Monday, December 25, 2006

Unterordnung

Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich ein tierliebender Mensch wäre.
Zumindest würde ich mir keinen Aufkleber mit dem Satz "Ich bremse auch für Tiere" auf mein Auto kleben und ich schätze, dass ich sogar herzlos genug wäre, die Tiere zu essen, denen ich vorher einen Namen gegeben habe.
Außerdem habe ich vor den meisten Tieren Angst. Einen anderen Teil finde ich ekelig. Und es bleibt ein kleiner Rest, den ich mit dem Attribut "niedlich" versehen würde, dessen Anzahl allerdings verschwindend gering ist.
Und die Tiere dieser Kategorie anzufassen, kostet mich ziemliche Überwindung.

Um so erstaunlicher ist es, dass ich mir vor einer Woche freiwillig fünf Minuten einer Tierreportage angesehen habe.

Es ging um ein Pavianrudel, das gerade Nachwuchs bekommen hatte. Tragischerweise wurden die Jungen von Zecken befallen. Da die Blutsauger sich vor allem im Gesicht annisteten, konnten die Affen bald nicht mehr trinken und wurden immer kraftloser. In kürzester Zeit starben die Tierjungen.
Doch damit konnten sich die Leitweibchen nicht abfinden.
Ihre Strategie war einfach.
Sie gingen zu den niederen Weibchen und nahmen ihnen die Kinder weg.
Das Problem war nur, dass ihr Körper jetzt, wo sie keine leiblichen Jungen mehr hatten, keine Milch mehr produzierte und sie die Affen nicht mehr füttern konnten.
Die wahren Mütter, die ganz unten in der Rangordnung standen, versuchten zwar die Nähe zu ihren Jungen zu behalten, streckten aber nie ihre Hand nach ihnen aus.
Die Unterordnung wog schwerer als der Mutterinstinkt.
So starben auch diese Jungen.
Innerhalb von 1 1/2 Jahren war das Rudel ausgestorben.

Wednesday, December 20, 2006

Langeweile

Dieser Beitrag wird dem Namen meines Blogs alle Ehre machen.

Am Montag morgen wachte ich auf. Man könnte sagen: wie jeden Morgen.
Der Wecker klingelte um viertel vor sieben und nervte mich mit dem gleichen Lied wie schon Monate zuvor.
Ebenfalls wie jeden Morgen drückte ich routiniert ein Mal links, ein Mal rechts und dann wieder links auf das Handy um die Schlummerfunktion zu aktivieren.
Dieser Vorgang wiederholte sich nun weitere zwei Male bis es drei nach sieben und Zeit zum Aufstehen war.

Es gibt Tage, an denen man aufwacht, und sich schon früh morgens auf etwas freuen kann. Sei es, dass es etwas leckeres zum Frühstück gibt (was bei immer ein ausschlaggebender Faktor ist, knurrt mein Bauch schon bevor der Wecker ans klingeln denkt) oder dass man nette Leute wiedersieht.
Dann gibt es widerum Tage, an denen man so viel frustrierende Dinge zu tun hat, dass das Aufstehen zur reinen Qual wird und die Pflichten vom warmen und kuscheligen Bett aus so scheinen, als wären sie niemals zu bewältigen.

An diesem Morgen war alles anders.
In Gedanken ging ich den Tagesablauf durch. Montags hatte ich eigentlich relativ interessante Fächer. In der ersten und letzten Stunde würde ich nur Referate hören und im Mittelblock gab es eine Arbeit, für die ich mich relativ gut vorbereitet fühlte. Dazu mochte ich das Fach.
Auch Nachmittags gab es nichts, was mich irgendwie störte.
Es gab also keinen Grund, nicht aufzustehen.

Doch dann fiel es mir siedend heiß ein.
Direkt nach dem Aufstehen, musste ich ins Bad. Zähneputzen, mich waschen... eben das tun, was ich jeden Morgen im Bad tun musste.
Anschließend würde ich mich Anziehen, mich föhnen... und dann frühstücken.

Und mit einem Mal war ich so gelangweilt von diesem routinierten Dasein.
Wie konnte ich nur damit leben, jeden Morgen das Gleiche tun zu müssen.
365 Tage im Jahr gab es für diesen Tagespunkt keine Abwechslung. Und im Schaltjahr kam noch ein Tag drauf!
Ich lag im Bett und war so deprimiert.
Mein ganzes Leben ödete mich an.
Und dazu gab es keinen Ausweg aus der Misere.

Dies soll kein Aufruf sein, meine Symptome eine Krankheitsbild zuzuordnen. Ich leide weder unter dem Burn-Out-Syndrom noch bahnen sich Depressionen an.

Ich war einfach nur gelangweilt.

Sunday, December 17, 2006

Das Zahlenspiel

Das Zahlenspiel

Welch Mysterium, welche Macht sich hinter diesem Begriff verbirgt, lässt sich noch kaum erahnen. Noch sehe ich die unbeeindruckten Blicke meiner Leser vor mir und höre sie sich selbst gelangweilt fragen, mit welchem sinnlosen Beitrag ich heute ihre kostbare Zeit verschwende.
Ich wage es kaum, diese Worte niederzuschreiben.

