Monday, October 29, 2007

Heringe

Da ich wenig Zeit habe (mancheiner, der die Anfänge meines Blogs miterlebt hat und über die Hintergründe der Namensgebung desselbigen bescheid weiß, mag sich an dieser Stelle wundern), aber nicht das Selbstbewusstsein von Sara (s. ihren Beitrag "Blog-Ade") an den Tag lege, möchte ich wenigstens Günter Grass auf meinem Blog über Heringe sprechen lassen. Denn darüber wurde bisher noch nie gesprochen.

Heringe

Grüne Heringe
in Zeitung gewickelt,
trug ich nach Hause.

Sonnig und frostig
war das Wetter.
Hausmeister streuten Sand.

Im Treppenhaus erst
begannen Heringe
die Zeitung zu durchnässen.

So musste ich Zeitungspapier
von Heringen kratzen,
bervor ich Heringe ausnehmen konnte.

Schuppen sprangen
und lenkten mich ab,
weil Sonnenlicht in die Küche fiel.

Während ich Heringe ausnahm,
las ich in jener Tageszeitung,
die feucht und nicht neu war.

Sieben Heringe bargen Rogen,
voller Milch waren vier;
die Zeitung jedoch war an einem Dienstag erschienen.

Schlimm sah es in der Welt aus:
Kredite wurden verweigert.
Ich aber wälzte grüne Heringe in trockenem Mehl.

Als aber Heringe in der Pfanne erschraken,
wollte auch ich düster und freudlos
über die Pfanne hinwegsprechen.

Wer aber
mag grünen Heringen
vom Untergang predigen?

Friday, October 26, 2007

Würmer II

Erst mache ich mich über Wümer lustig, dann bekommt Jerry sie.
Es zwar zwei Uhr nachts als G. mir mitteilte, ich müsse morgen zum Tierarzt. Jerry habe Würmer.
Woher er das weiß?
Naja, er hat sie gesehen.
Jerry hat sich mitten in der Nacht übergeben und neben meinem schon vermissten Ohropax fischte G. auch noch zwei weiße Würmer aus dem Brei, die eher an gekochte Spaghettis erinnerten.
Die steckte er in eine Kaugummischachtel und mit der in der Tasche und Jerry an der Leine ging es heute also mal wieder zum Arzt (wenn ich das mal so überschlage, muss dieses sensible Kerlchen doppelt so oft zum Arzt wie ich).
Der widerum schien sich über die großen Exenplare zu freue. Möglicherweise weil die Eindeutigkeit ihm einige Arbeit abnahm, doch manchmal frage ich mich doch, wo das Mitgefühl bleibt. Nicht mal die leckere Welpenpaste vom letzten Mal durfte der arme Jerry schlecken.
Nach einer kurzen Lektion über die verschiedenen Wurmarten und deren Herkunft, fügen sich für mich einige Puzzleteile zusammen. Jerrys Verhalten erscheint plötzlich so plausibel.
Und ich schätze, dass er in drei Wochen (denn dann ist die Behandlung vorbei) nicht nur von den körperlichen Beschwerden geheilt ist, sondern auch unsere Erziehungsfehler wie ausgewischt sein werden.

Saturday, October 20, 2007

Zitate II

Mein Englischunterricht scheint Jahre her zu sein. Ein paar sind es auch, aber sollte nicht zumindest ein wenig hängen geblieben sein?
Im LK spielten wir "Wetten Dass" oder "Wer wird Millionär". Gewann der Lehrer, bekam er am nächsten Tag die erste Stunde frei, gewannen wir, durften wir länger schlafen. So hatten wir alle etwas davon.
Bei der Vorabiklausur wollte er richtige Prüfungsatmosphäre schaffen, verbreitete Angst, indem er eine neue Sitzordnung ins Leben rief und war dann für eine viertel Stunde, in der wir uns ausführlich über den Text austauschen konnten, verschwunden.
In den letzten drei Jahren habe ich mich vor englischen Büchern und Filmen so gut es ging gedrückt. Gezwungen mich mit der Sprache auseinander zu setzen, wurde ich nie. Und freiwillig tat ich nichts dafür.

Doch es zahlt sich aus.

