Saturday, June 30, 2007

Spinne IV

Zwar habe ich mich nie der Illusion hingegeben, dass ich meine Spinnenangst durch bloßes Ignorieren bewältigen würde, doch meine Spinnentriologie aus dem letzten Jahr hielt ich bis vor einigen Tagen für ein abgeschlossenes Werk, ein fast ins Vergessen geratener Auszug meines Lebens.
Doch seitdem Gabriel und ich umgezogen sind, muss ich mich meinen Ängsten wieder stellen. Unser Vormieter hatte es nicht für nötig gehalten, die Wohnung zu säubern und so hatte ich alle Hände voll zu tun die Spinnweben mitsamt ihren Bewohnern zu beseitigen.
Die Arbeit verfolgt mich bis in die Nacht. Eine Eintrittskarte in meine Träume bekommt jeder, der sich "Insekt" schimpft und eine Unzahl an dürren Beinchen hat. Und wenn erstmal alle versammelt sind, beginnt das große Krabbeln. Die Tiere tyrannisieren mich so lange bis ich beginne mit meiner Bettdecke um mich zu schlagen um jedes kleinste Beinchen, das sich in meine Nähe wagt, kalt zu machen.
Aber mir soll es in diesem Beitrag nicht um meine Albträume gehen, sondern um die Realität, die in ihrer Grausamkeit meinen nächtlichen Phantasien in nichts nachsteht.
Ganz im Gegenteil. Sie übertrifft sie.
Da an meinem Schreibtisch einzelne Teile beim Umzug verloren gegangen sind, musste wir ihn an der Wand festschrauben damit er genug Halt hat.
Mit meinen Erfahrungen war mir sofort klar, dass sich unter dem Schraubtisch ein ideales Versteck für allerlei Getier befand. Es war dunkel und die Tiere waren ungestört.
Also bereitete ich mich auf den Fall vor, dass ich eines Tages unten in der Ecke einen Weberknecht antreffen würde. Bevor ich mich also an den Laptop setzte, warf ich jedes Mal einen kurzen Blick unter den Tisch.
Die ersten Tage passierte gar nichts. Doch gestern traf das Erwartete ein. Eine ekelhafte Spinne klebte mit ihren Beinen an der Wand. Genau an der Stelle, an der ich sie vermutet hatte.
Ich fühlte mich überlegen. Ich hatte es geschafft, sie aufzuspüren. Doch ihr blieb keine Zeit sich mit ihrer Niederlage zu beschäftigen, denn innerhalb weniger Sekunden hatte ich sie mit dem Staubsauger eingesaugt.
Stolz und mit dem grenzenlosen Gefühl von Sicherheit setzte ich mich an den Tisch und begann zu schreiben.
Doch mit einem Mal bekam ich einen Einfall. Spinnen hängen doch gerne auf den Kopf. Diese Eigenschaft erinnert mich irgendwie an Fledermäuse (die nebenbei bemerkt auch keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würden).
Was, wenn die Spinnen es sich auch direkt unter der Tischplatte gemütlich gemacht haben? Dort, wo ich sie bei einem kurzen Blick unter den Tisch gar nicht gesehen haben konnte?
Ich musste sofort nachschauen. Wir hatte ich nur so naiv sein können? Spinnen sind doch nicht dumm!
Und ich hatte recht! Ganz hinten in der Ecke hing noch ein Weberknecht. Der Staubsauger war noch nicht weggeräumt und so war auch das Exemplar schnell in der Staubtüte verschwunden.
Ich machte mich wieder an meinen Text und versuchte meinen Ekel abzuschütteln.
Gut, Maren. Das hast du wirklich sehr gut gemeistert. Aber jetz geh noch mal alle Möglichkeiten durch. Hast du überall nachgesehen?
Und dann war mir klar: Spinnen konnten auf beiden Seiten der Tischplatte hängen. Links hatte ich nachgeschaut. Doch wie sah es rechts aus? Wer weiß schon, wieviele dieser Viehcher sich während der Renovierungsarbeiten verstecken konnten.
Langsam rollte ich mit dem Stuhl zurück um besser und vor allem in größerer Entfernung einen kurzen letzten Blick unter den Tisch zu werfen.
Und was musste ich. auf der rechten Seite, entdecken?
Ein böser, fieser und widerwertiger Weberknecht, der mich in aller Ruhe anstarrte. Ich wollte ihn totschlagen, ihn abmurksen, ihn um die Strecke bringen. Ich war so wütend.
Doch ich wollte ihn nicht anfassen und so fand er den gleichen Tod wie seine Vorgänger.

