kafka litt sein ganzes Leben unter der Furcht vor seinem Vater und Woolf wurde von ihren Halbbrüdern sexuell missbraucht, ohne Hilfe von ihren Eltern zu bekommen. Sie alle teilten das gleiche Schicksal: Entweder sie starben früh an einer Krankheit oder nahmen sich selbst das Leben.

Anhand dieser biographischen Fakten verdeutlicht Miller ihre Theorie: Der unbewusste Versuch der Autoren dem christlichen Gebot Folge zu leisten und damit über die Grausamkeiten in der Kindheit hinwegzusehen, hieße nichts anderes als Traumata zu ignorieren. Zwar könne man oberflächlich positive Gefühle für die Eltern entwickeln, doch der Körper könne die Erfahrungen nicht verdrängen. Er habe sie registriert, gespeichert und wehre sich. Der Mensch wird krank – die Revolte des Körpers.

Wie sie in ihrem Buch erwähnt, brauchte Miller selbst vierzig Jahre um verdrängte Erinnerungen an Misshandlungen aufzuarbeiten. Sie löste sich von der traditionellen Moral, der sie nicht entsprechen konnte, und den damit verbundenen Schuldgefühlen.

Neben den eigenen Erfahrungen bezieht sich Miller auf Briefe, Biografien und Berichte anderer Opfer, deren Geschichte mit ihrer Theorie übereinstimmen.

Immer wieder macht sie auf die Gefahren aufmerksam, die eine Unterwerfung unter die Diktatur der Moral in sich bergen. So widmet Miller sich in einem nur vierseitigen Abschnitt dem Phänomen der Serienmörder und geht speziell auf die Biografie von Patrice Alègre ein, der mehrere Frauen vergewaltigt und erwürgt hat. Auch hier finden wir eine schlimme Kindheitsgeschichte mit einem gewalttätigen Vater und einer Prostituierten als Mutter, die mit ihrem Sohn nicht nur Inzest beging, sondern ihn auch als Wächter vor der Tür positionierte, wenn sie Kundschaft empfing. Für die Psychoanalytikerin ist der Fall klar: Die Verwirrung, die das sexuelle Verhalten der Mutter auf Alègre bewirkt, löst in dem Jungen den Wunsch aus, seine Mutter, während sie beim Verkehr stöhnt, zu töten. Da er aber den eigentlichen Hass unterdrückt und meint, sie zu lieben, ermodert er an ihrer Stelle andere Frauen.

Die Einfachheit dieser Analyse erscheint fast unglaubwürdig. Millers Argumentation lebt von einer plausiblen Logik, die sich auf alle ihre zahllosen Beispiele anwenden lässt. An scheinbar zu vielen Fällen lassen sich die Konsequenzen aufzeigen, die das Halten an das vierte Gebot mit sich bringt. Es ist wohl das Unkomplizierte, das Zweifel an Millers Theorie aufkommen lässt.

Gleichzeitig beweist die Analytikerin jedoch mit ihren zahlreichen Veröffentlichungen und ihrer langjährigen Forschungsarbeit ihre Unabhängigkeit von traditionellen Normen, indem sie ein altbewährtes System hinterfragt, sich mit einer klaren Begründung dagegen wendet und ihm eine nachvollziehbare und interessante Alternative entgegenstellt. Es ist lohnend, sich mit dieser neuartigen Sichtweise zu beschäftigen, zumal Miller sehr darauf bedacht ist, eine leicht verständliche Sprache zu verwenden. Denn nicht zuletzt ist es ihr Ziel, die Gesellschaft und damit auch Opfer aufzurütteln und für das Problem des vierten Gebots zu sensibilisieren.