Für Mittwoch muss ich ein Referat vorbereiten, das nicht ganz so einfach ist, wie ich dachte. Es geht um Erzählperspektiven, -weisen, -typen und so weiter.
Nach gefühlten hundert Seiten deutschen Text, hatte ich gestern Abend einen genauso hohen Stapel Papiere vor mir liegen mit einem englischen Aufsatz.
Gut, so schlimm kann es nicht sein, dachte ich mir und machte mich vor dem Schlafengehen daran, die Seiten durchzuarbeiten.
Mittlerweile habe ich das Ganze zwar durchgelesen, kann aber zum Inhalt nur sagen, dass es eine Kritik zum deutschen Text ist. Was genau gegen den deutschen Text zu sagen ist, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

Da musste ich an einen Satz denken, den ich vor einiger Zeit in einem Buch fand:
"Können Sie sich vorstellen, wir klar unser Denken werden kann, wenn wir es von der Kunst befreien?"
(aus: Die Stadt der träumenden Bücher von Moers)

Dazu kann ich nur sagen: Ja, das kann ich... denn ohne Kunst hätte dieser Text nie geschrieben werden müssen...

Thursday, October 18, 2007

Klingelmännchen

Vor einigen Tagen kam ich abends nach dem Arbeiten nach Hause und musste feststellen, dass unser Hund durchgedreht ist. In einem Affenzahn rannte er von einem Zimmer ins nächste, versuchte zwischendurch einen meiner Füße zu beißen und war wieder verschwunden.
Wir versuchten ihn ruhig zu bekommen, redeten auf ihn ein bis ich so genervt war, dass für mich nur noch ignorieren in Frage kam.
G. setzte meinen Vorschlag sofort in die Tag um, überschlug seine Beine, drehte Däumchen und pfiff mit dem Kopf im Nacken vor sich hin.
Ich musste an die Comics denken, die ich früher gelesen hatte. Ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass mein gesamtes kindliches Wissen aus Comics oder Trickfilmen kommt, doch für einen kleinen Teil mag das zutreffen.
Hätte ich mich für die lateinischen Redewendungen aus Asterix spezialisiert oder mir die gutherzigen Sprüche von Tick, Trick und Track zu Herzen genommen, wäre die ganze Geschichte möglicherweise auch nicht so fragwürdig, aber im Nachhinein zweifel ich selber etwas an der Auswahl meiner Erkenntnisse.
Es mag so in der ersten Klasse gewesen sein, als wir als Lieblingsspiel "Klingelmännchen" auserkoren hatten.
Regelmäßig auf dem Nach-Hause-Weg arbeiteten wir eine gewisse Anzahl von Häusern ab und hatten einen Heidenspaß dabei die blöden Gesichter zu beobachten.
Ein paar Häuser waren schwierig. Eins davon lag nicht weit von der Schule. Es war weiß, an mehr erinner ich mich nicht. Nur dass die Besitzern berüchtigt für ihre schlechte Laune war (was mich aus heutiger Sicht nicht weiter erstaunt).
Wir klingelten und rannten den Weg zurück. Das war unsere Taktik. Wenn wir zurück rannten, könnten wir einfach so tun, als kämen wir gerade erst am Haus vorbei.
Die Frau war schnell, hatte die Tür geöffnet als wir vorbei kamen und schaute verwirrt herum.
Jetzt konnte ich mein Wissen anweden. Ich faltete meine Hände hinterm Rücken, warf meinen Kopf in den Nacken und pfiff vor mich hin.

Meine Güte habe ich Ärger bekommen.

Und dazu quälen mich einige Fragen:
Warum hat das bei Donald Duck immer so wunderbar funktioniert?
Wann habe ich das Pfeifen verlernt?
Und vor allem: war ich wirklich mal so naiv?

Saturday, October 13, 2007

Würmer

Vor einer Woche fand ich das Buch "Die Urwald-Hebamme" von Ilse Roennpagel in unserem Briefkasten.
Eigentlich habe ich den Eindruck, dass ich an Missionarsberichten aus dem Ausland für den Rest meines Lebens ausgesorgt habe, doch da die Autorin mit Gabriels Eltern in Brasilien gearbeitet hat und ich sie auf unserer Hochzeit kennen lernen durfte, fühlte ich mich verpflichtet, doch mal einen Blick reinzuwerfen.
So stand ich dann gestern bei der Arbeit, versteckte das Buch zwischen den Papiertüten und fing an zu lesen, immer in der Erwartung, dass mein Chef gleich um die Ecke kommt.