Wer denkt, dass die Geschichte an dieser Stelle überstanden und vorbei ist, wer meint, er könnte aufatmen und sich wieder den schönen Dingen des Lebens widmen, der hat sich geschnitten.
Denn an dieser Stelle ist noch nichts überstanden.

Heute Morgen wollte ich meine E-Mails checken. Natürlich stand der Laptop auch zu diesem Zeitpunkt auf dem besagten Schreibtisch. Ich setzte mich. Und dachte über das gestrige Erlebnis nach.
Könnte es denn sein, dass noch eine vierte Spinne auftaucht?
Nein, das war paranoid. Ich sollte mich etwas beruhigen und mich auf andere Dinge konzentrieren.
...
Andererseits sollte man seine paranoiden Vorstellungen manches Mal auch zulassen und sich Gewissheit verschaffen. Nur um dann festzustellen, dass die Phantasie mit einem durchgegangen ist und daraus für die Zukunft zu lernen.
Also beugte ich mich runter und schaute mir die Platte genau an. Ich brauchte nicht lang um das dreiste Tier zu finden. An der gleichen Stelle wie Weberknecht Nummer zwei hing es kopfüber unter dem Tisch.

Der Staubsauger bleibt so lange in Reichweite bis das Problem überstanden ist...
Und ich werde jetzt in die sichere Küche verschwinden.

Friday, June 29, 2007

Gedankensprünge

Gestern Abend fand ich einen sehr passenden Satz im Buch "Die Stadt der träumenden Bücher" (Ja, dieses Buch scheint mich sehr beeindruckt zu haben. Es ist schon das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass ich da darüber schreibe.).
Nachdem die zentrale Figur, der Dichter Hildegunst von Mythenmetz eine äußerst bedrohliche Etappe seiner Reise hinter sich gebracht hatte, malte er sich die nächsten schrecklichen Eventualitäten aus. Im Buch heißt es an dieser Stelle:
"Jetzt, da die Lebensgefahr überstanden war, meldeten sich wieder meine kreativen Ängste."

"Kreative Ängste" scheint mir ein sehr passender Begriff für diese Art Problem zu sein. Gibt es gerade keine realen Schwierigkeiten, die das Leben kompliziert machen, steigert man sich in Ängste hinein.

Dazu fiel mir folgendes Zitat aus "Veronika beschließt zu sterben" von Paolo Coelho ein:
"Wenn eine Gemeinschaft vor einem großen Problem stand, beispielsweise einem Krieg, einer Hyperinflation oder einer Seuche, stieg die Anzahl der Selbstmorde leicht an, während Depressionen, Paranoia und Psychosen deutlich abnahmen. Sobald das Problem überwunden war, normalisierte sich alles wieder, Dr. Igor zufolge ein deutlliches Zeichen dafür, dass Verrücktheit ein Luxus war, den man sich nur unter bestimmten Voraussetzungen leisten konnte."

Ein Luxus muss das nicht immer sein, wie Gabriel mir gestern Abend erklärte.
Wenn Ausländern mit Abschieben gedroht wird, gibt es eine interessante Möglichkeit, sich davor zu drücken.
Sind diese Menschen nämlich schon einmal von einem Psychiater behandelt worden bzw. waren schonmal in einer psychiatrischen Anstalt und haben dadurch eine Bescheinigung vom Art, dass sie unter seelischen Krankheiten leiden, verlängert sich ihre Aufenthaltsgenehmigung um drei weitere Jahre.

Wednesday, June 27, 2007

Der erste Satz

Wenn ich mir in der Bücherei Romane aussuche, überfliege ich den Klappentext nur. Meistens öffne ich die erste Seite um mir den Schreibstil anzuschauen. Oft sind die ersten Sätze entscheidend dafür, ob ich das Buch lesen möchte oder es doch lieber zurück ins Regal stelle.
Dass dieses Auswahlverfahren den Bemühungen der Autoren nicht gerecht wird und dass der erste Satz häufig gar nicht repräsentativ für das gesamte Werk ist, ist zwar für mich keine neue Erfahrung, doch aus irgendeinem Grund hat diese theoretische Erkenntnis keinen Einfluss auf mein praktisches Leben.

