Friday, June 30, 2006

Fußballeuphorie

Als Brasilien gegen Japan gespielt hat, war ich mit ein paar Leuten in Dortmund um das Spiel dort anzusehen.
Auf der Rückfahrt saßen wir in einem überfüllten Abteil mit eingefleischten Fußballfans und doppelt so viel Bierdosen. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, begleitet von einer wachsenden Anspannung, die durch einen aggressiven Hooligan ausgelöst wurde.
Mit einem Mal stand der Schaffner vor uns. Erwartungsvoll schaute er in die Runde.
Hatte er etwas gesagt? Bestimmt hatte er etwas gesagt.
Unberirrt ließ er seinen Blick von einem Fahrgast zum nächsten schweifen.
Wir sahen uns verwirrt um. Versuchten in den Blicken der anderen die gleiche Ahnungslosigkeit, die man selber verspürte, wiederzufinden.
Und er schaute weiter.
Hatte er nach den Fahrausweisen gefragt?
Mit einem Mal begann alle gleichzeitig laut zu klatschen, Jubelrufe ertönten, wir pfiffen und stampften begeistert auf den Boden!
"JA!! Genau! SO bin ich das gewohnt!" grinste der Schaffner, schlenderte durch den Gang und verschwand im Fahrerhäuschen.

Thursday, June 29, 2006

Kopfrechnen

Ich arbeite mal wieder in der Fabrik. Das heißt, ich sitze von sechs bis viertel nach zwei an einer Maschine und schweiße per Knopfdruck Schlösser zusammen. Ein sehr spannende und anspruchsvolle Arbeit, die die volle Konzentration in Anspruch nimmt, so dass Musik hören oder andere Ablenkungen strengstens untersagt sind.

Montag bekam ich den Auftrag 10.000 Schlösser zu schweißen.
Heute um elf kam mein Chef zu mir:
"Wie viele musst du noch?"
"180!"
"Wie viele?"
"Einhunderachtzig!" wiederhole ich, jede Silbe betonend.
"Ah!"

Ein paar Minuten später steht er neben mir und schaut angestrengt auf den Zähler.
"120 musst du noch machen!"
Ich bin verwirrt. "Ja. Hab ich doch vorhin gesagat. Da musste ich noch 180 machen."
"Ach. HUNDERT achtzig! Ich habe nur achtzig verstanden. Du hast nur achtzig gesagt!"
"Nein, hab ich nicht. Das bißchen Kopfrechnen schaffe ich dann doch noch."
"Du hast achtzig gesagt."
Ich verdreh die Augen und mache weiter.

Ganz aufgebracht schaut sich mein Chef um. Mit einem breiten Grinsen ruft er die andere Aushilfe zu sich und beginnt lachend zu erzählen: "Guck mal Thomas! Ich frag sie, wieviel sie noch machen muss und sie sagt 80. Und dann schaue ich gerade auf den Zähler und es sind noch HUNDERTachzig! Frauen und Mathe, ne?"

Richtig. Wie hatte ich auch nur annehmen können, dass mein Chef sich verhört hat.

Sunday, June 25, 2006

Spinne Teil III

Ich gebe es zu.
Das Thema nervt.
Mich auch.

Aber jetzt habe ich damit angefangen und muss die Suppe, die ich mir damit eingebrockt habe, auslöffeln. Bis auf den letzten Tropfen. Und nebenbei bemerkt schmeckt sie nicht.

Die Spinne, die ich schon längst für tot gehalten habe, saß letzte Woche seelenruhig vor dem Kühlschrank in der Sonne und grinste über beide Ohren als sie mich entdeckte. Und ich sage euch, wenn diese Viecher Zungen haben, hat sie mir ihre rausgestreckt.

Routiniert lief ich zurück zum Wandschrank, holte den Staubsauger und setzte meinen bösen Ich-Habe-Mit-Niemanden-Mitleid-Blick auf. Entschlossen drückte ich auf den Auslöser und zielte mit der Waffe auf mein Opfer.

Und dann war mir klar, wieso sie immer noch lebte.
Der Sog vom Staubsauger war so schwach und die Spinne so durchtrainiert, dass sie mühelos dagegen ankam und sich unter dem Kühlschrank verstecken konnte.