Und nach einiger Zeit fand ich auch eine ganz nette Passage:
"Ganz stolz erzählte mir eine Mutter, deren Kind ich Wurmmittel verabreicht hatte, dass ihr Kind viele Würmer verloren habe. Damit das Kind jedoch nicht plötzlich ohne Würmer sei, habe sie schnell aufgehört, die Medizin zu geben. "Ein paar Würmer muss der Mensch doch bei sich behalten", so lautete ihre einfache und logische Erklärung."

Ganz nach dem Motto: "Wer Würmer hat, ist nie allein."

Eine Geschichte...

...wie aus dem Fernsehen.

Seitdem ich in Marburg wohne, geschehen keine seltsamen Dinge mehr. Ich finde keine pinken Turnschuhe mehr vor meiner Wohnungstür, werde selten von irren Menschen auf der Straße angequatscht und mein Spinnenproblem scheint sich auch geklärt zu haben (Oder hecken sie gerade einen Plan aus, wie sie mich am geschicktesten fertig machen können? Gerade lese ich "Der Schwarm"... da ist diese Idee naheliegend.)
Das mag auf den ersten Blick doch eigentlich beruhigend erscheinen und wenn ich darüber nachdenke ist es das auch.
Nur mein Blog leidet darunter, weil mir die Themen ausgehen.

Doch manchmal profitiert man doch von Geschichten anderer.

Vor zwei Wochen stand ich samstags in der Bäckerei und langweilte mich. Es gibt Tage, an denen man vor Stress nicht weiß, was man zuerst tun soll und dann gibt es welche, an denen man rumsteht und steht, sich einen Kaffee macht, eine Brezel isst, weiter steht und höchstens putzen könnte, dann aber doch lieber einfach nur steht.
Letzteres war der Fall am besagten Samstag.
Also rief ich G. an um ein wenig zu quatschen.
Doch ich kam gar nicht zu Wort, denn er hatte eine witzige Geschichte auf Lager.

Am Morgen wollte er kurz mit dem Hund in den Garten. Die Wohnungstür hatte er aufgelassen und die Haustür nur so angelehnt, dass er wieder reinkam.
Doch als Jerry mit seinem Geschäft fertig war, ließ sich die Tür nicht mehr öffnen.
Keine Panik, dachte er sich. Erstmal bei den Nachbarn durchklingeln.
Der Mann von oben war nie da, die zwei Studenten hatten Semesterferien und bei der Nachbarin neben uns haben wir die Vermutung, dass die Klingel nicht funktioniert oder aber dass sie uns nicht leiden kann (wahrscheinlicher ist letzteres).
Einen klaren Kopf behalten hieß die Devise.
Kein Handy in der Tasche, Jerry an der Backe und keinen Schlüssel.
UND: eine laufende Badewanne! (denn Jerry hatte mein Kopfkissen vollgepinkelt und das wollte er waschen)
Jetzt hieß es doch Eile.
Vielleicht kam er durch den Keller rein. G. lief einmal ums Haus und musste feststellen, dass Gitter vor den offenen Fenster waren.
Die Balkontür war auch zu...
Und das Wasser war noch nicht unter der Tür rausgelaufen...
Also blieb ihm nichts anderes übrig als den Schlüsseldienst zu rufen, was ohne Telefon nicht das einfachste war.
Beim Nachbarhaus hatte er Glück. Eine Frau öffnete und schlug vor, erstmal ihren Haustürschlüssel zu nehmen und zu versuchen in unser Haus reinzukommen.
Es klappte (was zwar Glück war, doch auch einige Fragen aufwirft...).
Schon dachte er, die Situation wäre überstanden... als er merkte, dass die Wohnungstür zugefallen war.

Also doch der Schlüsseldienst, der das Ganze noch rettete, bevor das Wasser überlief und weniger Geld haben wollte als vermutet.

Als G. an der dickgedruckten Stelle ankam war ich schon schweißgebadet und meine Kollegin schaute mich mitleidig und neugierig an.
Und bei der ersten Erwähnung des Schlüsseldienstes dachte ich an unseren Kontostand und es war alles vorbei.
Bei solchen Geschichten wäre es doch immer günstiger das Ende an den Anfang zu setzen oder zumindest schonmal im Vorhinein zu verraten, dass es keinen Grund gibt, mich aufzuregen.

