Obwohl ich sehr gerne Gedichte lese, tat es mir in der Seele weh, wenn ich sie im Deutschunterricht interpretieren musste.
Es war zwar interessant, die Formulierungen und Reime genauer anzuschauen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich den Gedichten die Tiefe wegnehme, wenn ich sie in ihre Bestandteile zerlege und mir für jedes einzelne Wort eine Erklärung überlege.
Wenn man so systematisch an eine Gedichtinterpretation herangeht wie ich ich es in der Schule gelernt habe, kann das Gedicht sich nicht mehr entfalten. Es ist eingesperrt, hat einen Anfang und ein Ende, genau wie seine Interpretation.
Gestern Abend dachte ich über das Gedicht "Der Erlkönig" nach. In der Mittelstufe musste ich eine Arbeit darüber schreiben und bekam eine vier dafür. Unter anderem aus dem Grund, dass ich vorausgesetzt hatte, dass der Erlkönig den Tod symbolisiert.
Es ist wohl eins der Gedichte, die fast jeder in der Schule durchgekaut und deswegen satt hat, ähnlich wie "Die Bürgschaft" oder "Die Loreley".
Aber gerade weil der Lehrer meine Interpretation so unpassend und schlecht fand, blieb mir das Gedicht aus Trotz gut in Erinnerung:
ErlkönigWer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
-Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?
-Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
-Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?
-Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.
«Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
(Johann Wolfgang Goethe)