Was konnte ich da noch bewirken?
Bei der Gelegenheit habe ich dann auch feststellen können, dass es sich bei dem Tier um ein Weibchen handelt, das schon Kinder auf die Welt gesetzt hat.

Wednesday, June 07, 2006

Spinne Teil II

Da war sie wieder. Am gleichen Platz, an dem ich das letzte Mal beinahe einen Mord begangen hätte. Tage und Nächte hatte mich die Sache nicht in Ruhe gelassen. Jeder Schritt durch meine Wohnung ließ mich nervös die Wände mit meinen Blicken abtasten. Aber das sollte jetzt ein Ende haben.
Mit ein paar Sätzen war ich am Schrank, kramte den Staubsauger raus (diesmal blieb alles andere drin liegen) und schloss ihn an.
Die konnte ihr blaues Wunder erleben, dachte ich mir und schlich langsam zurück. Bloß keinen Lärm machen, nicht unnötig auffallend verhalten, sagte ich mir immer wieder lautlos vor.
Haben Spinnen überhaupt Ohren? Ich meine, die haben einen so kleinen Körper, dass dafür eigentlich nicht genug Platz sein könnte. Aber sicher ist sicher. Andere Tiere können Bewegungen schließlich auch durch Schwingungen aufnehmen.
Und dann ging alles ganz schnell. Schwungvoll richtete ich den Sauger auf das Tierchen und konnte gerade noch sehen, wie sich der Körper vom Kühlschrank löste.
Ich hatte sie! Har har! Endlich musste ich mich in der Küche nicht mehr umsehen bevor ich mich ganz sicher fühlen konnte! Völlig sorglos würde ich mich durch die Räume (es sind ja so viele) bewegen können!
Doch dann musste ich an die Horrorgeschichte denken, in der eine Spinne einfach wieder aus dem Rohr rausgekrabbelt kam, nachdem sie für tot gehalten wurde.
Ich durfte kein Risiko eingehen. Also saugte ich mal wieder meine gesamte Wohnung und hoffte, dass der ganze angesammelte Staub das Tier ersticken würde.
Doch dummerweise hatte ich meine beiden Socken übersehen, die ich zuvor achtlos auf den Boden geworfen hatte.
Wer hätte gedacht, dass mein Staubsauger so viel Energie hat? Mit einem Mal war sie im Rohr verschwunden und nicht mehr zu sehen.
Ich war so erschrocken, dass ich gar nicht wusste, was ich als erstes machen sollte. Verwirrt schaute ich mich um als hätte ich Angst bei der Aktion beobachten worden zu sein.
Dann entschied ich mich noch schnell die Spinne von der Decke zu beseitigen (die ich, nebenbei bemerkt, auch für tot gehalten habe) und schaltete den Sauger aus.
Eigentlich könnte ich den Strumpf ohne Probleme aus dem Sauger herausholen. Aber wenn ich die toten Spinnen in der Mülltüte mit den dazugehörigen Beinchen multipliziere, erscheint mir diese Möglichkeit nicht gerade erstrebenswert. Nichtmal, wenn ich darüber nachdenke, dass manchen Spinnen ein oder zwei Beine fehlen.
Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als über diesen Verlust hinweg zu sehen...

Thursday, June 01, 2006

Bestattungsunternehmen

Hier das Anspiel vom letzten Jugendabend am Bleiberg:

Bestattungsunternehmen Pietät 2000 und Söhne

(junge Frau betritt ein Geschäft, Mann, übermotiviert, kommt hinter seinem Schreibtisch hervor)

Mann (reicht ihr die Hand): Guten Tag!
Frau: Tag!
Mann: Was kann ich für Sie tun?
Frau: Ja, wissen Sie… ich habe ihren Werbespot gesehen. Und ich denke, es wird Zeit, meinen Tod vorzubereiten.
Mann: Ja, gerne. Dann kommen Sie doch mal mit zu meinem Tisch. Dort kann ich Ihnen einige Alben mit Bildern zeigen damit Sie mal einen kleinen Einblick bekommen, wie so eine Veranstaltung aussehen kann.

