Saturday, April 29, 2006

Geometrie

Mehrere Zufälle hatten es ergeben, dass ich gestern völlig unerwartet eine E-Mail von einem Fotografen in meinem Posteingang fand, mit der Frage, ob ich nicht Bilder von mir schießen lassen wollte. Selbstverständlich nackt. Und um jetzt auch alle Unklarheiten zu beseitigen, möchte ich euch seine Vorstellungen von der ganzen Angelegenheit zitieren (denn zugegebenermaßen hätte ich es nicht besser ausdrücken können):

"eigentlich sollten Unterschenkel und Nase Stirn eine Linie Bilden die bei einem Quadratischen Bildschnitt dann eine Diagonale ergeben, Von der Fußspitzezum Po und Boden ein Linie, die mit dem Boden rücken ein Rechtwinkliges Dreieck bildet, Oberschenkel und Unterschenkel wiederum sollten denEindruck eines Gleichschenkligen Dreiecks ergeben."

Noch Fragen?

Übrigens habe ich abgelehnt.


Thursday, April 27, 2006

Schmetterling


Stirb Schmetterling, stirb

Kleines hilfloses Geschöpf,
kreischst schrill, schweigst still.
Friert's dich? Du frisst mich!
Träum von dir die ganze Nacht.

Schütze mich, pflege mich, hege mich.
Farbenfrohes Wesen, kleiner Akrobat.
Quält's dich? Du tötest mich.
Kraftloser Flattermann.

Stirb doch endlich, stirb.
Empfindliches Insektchen.
Flieg doch davon. Wenn du kannst.
Hasse dich, wein um dich.
Stirb Schmetterling, stirb.

Tuesday, April 25, 2006

Alptraum: Zähne

Ein Serienmörder treibte sein Unwesen. Und das in Wülfrath. Es war schon länger bekannt, die Polizei suchte vergeblich und täglich berichtete die Presse von mysteriösen und angsteinflößenden Begebenheiten.
Sein Markenzeichen: er hackte beim völligen Bewusstsein der Opfer ihre Gebisse heraus und sammelte sie als Andenken.
Das Grauen entsetzte die ganze Stadt. Wer würde der nächste sein?
Es war nachmittags, wir waren auf dem Weg zu einer städtischen Veranstaltung als ich an unserem Garten vorbei kam. Da lag es. Ein künstliches Gebiss. Rotes Zahnfleisch, schneeweiße Zähne.
Ich begriff sofort. Das nächste Opfer sollte ich sein. Es gab keinerlei Zweifel.
Eine unbeschreibliche Angst erfüllte mich. Wir konnte das sein? Wieso hatte er gerade mich ausgesucht?
In völliger Panik rannte ich zu meinen Geschwistern um nicht allein sein zu müssen. Der Kerl sollte keine Chance haben, an mich ran zu kommen. Wenn ich mich nur immer in ihrer Nähe aufhielte, könnte doch gar nichts passieren.
Doch sie glaubten mir kein Wort. Fanden es lächerlich. Albern. Auch das Gebiss schien nichts zu beweisen. Ich redetete mir nur wieder was ein... Völliger Blödsinn.
Und waren verschwunden.

Sieben Uhr, der Wecker ging.


Obdachlose

Diesmal waren es keine Umfragen. Meine einzige Aufgabe bestand darin, vier Tage lang durch verschiedene Städte zu gurken und Fotos von Handywerbung zu machen.
Der zweite Tag sollte Düsseldorf sein. Kein Problem, dachte ich mir, und nachdem ich die Uni und Bahnhöfe hinter mir hatte, steuerte ich die Friedrichstraße an.
Der Vodafone-Shop und das O2 Geschäft waren schnell gefunden und es fehlte nur der E-Plus Laden den ich in der belebten Fußgänger auch schnell ausfindig machen könnte.
Vor dem Laden hielten sich zwei Obdachlose auf, die eine versuchte ihre Fifty-Fifty Zeitschriften an den Mann zu bringen, der andere saß apathisch auf der Bank.
Obwohl ich mich ein wenig beobachtet fühlte, knipste ich das Schaufenster und die Leuchtreklame, notierte mir die Größe und beurteilte die Auffälligkeit der Werbung und ging weiter.
Doch schon bald war klar, dass nur noch Wohnhäuser kommen würden, so dass ich wieder umdrehte und zum Rückweg ansetzte.
Diesmal stand vor dem E-Plus Laden ein mit Anzug bekleideter Mann, der geschäftig mit seinem Handy telefonierte, während die zwei Obdachlosen aufgebracht gestikulierten und auf ihn einredeten.
"Ja. Fotos hat sie gemacht. Von dem Schild da oben. Und vom Geschäft. Und dann hat sie was aufgeschrieben."
"Ja, und dann ist sie in die Richtung gelaufen." kam es vom anderen, während ich mir meinen Weg durch die drei bahnte.
Ich war beruhigt. Ein Phantombild konnten sie von mir nicht mehr erstellen.

Wednesday, April 12, 2006

Weight Watchers

Vor einigen Wochen war ich mit einer Freundin bei den Weight Watchers. Ein Mal in der Woche besucht sie dort ein Treffen und weil wir uns genau für diesen Tag verabredet hatten, habe ich mich einfach dazu gesellt.