Eine der wenigen Ausnahmen ist Dostojewskis "Schuld und Sühne". Der erste Satz lautet: "Anfang Juli, an einem ungewöhnlich heißen Tag, verließ ein junger Mann gegen Abend die Kammer, die er in der S.-Gasse in Untermiete bewohnte, trat auf die Straße und ging langsam, gleichsam unentschlossen, in Richtung der K.-Brücke fort."
Dieser Satz ist repräsentativ für das gesamte Buch. Der Stil wird bis zur letzten Seite fortgesetzt und es hat mich drei Anläufe gekostet, es tatsächlich durchzulesen. Als ich das Buch dann aber zugeschlagen hatte, war der Titel sofort ganz oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher.

Ich denke darüber nach, mir ein anderes Auswahlverfahren zu überlegen.

Und ich musste darüber nachdenken, welcher erste Satz aus einem Buch mich tatsächlich überzeugt hat. Erstaunlicherweise hat es nicht lange gedauert bis ich den Gewinner ermitteln konnte. Es ist "Die Verwandlung" von Kafka. Ein unheimliches und ekeliges Buch, das ich zwar gerne gelesen habe, aber ungern interpretieren möchte.
Und hier der erste Satz: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt."

Erhebt jemand Einspruch gegen die Erstplatzierung?

Die Plätze zwei und drei sind noch zu vergeben...

Monday, June 25, 2007

Charme

Dass Jonny mit seinem Charme die Lehrer um den Finger gewickelt und sich sein Abitur mit grenzenlosem Desinteresse redlich verdient hat, ist zwar bekannt, doch für manche bleibt es ein Mysterium. Um in die Tiefen des Geheimnisses vorzudringen und stückweise das "Gesamtkunstwerk" (ein maßgeblich von Trógó geprägter Begriff) zu begreifen, sollte dieser Beitrag von Nutzen sein.

Phantasie

Zur Zeit lese ich "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers.
"Ausgezeichnet mit dem Phantastik-Preis 2005 der Stadt Wetzlar" - Ein Satz, den ich auf dem Klappentext überlesen haben muss, denn es kostete mich einige Seiten bis ich akzeptieren konnte, dass in dem Buch keine realistischen Lebewesen auftauchen. Die Figuren sind ein wirres Gemisch aus Phantasiegestalten und Tieren, die mit menschlichen Zügen ausgestattet sind.
Zur Veranschaulichung möchte ich eine Beschreibung von der Gattung der "Haifischmade" zitieren:
"Ich hatte schon ein paar Vertreter dieser Daseinsform in Buchhaim gesehen, aber das hier war ein besonders beeindruckendes Exemplar. Der Madenköper wirkte grotesk, mit seinen vierzehn dürren Ärmchen und dem halslosen Kopf mit Haifischgebiss. Die Kuriosität der Erscheinung wurde auch nicht durch die Tatsache gemindert, dass sie einen Imkerhut trug."
Die zahlreichen Illustrationen, die sich durch das Buch ziehen, sollten mir eine Hilfe sein mich in die Phantasiewelt rein zu denken.
Doch sobald ich die Beschreibung gelesen habe, verwandelt sich diese Haifischmade für mich in einen Menschen, der zwar vom Äußeren gewisse Ähnlichkeiten zu einer Made aufweist (ihr wisst schon: milchige, zu weiche Haut, das Fett am Bauch rollt sich übereinander usw.), aber in meinem Kopf bleibt das Wesen ein Mensch.

Ich scheine weder in der Lage zu sein mir phantastische Welten vorzustellen (es sei denn sie werden mir wie in dem Film "Herr der Ringe" vor die Nase gesetzt, ohne dass mein Hirn noch beansprucht wird), noch kann ich selber welche erschaffen.
Es fällt mir sogar schwer realistische Geschichten zu erfinden. Alles, was ich bisher geschrieben habe, ist wirklich passiert. Und selbst Kurzgeschichten, die ich für die Schule schreiben musste, hatten einen gewissen biographischen Kern.

