Spinne IV
Doch seitdem Gabriel und ich umgezogen sind, muss ich mich meinen Ängsten wieder stellen. Unser Vormieter hatte es nicht für nötig gehalten, die Wohnung zu säubern und so hatte ich alle Hände voll zu tun die Spinnweben mitsamt ihren Bewohnern zu beseitigen.
Die Arbeit verfolgt mich bis in die Nacht. Eine Eintrittskarte in meine Träume bekommt jeder, der sich "Insekt" schimpft und eine Unzahl an dürren Beinchen hat. Und wenn erstmal alle versammelt sind, beginnt das große Krabbeln. Die Tiere tyrannisieren mich so lange bis ich beginne mit meiner Bettdecke um mich zu schlagen um jedes kleinste Beinchen, das sich in meine Nähe wagt, kalt zu machen.
Aber mir soll es in diesem Beitrag nicht um meine Albträume gehen, sondern um die Realität, die in ihrer Grausamkeit meinen nächtlichen Phantasien in nichts nachsteht.
Ganz im Gegenteil. Sie übertrifft sie.
Da an meinem Schreibtisch einzelne Teile beim Umzug verloren gegangen sind, musste wir ihn an der Wand festschrauben damit er genug Halt hat.
Mit meinen Erfahrungen war mir sofort klar, dass sich unter dem Schraubtisch ein ideales Versteck für allerlei Getier befand. Es war dunkel und die Tiere waren ungestört.
Also bereitete ich mich auf den Fall vor, dass ich eines Tages unten in der Ecke einen Weberknecht antreffen würde. Bevor ich mich also an den Laptop setzte, warf ich jedes Mal einen kurzen Blick unter den Tisch.
Die ersten Tage passierte gar nichts. Doch gestern traf das Erwartete ein. Eine ekelhafte Spinne klebte mit ihren Beinen an der Wand. Genau an der Stelle, an der ich sie vermutet hatte.
Ich fühlte mich überlegen. Ich hatte es geschafft, sie aufzuspüren. Doch ihr blieb keine Zeit sich mit ihrer Niederlage zu beschäftigen, denn innerhalb weniger Sekunden hatte ich sie mit dem Staubsauger eingesaugt.
Stolz und mit dem grenzenlosen Gefühl von Sicherheit setzte ich mich an den Tisch und begann zu schreiben.
Doch mit einem Mal bekam ich einen Einfall. Spinnen hängen doch gerne auf den Kopf. Diese Eigenschaft erinnert mich irgendwie an Fledermäuse (die nebenbei bemerkt auch keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würden).
Was, wenn die Spinnen es sich auch direkt unter der Tischplatte gemütlich gemacht haben? Dort, wo ich sie bei einem kurzen Blick unter den Tisch gar nicht gesehen haben konnte?
Ich musste sofort nachschauen. Wir hatte ich nur so naiv sein können? Spinnen sind doch nicht dumm!
Und ich hatte recht! Ganz hinten in der Ecke hing noch ein Weberknecht. Der Staubsauger war noch nicht weggeräumt und so war auch das Exemplar schnell in der Staubtüte verschwunden.
Ich machte mich wieder an meinen Text und versuchte meinen Ekel abzuschütteln.
Gut, Maren. Das hast du wirklich sehr gut gemeistert. Aber jetz geh noch mal alle Möglichkeiten durch. Hast du überall nachgesehen?
Und dann war mir klar: Spinnen konnten auf beiden Seiten der Tischplatte hängen. Links hatte ich nachgeschaut. Doch wie sah es rechts aus? Wer weiß schon, wieviele dieser Viehcher sich während der Renovierungsarbeiten verstecken konnten.
Langsam rollte ich mit dem Stuhl zurück um besser und vor allem in größerer Entfernung einen kurzen letzten Blick unter den Tisch zu werfen.
Und was musste ich. auf der rechten Seite, entdecken?
Ein böser, fieser und widerwertiger Weberknecht, der mich in aller Ruhe anstarrte. Ich wollte ihn totschlagen, ihn abmurksen, ihn um die Strecke bringen. Ich war so wütend.
Doch ich wollte ihn nicht anfassen und so fand er den gleichen Tod wie seine Vorgänger.
Wer denkt, dass die Geschichte an dieser Stelle überstanden und vorbei ist, wer meint, er könnte aufatmen und sich wieder den schönen Dingen des Lebens widmen, der hat sich geschnitten.
Denn an dieser Stelle ist noch nichts überstanden.
Heute Morgen wollte ich meine E-Mails checken. Natürlich stand der Laptop auch zu diesem Zeitpunkt auf dem besagten Schreibtisch. Ich setzte mich. Und dachte über das gestrige Erlebnis nach.
Könnte es denn sein, dass noch eine vierte Spinne auftaucht?
Nein, das war paranoid. Ich sollte mich etwas beruhigen und mich auf andere Dinge konzentrieren.
...
Andererseits sollte man seine paranoiden Vorstellungen manches Mal auch zulassen und sich Gewissheit verschaffen. Nur um dann festzustellen, dass die Phantasie mit einem durchgegangen ist und daraus für die Zukunft zu lernen.
Also beugte ich mich runter und schaute mir die Platte genau an. Ich brauchte nicht lang um das dreiste Tier zu finden. An der gleichen Stelle wie Weberknecht Nummer zwei hing es kopfüber unter dem Tisch.
Der Staubsauger bleibt so lange in Reichweite bis das Problem überstanden ist...
Und ich werde jetzt in die sichere Küche verschwinden.