Die Versammlung war im Haus der Kirche. Nachdem man den wöchentlich Beitrag gezahlt hatte (zehn Euro), musste man sich auf die Waage stellen und bekam einen Eintrag in sein eigenes kleines Büchlein, das bei besonderen Leistungen mit kleinen silbernen oder goldenen Sternchen verziert war.
Wir suchten uns in den sechs aufgestellten Stuhlreihen, von denen sich jeweils drei gegenüber standen, einen Platz
Um mich herum saßen fast ausschließlich Senioren und von den schätzungsweise 40 Anwesenden konnte ich nur zwei Männer sehen.
Acht Uhr. Eine - fast schon übermotivierte - Frau stellte sich nach vorn und begrüßte uns mit der Frage: "Was muss ich tun um erfolgreich zu sein?"
Die wirklich naheliegende Antwort kam von allen Seiten wie aus der Pistole geschossen: "Dünn sein." "Gut aussehen." "Abnehmen."
Ich warf einen etwas irritierten Blick zu meiner Freundin. Keine Reaktion.
"Was noch?"
"Ein Ziel vor Augen haben." kam es von ganz hinten. Etwas beruhigter lehnte ich mich wieder zurück.
"Ja, richtig." Ein energiegeladenes Lächeln ließ keinen Zweifel daran, dass sie darauf hinaus wollte. Jetzt musste diese "neue" Tatsache für die Anwesenden anhand einiger lebensnaher Beispiele unterstützt werden und sie fing an, sich an die einzelnen Frauen zu wenden.
Sie pickte sich einige raus, die ihr individuelles Ziel der letzten Woche (z.B. mehr trinken, mehr Eiweiß, mehr Bewegung, weniger Cola....) und das Resultat angeben sollten.
Für jeden Erfolg gab es Applaus, bei fehlgeschlagenen Zielen wurde motiviert oder Tipps gegeben und zwei Mitglieder bekamen sogar Ehrenurkunden.

Es ging weiter. Das Thema der heutigen Sitzung sollte Genuss sein. Ich war gespannt.
Die Frau packte mehrere Tafeln Schokolade aus ihrer Tasche und mein knurrender Bauch begann kleine Luftsprünge zu machen.
(Dazu sollte gesagt sein, dass ein Stück Schokolade als ein Punkt verrechnet wird und man - je nach Gewicht - um die 20 Punkte am Tag zu sich nehmen darf - Gott sei gedankt für meinen Stoffwechsel.)
Jeder durfte sich ein Stück nehmen und es erstmal auf seinen Schoß legen.
"Und jetzt schaut es euch von allen Seiten an." Ich nahm meins zwischen die Finger und musterte die Stellen, an denen die Schokolade gebrochen wurde.
Doch das war vorschnell. "Ohne Hände." Fast schon erschrocken verschwanden alle Hände hinterm Rücken.
"Und jetzt leckt einmal drüber."
Irgendwie ging das bei mir nicht. Das Stück war viel zu kalt um auch nur Bruchstücke des Geschmacks mit der Zunge aufnehmen zu können.
Aber die nächste Anweisung folgte glücklicherweise sofort: "Jetzt beißt ein kleines Stückchen ab und verteilt es mit der Zunge überall im Mund. An Stellen, an denen es sonst niemals hinkommen würde."
Das war ein guter Plan. Hungrig nagte ich an der Schokolade und lutschte sie bis nichts mehr übrig war und der ganze Mund von der Schokoladen-Speichel-Mischung klebte.
Und das gleiche nochmal. Bis wir beim dritten Mal den ganzen Rest auf einmal essen durften.
Und das überraschende Ergebnis? Wenn man Schokolade genießt, hat man viel mehr davon als wenn man sie runterschlingt wie Brot.

Ein lehrreiche Sitzung und da ich schon dabei bin: ich mache mir jetzt Nudeln mit einer ungesunden und fettüberladenen Käsesoße.






Tuesday, April 04, 2006

Senioren

Wie immer stieg ich an der Aprather Bushaltestelle aus, ging die Straße entlang und bog in das Gelände der Diakonie ein. Hinter mir kämpfte ein alter Mann mit einem Gehwagen mit dem Überqueren der Straße. Irgendwie tat er mir leid. Die Strecke von der Haltestelle bis zum Altenheim schien mir immer recht kurz. Doch was für eine Entfernung musste sie darstellen, wenn die Beine nicht mehr wollten und man sich - angewiesen auf Krücken oder Wagen - in der Geschwindigkeit einer Schildkröte bewegte. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich vielleicht helfen sollte, weil es so schwerfällig aussah, wie er mit letzter Kraft das Wägelchen vor sich herschob. Doch ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig daran, dass das Angebot der Hilfe auf die meisten Senioren fast wie eine Beleidung wirkte, weil sie das letzte Stück Selbstständigkeit bewahren wollten.
Längst waren meine Gedanken woanders, als ich hinter mir laute Geräusche hörte. Fast klang es so, als hätte der Mann an Tempo zugenommen. Als würde er rennen. Blödsinniger Gedanke. Gerade noch war er so zerbrechlich, dass ich dachte, er würde beim Überqueren der Straße vom Auto mitgenommen werden und jetzt sollte er fit wie ein Turnschuh durch die Gegend laufen? Quatsch.
Doch der Lärm kam immer näher. Eindeutig. Das waren Räder. Vielleicht auch ein Kind mit einem Roller?
Neugierig drehte ich mich um. Kaum zu glauben. In der Geschwindigkeit, in der ich normalerweise jogge, kam dieser alte Mann mit seinem Gehwagen auf mich zugeflitzt.
Ich beschleunigte meinen Schritt. Bei den verrückten Leuten auf dem Gelände konnte man nicht vorsichtig genug sein.
"Sie! Fräulein! Haben Sie eine Zigarette für mich?" Kam es dann von hinten und schon war der Mann nicht mal mehr zwei Meter von mir entfernt.
"Tut mir leid. Nichtraucher." war meine - zugegebenermaßen etwas verblüffte - Antwort.
"Ach, Nichtraucher... Schade."
Und schon stützte er sich kraftlos auf seinen Wagen und setzte seinen Spaziergang mit der gleichen Gebrechlichkeit wie anfangs fort.