Sunday, October 07, 2007

Frau Welt

Frau Welt

Ich bin
zur Welt
gekommen
und bin nun
endlich so weit

laut
zu fragen
wie ich
dazukomme
zu ihr zu kommen

Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon
im Gehen

(Erich Fried)

Saturday, October 06, 2007

Zukunftspläne

"Und was machst du jetzt so?" wird wohl mein persönlicher Unsatz des Jahres!
Was mache ich so? Ich habe nach dem Abi ein wenig rumstudiert, größtenteils rumgegammelt und meine Ausbildung hingeschmissen. In der Zwischenzeit bin ich von einem Amt zum nächsten geschickt worden, musste mir allerlei nette Ausreden anhören bis ich schließlich heraus finden musste, dass ich der einzige Mensch in Deutschland bin, der arm aber nicht barfögberechtigt ist, dass es kein Amt gibt, das für mich zuständig ist, weil es ja schließlich schon das Bafögamt ist und die restliche Zeit meines trostlosen Daseins habe ich mit Grübeln verbracht, was meine Zukunft betrifft.

Und jetzt, da mein Studium am Montag beginnt, besinne ich mich auf meine Kindheitsträume.
Welche Antwort schrieb ich in die Poesiealben bei der Frage: Traumberuf.
Wo sah ich mich als Erwachsener?
Was wollte ich werden.

Da gab es nur eins.
Donald Duck im Walt Disney Land.
Eine der vielen Figuren, die durch die Gegend laufen und kleine Kinder knuddeln, auf allen Fotos mit drauf kommen und sogar im Fernsehen sind.

Als mir gesagt wurde, dass es kein gut bezahlter Job ist und dass ich mir das nochmal anders überlegen würde, weil es unter den Kostümen fürchterlich heiß sein soll, hatte ich dafür nur ein müdes Lächeln übrig.
Ich meine, was war cooler als Donald Duck?
Höchstens noch Mickey Mouse. Aber ich hatte noch ein paar Jahre mich zu entscheiden, welchen von beiden ich toller fand.

Und wie gesagt... jetzt, wo ich mich daran erinnere, frage ich mich, wieso ich meine Träume eigentlich nicht lebe.
Ich meine, wie sagen die Leute doch immer: "Träume nicht dein Leben. Lebe deinen Traum."

Es tut wirklich gut meine Vorstellungen mal in Worte zu formulieren. Das Unmögliche wird damit so greifbar.
Ich denke, gleich Montag werde ich mich mit dem Walt Disney Land in Verbindung setzen.
Da wollte ich ohnehin immer mal hin...

Thursday, October 04, 2007

Eiffelturm

Als Kind hat man ja manchmal seine ganz eigenen Vorstellungen und Theorien, was die Welt betrifft.
Jahre lang lebte ich in dem Glauben, dass Schornsteine einzig und allein den Zweck erfüllen, die Wolken herzustellen. Manchmal wunderte ich mich darüber, dass aus dem grauen Rauch wunderschöne Schäfchen-Watte-Bällchen entstehen konnten, aber über diese kleine Lücke im System konnte ich hinweg sehen.
Man sollte meinen, dass ich als wissbegieriges Kind nur so darauf brannte die Wahrheit über die Natur zu erfahren. Doch als ich Daddy über meine Erkenntnis ins Bild setzte, musste er lachen und versuchte mir zu erklären, wie sich die Sache mit der Wolkenbildung tatsächlich verhält.
Was für eine Enttäuschung!
Wasser verdunstet... zieht in die Luft und dann gibt es dort oben Wolken? Das war doch Quatsch!

Ähnlich erging es mir mit der Sache mit dem Eiffelturm. Das Ding kannte ich nur aus Comics. Im Prinzip hatte ich keine Ahnung, was daran so toll sein sollte. Schließlich standen die Teile überall rum. Sogar in unserer Siedlung stand einer davon.
Wenn ich genau darüber nachdachte gab es eine ganze Menge von diesen Eiffeltürmen. Wenn wir mit dem Auto wegfuhren, konnte ich so viele davon sehen, dass ich mich gar nicht entscheiden konnte, welcher denn nun der Richtige war...
Es war mir ein Rätsel.
Aber ich traute mich nicht zu fragen. Jeder wusste, was der Eiffelturm war. Und wo er stand.
Und wenn wir an den ganzen Eiffeltürmen vorbei fuhren gab es keine Touristen, niemand schaute sich danach um.

Als ich erfuhr, dass die Eiffeltürme, die ich für welche hielt, in Wirklichkeit Strommäste waren, und die wahre Sehenswürdigkeit in Paris stand, wo ich demnächst nicht hinfahren würde, war ich beruhigt. Jetzt brauchte ich mich für keinen mehr entscheiden und war in den Kreis der Wissenden aufgenommen.