(Mann und Frau gehen zum Tisch, Frau bekommt einen Stuhl angeboten)

Mann: Anfangen sollten wir vielleicht mit der Frage, für welche Todesart Sie sich entschieden haben. Haben Sie schon genaue Vorstellungen?
Frau: Ach, das Angebot ist ja so vielfältig. Noch bin ich mir ein wenig unsicher. Aber ich habe mich schon gut informiert und denke, dass ich mich innerhalb der nächsten Tage festlegen kann. Für meinen Todestag habe ich aber den Sommer 2070 ausgesucht. Und zwar den 28. Juli
Mann: Sehr guter Termin. Es ist immer schön, wenn unsere Kunden wissen, was sie wollen. Sie scheinen entscheidungsfreudig zu sein!
Trotzdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass wir unseren Kunden die Möglichkeit anbieten, ihren Tod nach vorne oder hinten zu verschieben. Dann könnten Sie eine der begehrten Schnapszahl haben. Z.B. der 07.07. Oder der 08.08. So was prägt sich besser ein.
Frau: Nein danke, der Termin ist schon gut so. Meine Uroma hat schon dieses Datum ausgewählt. Und anschließend meine Oma und meine Mutter.
Mann (fängt an Stichpunkte zu notieren): Sehr schön.
Möchten Sie denn unter der Erde begraben werden? Oder reizt Sie die Feuer- oder Seebestattung mehr?
Frau: Ach, meine Familie hat da so eine Tradition. Wir werden alle ganz klassisch begraben. Mir wurde auch schon ein Platz neben den anderen reserviert.
Mann: Wie sieht es mit dem Sarg aus? Haben sie sich darüber schon Gedanken gemacht?
Frau (etwas unsicher): Ehrlich gesagt nicht.

(Mann steht auf und holt einen Ordner)