In Harry Potter wird von dem personifizierten Bösen Voldemort nur mit dem Satz „Du-Weißt-Schon-Wer“ gesprochen aus Angst, dass die bloße Nennung des Namens die ganze schreckliche Macht entfesseln könnte.
Und so beschränke auch ich mich in diesem Beitrag auf den simplen Begriff „Das Zahlenspiel“.


Alles begann ganz harmlos. Während andere sich im Unterricht mit zeichnen oder Briefchen schreiben beschäftigen, schmierte meine Sitznachbarin einen Zettel nach dem anderen mit Zahlen voll, die sie scheinbar willkürlich wieder durchstrich. Eine clevere Art seinem Unvermögen Ausdruck zu verleihen, dachte ich mir.
Nach einigen Tagen begann mich diese stupide und konzentrierte Arbeit derart zu nerven, dass ich der Sache auf den Grund gehen wollte.
Also ließ ich mir dieses Spiel erklären.

Man schreibt die Zahlen von 1-18 (die zehn wird ausgelassen) folgendermaßen auf einen karierten Zettel:

123456789

111213141

5161718

Dann streicht man alle gleichen Zahlen oder die, die zusammen zehn ergeben. Diese Zahlen müssen entweder nebeneinander oder übereinander stehen. Dabei stehen die erste und die letzte Zahl sozusagen nebeneinander.

Gibt es nichts mehr zu streichen, schreibt man alle übrig gebliebenen Zahlen in der jetzt entstandenen Reihenfolge wieder auf und spielt genauso weiter.


Ein recht simples System, dachte ich mir und probierte es unschuldig und nichts ahnend aus.
Es war erstaunlich, wie schnell dieses Spiel einen Sinn ergab. Wie es Schulstunden mit einem Inhalt füllte, deren Wert man wochenlang trotz Anstrengung nicht erkannt hatte. Wie es Zeiten überbrücken konnte, deren Länge manches Mal qualvolle Ausmaße annahm, gegen die man nicht anzukommen schien.
Die Zeit der zermürbenden Langeweile hatte ein Ende genommen.
Man begann sich auf den Unterricht zu freuen.

Die Begeisterung schwappte schnell über. Schon bald waren wir nicht mehr die einzigen, deren Ordner mit Zahlenblöcken gefüllt waren und die sich eigens für diese Aktivität ein Spielheft zugelegt hatten.
Noch schien alles wie eine harmlose Freizeitbeschäftigung, wie ein unschuldiger Spaß. Wir waren wie Kinder, die ein neues Stofftier geschenkt bekommen hatten und ihm jede freie Minute unserer Zeit widmeten. Wochen voller Freude und Unbeschwertheit.

Doch schon bald spürte ich eine Veränderung. Mein Kopf war während der Schulstunden nur noch über meine Hefte gebeugt. Es fiel mir schwer, die Lehrer während des Unterrichts anzuschauen, hatte ich doch eine viel interessantere Arbeit gefunden.

Abends im Bett hatte ich Zahlen vor Augen, strich imaginär doppelte Ziffern weg und spielte einfach ohne Papier und Stift weiter.
Anfangs verglich ich es noch mit Computerspielen. Wenn ich als Kind zu lange mit Tetris beschäftigt hatte, schwirrten nachts bunte Steinchen vor meinem geistigen Auge entlang und ich konnte nicht schlafen, wenn die Formen nicht zueinander passten.
Ich hatte mich lediglich ein wenig in meine Aktivität reingesteigert, sah aber noch keinen Anlass, ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen.

Doch ich merkte bald, dass mich das Spiel aggressiv machte. Wenn die Zahlen anders waren als ich es mir wünschte, wurde ich sauer. Ich entwickelte einen unbändigen Zwang, immer weiter zu spielen bis es wieder Spaß machte. Geübt schrieb ich eine Zahl nach der anderen, strich wieder durch und füllte Seite um Seite in meinem Block.

Ich fühlte mich wie Herr B. in der Schachnovelle, dessen einzige Beschäftigung, während seiner isolierten Haft, darin bestand, ein geklautes Buch durchzulesen, in dem verschiedene Schachzüge von großen Spieler aufgeführt waren. Ein Schachspiel nach dem anderen ging er im Kopf durch, lernte Strategien auswendig, überlegte neue und übertrug sein ganzes Dasein auf die Umgebung eines Schachbretts. Zum Schluss lebte er mit zwei Persönlichkeiten: Ich-Weiß und Ich-Schwarz.

Doch wie schön, dass dieser Vergleich hinkt. Im Gegensatz zu Schach ist es weder kompliziert noch erfordert es volle Konzentration. Es lässt sich viel mehr mit Packman vergleichen und macht auch den gleichen Spaß.
Als Resümee lässt sich also festhalten: Sehr empfehlenswert!


Tuesday, December 05, 2006

Dylan Thomas

Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Monday, December 04, 2006

Der Panther

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)