Zu fragen, worin dieses Unvermögen seinen Ursprung findet, erscheint mir irrelevant.
Viel mehr würde mich interessieren, ob ich schöpferische Phantasie trainieren kann...

Sunday, June 24, 2007

Knochen

Heute auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause lief ich an einem doch etwas angsteinflössendem Schild vorbei, dass an einem Gartenzaun hing:

"Vorsicht.
Unser Hund frisst Knochen.
Auch Ihre."

Friday, June 22, 2007

Das Brot

Diese Geschichte von Wolfgang Borchert ist mir in der Schule hängen geblieben, auch wenn wir uns gar nicht lange damit auseinander gesetzt haben.
Sie schafft so eine trostlose Atmosphäre und ein ekelhaftes Mitleid, dass es unangenehm ist, sie zu Ende zu lesen.

Und trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) gefällt sie mir total gut!

Das Brot

Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still, und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei. Sie sah etwas Weißes am Küchenschrank stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche.
Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg.
"Ich dachte, hier wäre was," sagte er und sah in der Küche umher.
"Ich habe auch was gehört," antwortete sie, und dabei fand sie, dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt.
"Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuß auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich noch."
Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. Dass er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren.
"Ich dachte, hier wäre was," sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andere, "ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was."
"Ich habe auch was gehört. Aber es war wohl nichts." Sie stellte den Teller vom Tisch und schnappte die Krümel von der Decke.
"Nein, es war wohl nichts," echote er unsicher.
Sie kam ihm zu Hilfe: "Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest dich noch. Auf den kalten Fliesen."
Er sah zum Fenster hin. "Ja, das muss wohl draußen gewesen sein. Ich dachte, es wäre hier."
Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muss das Licht jetzt ausmachen, sonst muss ich nach dem Teller sehen, dachte sie. Ich darf doch nicht nach dem Teller sehen. "Komm man," sagte sie und machte das Licht aus, "das war wohl draußen. Die Dachrinne schlägt immer bei Wind gegen die Wand. Es war sicher die Dachrinne. Bei Wind klappert sie immer."
Sie tappten sich beide über den dunklen Korridor zum Schlafzimmer. Ihre nackten Füße platschten auf den Fußboden.
"Wind ist ja," meinte er. "Wind war schon die ganze Nacht."
Als sie im Bett lagen, sagte sie: "Ja, Wind war schon die ganze Nacht. Es war wohl die Dachrinne."
"Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne." Er sagte das, als ob er schon halb im Schlaf wäre.
Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log. "Es ist kalt," sagte sie und gähnte leise, "ich krieche unter die Decke. Gute Nacht."
"Nacht," antwortete er und noch: "ja, kalt ist es schon ganz schön."
Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, dass sie noch wach war. Aber sein Kauen war so regelmäßig, dass sie davon langsam einschlief.
Als er am nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können.
"Du kannst ruhig vier essen," sagte sie und ging von der Lampe weg. "Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iss du man eine mehr. Ich vertrage es nicht so gut."
Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er ihr leid.
"Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen," sagte er auf seinen Teller.
"Doch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. Iss man. Iss man."
Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.

Thursday, June 21, 2007

Schnipp schnapp

Schon seit einiger Zeit quälen mich Probleme mit meinen Haaren. Zwar mussten diese einiges durchmachen. Es ging von blond über karottenorange bis zu einem unheimlichen Grünton, den ich trotz mehrerer Färbungen und Tönungen nicht vertreiben konnte. Zum Schluss musste ich zum Frisör, der mir ein metalliges Braun verpasste, das keine sichtbare Verbesserung darstellte, mich aber trotzdem 20 Euro kostete.
Aber dass sie sich jetzt so rächen, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Sie haben sich verbündet und sich gegen mich verschworen.
Sie verknoten sich.
Und ich meine nicht stinknormale Knoten, die man mit einer Bürste oder einen Kamm wieder raus bekommt.
Nein, diese Knoten sind beängstigend. Trotz täglicher Wäsche und Pflege gehe ich abends mit einem oder mehreren Dreads ins Bett.
Ganze Büschel sind ineinander verworren. Und es bereitet unglaubliche Schmerzen, sie glatt zu kämmen.
Tag für Tag wiederholt sich diese Prozedur. Fast hatte ich mich daran gewöhnt.