Mann: Das macht überhaupt nichts. Ich zeige Ihnen einfach mal ein paar Möglichkeiten.
Mann: Ganz klassisch hätten wir Kiefer im Angebot, Eiche, Pappel. Etwas nobler und kostenspieliger Marmor… Neuerdings gibt es sogar Särge aus Pappe. Oder möchten Sie vielleicht etwas von einem Künstler? Sehr gefragt ist Mario Crématorio – der Picasso unter den Särgedesignern.
Frau: Puh. Das ist schwer, sich jetzt so schnell zu entscheiden.
Mann: Das ist richtig. Aber ich kann Ihnen einfach einige Prospekte mit Informationen mitgeben und sie überlegen sich das noch mal in aller Ruhe. Bis dahin bleibt uns ja Gott sei Dank noch ein wenig Zeit. Aber man ist immer gut bedient, wenn man sich schnell um alles kümmert. Die Nachfrage nach der perfekten Beerdigung wird immer größer.
(Gibt ihr ein paar Hefte)
Gehen wir doch jetzt einfach weiter zu der Veranstaltung an sich.
Bei der Wetterbestellung müssen wir immer früh dran sein um das Richtige geschickt zu bekommen. Da haben wir schon Geschichten erlebt. Welche Jahreszeit bevorzugen Sie denn? Ich geh von Sonnenschein aus?
Frau: Ja, genau. Sommer wäre super. Aber es sollte nicht zu heiß sein. Die Trauergäste sollten in ihrer schwarzen Garderobe nicht all zu sehr schwitzen müssen. Das zieht die Sonne ja so furchtbar an. Vielleicht so um die 24 Grad und ganz hell. Keine Wolken.
Und wenn es ginge mit ein paar bunten Vögeln auf dem Friedhof. Ich kenn mich in der Tierwelt nicht so gut aus. Aber möglichst farbenfroh, fänd` ich schön. Vielleicht zu etwas in Richtung Pfau. Oder Kolibri.
Mann: Gut, das lässt sich einrichten. Wird notiert.
Wie steht es denn mit Musik? Haben Sie bestimmte Vorlieben? Irgendwelche Lieblingslieder?
Frau: Oh, darüber habe ich ja noch gar nicht nachgedacht. Das müsste ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen.
Mann: Ja, das ist kein Problem. Lassen Sie sich ruhig Zeit mit allen Entscheidungen. Sie sollen schließlich nichts bereuen.
Trotzdem möchte ich Ihnen nicht verschweigen, dass wir wirklich begnadete Musiker beschäftigen, die auch sehr gerne für jeden unserer Kunden ein eigenes Stück komponieren. Ganz auf Sie zugeschnitten. Und selbstverständlich dürfen Sie von der Tonart bis hin zum Text bei allen Entscheidungen mitmischen.
Aber gut, über die Einzelheiten müssen wir uns gleich noch ausführlicher unterhalten. Ich hätte da auch noch einen kleinen Fragebogen, über bestimmte Vorlieben – da geht’s um Lichtverhältnisse, ob sie eher der Frühlings- oder Herbsttyp sind. Wie lange sie in der Kühltruhe gelagert werden möchten und von welchen Tieren ihr Leichnam abgebaut werden soll. Auf Wunsch haben wir von Mikrobakterien über Mehlwürmer bis hin zu Maden alles da. Und was den Sarg angeht haben wir extra für diesen Zweck eine besonders resistente Art der Holzwürmer angezüchtet. Außerdem gibt es seit Neustem auch eine Art Aceton-Peroxid Gas im Angebot. Das ist der letzte Schrei. Garantiert umweltfreundlich und chemiefrei.
(gibt der Frau den Zettel)
Frau: Ja, danke.
Mann: Aber jetzt sollten wir noch schnell den letzten Punkt abhaken.
Der Redner muss wissen, wo Sie nach dem Tod gerne hinkommen möchten, um seine Trauerrede darauf aufbauen zu können.
Frau (super interessiert): Okay, das klingt interessant.
Mann: Sie haben hier die Möglichkeit einen Platz im Jenseits zu kaufen. Wir haben viele Anfragen und die Plätze sind je nach Vorlieben begrenzt.
Frau: Ja, was gibt es denn da so im Angebot?
Mann: Wir hätten einmal die klassisch christliche Variante mit der Vorstellung eines Paradieses und der Hölle – wobei Sie sich vermutlich eher für das Paradies entscheiden sollten.
Dann die buddhistische Reinkarnation, bei der sie die Möglichkeit haben als Tier oder als ein anderer Mensch noch mal ganz woanders wiedergeboren zu werden. Dabei sollten Sie aber beachten, dass Sie nur als Mann nach dem Tod die Chance bekommen ins Nirvana zu kommen.
Aber wir geben unseren Kunden da auch gerne noch mal eine Übersicht mit, welche Tiere ein – sagen wir mal – eher angenehmeres Leben verbringen (da wäre beispielsweise das Faultier anzubieten) und was einem nicht zu raten wäre, wie die Eintagsfliege. Aber bei allen gibt es Vor- und Nachteile, die aber selbstverständlich auch alle aufgeführt sind.
Dann könnten Sie den atheistischen Glauben übernehmen. Das heißt, es wird mit ihnen nach dem Tod rein gar nichts passieren. Und nebenbei bemerkt: das ist eine recht beliebte Variante, weil sie sehr bequem ist.
Begrenzt ist der Platz bei den Zeugen Jehovas. Da würden Sie ebenfalls in eine Art Himmel kommen, sollten sich aber schnell als Mitglied registrieren lassen, weil nur 144.000 einen Platz bekommen können.
Und weiter gibt es noch die…
Frau (unterbricht): Ja, das ist jetzt gar nicht so einfach. Ziemlich viel. Haben Sie denn dazu auch noch eine Liste?
Mann: Ja natürlich. Es gibt auch noch einige andere Möglichkeiten und für einen kleinen Aufpreis sind wir auch gerne bereit, einzelne Punkte ihren Vorstellungen entsprechend abzuwandeln.
(gibt ihr den Zettel in die Hand)
Mann: Und noch ein kleiner Geheimtipp. Wir sind gerne bereit, die Veranstaltung aufzuzeichnen und Ihnen anschließend ein Video zukommen zu lassen. Solche unvergesslichen Momente sollten nicht verloren gehen.
(Frau schaut sich die Zettel an)
Ja, ich würde vorschlagen, Sie setzten sich einfach mal hin, ich bringe Ihnen einen Kaffee und sie füllen ganz in Ruhe die Bögen aus. Und ich verspreche Ihnen, ihre Beerdigung wird für sie keine Enttäuschung sein!
(Frau setzt sich, fängt an zu schreiben, Ende.)