Bis ich gestern vor einem Disaster stand. Dieses Haarkneuel nahn bösartige Züge an.
Mit Gewalt versuchte ich diesen dicken Dread zu zerstören, ihn fertig zu machen. Er sollte leiden und für immer verschwinden.
Doch ich hatte keine Chance. Es war nichts mehr zu machen.
Es war so weit. Ich musste zu anderen Mitteln greifen.
Entschlossen lief ich in die Küche und holte die größte Schere, die wir besitzen (mal abgesehen davon, dass es auch die einzige ist, die ich beim Auspacken der Kartons wiedergefunden habe).
Der Dread musste ab. Und zwar ganz.

Ich habe zurück geschlagen! Ich habe meinen Haaren gezeigt, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat.
Jetzt habe ich zwar eine Strähne verloren, doch vielleicht konnte ich die Machtfrage klären.

Wednesday, June 20, 2007

Aufhebung


(das Bild ist aus Kiel)


Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können

tief ausatmen
so dass man wieder
einatmen kann

Und vielleicht auch sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte

Und weinen können

das wäre schon
fast wieder
Glück

(Erich Fried)

Tuesday, June 19, 2007

Fast ironisch

Beim Sortieren meiner Briefe und anderen wichtigen Unterlagen, die ich jahrelang aufbewahren, vermutlich aber niemals brauchen werde, fand ich ein "Lyrikheft".
In der elften Klasse gab es keine Klassen mehr, sondern nur noch Kurse, was nichts anderes hieß als: andere Leute, andere Atmosphäre.
Ich fand das super. Es gab ein Gefühl der Freiheit nicht mehr jeden Tag mit den gleichen Menschen in einem Raum zu verbringen, sonderen jede Stunde andere Gesichter zu sehen und neue Freunde zu finden.
Für meine Klasse bedeutete das totale Entfaltung. Mein Klassen- und Englischlehrer, der uns von der fünften bis zur elften Klasse begleitet hat, war zwar ein sehr guter Lehrer und ein beeindruckender Mensch, doch gleichzeitig auch so respekteinflößend, dass die meisten von uns so eingeschüchtert waren, dass sie sich nur meldeten, wenn sie sich ganz sicher waren, dass die Antwort richtig ist.
Wenn eine Filmzusammenfassung mit 100 Worten verlangt wurde, schrieben wir 100 Worte. Und zwar genau. Dabei zählte "isn't" als zwei Worte. Und fehlten welche, suchten wir Füllwörter.
Fehlte das Datum bei den Hausaufgaben, wurden diese durchgestrichen und mussten zur nächsten Stunde nochmal abgegeben wurden. Wenn man sich meldete, musste die Antwort perfekt sein, sonst wurde so lange nachgehakt, dass man sich schon aus Nervösität nicht mehr konzentrieren konnte.
Als ich dann in den Englisch LK mit den anderen Klassen zusammen kam, war ich geschockt über die Aussprache und die Grammatik der anderen. Und am krassesten war es, dass sie sich ohne vorher zu überlegen meldeten. Manchmal dachten sie erst über die Antwort nach, wenn sie dran genommen wurden. Und das Resultat war teilweise erschreckend.
In dem LK saßen noch drei weitere Schüler aus meiner alten Klasse. Meine Nachbarin und ich haben es bis zum Ende nicht geschafft, uns mündlich zu beteiligen.
Aber am schrecklichsten war mein Deutschkurs in der elften Klasse. Dort häuften sich die komischen Leute und der ganze Kurs war fies zu meiner Sitznachbarin.
Ich war wohl mehr abwesend als anwesend. Und wenn ich dort auftauchte, kam ich zehn Minuten zu spät (Dienstags hatte ich vorher eine Freistunde und Donnerstags zur ersten kam ich nicht aus dem Bett).
Meine Lehrerin liebte Bücher, Gedichte, Sätze, einzelne Worte. Vielleicht war sie sogar in die kleinen Buchstaben verliebt.
Immer wieder versuchte sie uns zu animieren mehr zu schreiben und eine Liebe für die deutsche Sprache zu entwickeln.
Ich schätze, ich bin trotz meiner anfänglich so großen Antipathie (die ich zugegebenermaßen auch nicht versucht habe vor ihr zu verstecken) die einzige, bei der sie es geschafft hat.
Bei einem ihrer Deutschprojekte (sie vermied es konsequent ihren Unterricht vorzubereiten) durften wir uns aussuchen, ob wir ein Gedicht schreiben oder ein, von einem Schüler geschriebenes, Gedicht interpretieren wollten. Daraus sollte dann das Lyrikheft entstehen.
Da ich mir Arbeit ersparen wollte, meldete ich mich für ein eigenes Gedicht.
Und so kam mein erstes Gedicht zu Stande:

Fast ironisch strahlte die Sonne
Über den Köpfen der Frauen.
Und als wäre es ihm eine Freude
Lachte er über dieses Grauen.

Sein so gleichgültiger Blick
Widerte die Frauen an.
Und das knochige Gesicht
Schien ohne Leben zu sein.

Alle Hoffnung war plötzlich begraben
Als sie – laut angeschrieen
Und behandelt wie Küchenschaben –
Schnell zusammen gescheucht wurden.

In einer Reihe standen sie
Die Augen angstvoll zu Boden gerichtet.
So wurden wie durchbohrt
Vom kalten Blei – von der Sonne belichtet.

- zapp –

Ich schaltete den Fernseher aus
Und ging einkaufen.

Sunday, June 17, 2007

Versprecher

Heute war ich in einem sehr amüsanten Familiengottesdienst.

Nach einer netten Vorsprache, die zur Kindersegnung hinführen sollte, bei der auch nochmal die Meinung der Feg zur Kinderegnung deutlich gemacht wurde, erlaubte sich der Pfarrer folgenden Versprecher: "Ich bitte Sie, dass Sie zum Beten aufer... äh... aufstehen."

Weiter ging das Programm mit einigen Kinderliedern.
Eine gut gelaunte Frau versuchte die Besucher mit netten Sprüchen zum Mitsingen zu animieren, was ihr auch gut geling. Als dann aber noch eine Choreographie dazu kam, schienen wir wohl etwas überfordert und die Frau hielt es für angebracht einige aufmunternde Worte an und zu richten.
Sätze wie "Was in diesen vier Wänden gesagt wird und geschieht, bleibt in diesen vier Wänden!" kenne ich aus dem Fernsehen und warte immer noch darauf, sie mal im wahren Leben anwenden zu können.
Doch jetzt kann ich noch einen weiteren Spruch in meine Sammlung der Sätze aufnehmen, für die ich vermutlich niemals eine passende Gelegenheit finden werde.
Sie lächelte freundlich und sagte: "Vergessen Sie nicht: Dies ist ein Familiengottesdienst. Was hier geschieht, haben wir in einer Stunde wieder vergessen."

(Deswegen muss ich diesen Beitrag schnell veröffentlichen - das Ganze ist schon fast eine Stunde her.)

Friday, June 15, 2007

Mein Herz, mein Herz...

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;
Ich stehe, gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fließt der blaue
Stadtgraben in stiller Ruh;
Ein Knabe fährt im Kahne,
Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erheben sich freundlich,
In winziger, bunter Gestalt,
Lusthäuser, und Gärten, und Menschen,
Und Ochsen, und Wiesen, und Wald.

Die Mägde bleichen Wäsche,
Und springen im Gras herum;
Das Mühlrad stäubt Diamanten,
Ich höre sein fernes Gesumm.

Am alten grauen Turme
Ein Schilderhäuschen steht;
Ein rotgeröckter Bursche
Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,
Er präsentiert und schultert -
Ich wollt, er schösse mich tot.


(Heinrich Heine 1797-1856)

Monday, June 11, 2007

Hilfestellung

An die Lehrer des Bibelseminars:

Definition (Meyers großes Taschenlexikon):

Ironie [zu griech. eroneia "Vorstellung, Scheinheiligkeit, Vorwand"], bedeutet eine Redeweise, bei der das Gegenteil des eigtl. Wortlauts gemeint ist (...)

Sarkasmus [griech., zu "sarkázein "zerfleischen"], beißender Spott, ins Extrem gesteigerte Ironie; auch Stilfigur (v.a. in der Antike, u.a. bei Demosthenes, aber auch in der Moderene, u.a. bei K. Kraus).

Diese beiden Stilmittel bitte ich beim Lesen meines Blogs zu beachten.