Es begann alles recht harmlos ... Wenn ich Schwierigkeiten habe,
einzuschlafen, bitte ich H. mir etwas zu erzählen. Meistens sagt er dann
"Ich bin müde.", und ich antworte: "Ach, bitte! Nur eine kurze
Geschichte." Dann höre ich ein kurzes missmutiges Brummen, gefolgt von
tiefen Atemzügen und beunruhigender Stille, die mir zeigen soll,
wie
müde er ist.
Scheinbar weiß er mit meiner Aufforderung nichts anzufangen und so versuche
ich es erneut. Da auch ich mich um die abendlichen Uhrzeiten nicht zu verbalen
Höchstleistungen in der Lage sehe, beginne ich mit einem weniger komplexen
Gesprächseinstieg, der sich in etwa so abspielen könnte: "Magst du
Pinguine?"
Dann antwortet er: "Ja, die sind lustig, meine monochrome
Freundin." Und ich bin ganz aufgeregt, weil ich förmlich spüren kann, dass
ich mit meinem Strategiewechsel goldrichtig lag und dass das Ganze in die
richtige Richtung läuft. Doch ich lasse mir nichts anmerken, bleibe ganz ruhig,
und frage weiter: "Und was ist mit Gnus?" Doch dann endet die Unterhaltung
abrupt. Er sagt: "Ich bin müde.", und dreht sich schwerfällig in die
andere Richtung, damit mir nicht entgeht, mit welchen Anstrengungen er
meinetwegen zu später Stunde noch zu kämpfen hat. Ich schätze, dass er auch mit
den Augen rollt. Aber da kann ich mir nicht sicher sein. Es ist ja dunkel.
Dann sagt er, vielleicht, weil er selbst bemerkt hat, wie unhöflich das war:
"Denk doch an was Schönes." Und ich frage: "An was?" Und er
antwortet: "An unseren Urlaub."
Das ist der Punkt, an dem ich merke, dass es keinen Sinn hat, das Gespräch
weiterzuführen.
Doch seinen Rat nehme ich mir zu Herzen, stelle mir vor, wie ich im Meer
schwimme, Fische beobachte, leckeres Essen genieße, einen Sonnenbrand kriege
... Und dann werde ich sanft von den Wellen in den Schlaf gewiegt.
Um dann mitten in der Nacht schweißgebadet aufzuwachen. Anfangs wurde ich
noch von den typischen Alpträumen heimgesucht, die jeden Traumdeuter zu Tode
langweilen würde. Ich vergesse die Reisepässe oder die Flugpapiere, komme nicht
rechtzeitig zum Flughafen oder habe den Abreisetag völlig vergessen. Laut
Bild.de (die die Komplexität dieser Traumart offensichtlich erkannt haben)
fürchte ich, im wahren Leben etwas zu verpassen. Ein Symptom, das weit
verbreitet zu sein scheint und mich nicht weiter beunruhigt.
Doch dann wurden die Träume anders ... - beängstigender.
Traum eins:
H. wollte doch nicht ins Ausland und überredete mich, für ein Wochenende an
die Nordsee zu fahren. Widerwillig stimmte ich zu. Als wir dort ankamen,
stellten wir fest, dass das Meer ganz anders war als wir dachten. Es war grün,
algig, ja, schon fast schlammig. Und höchstens 50 cm tief. H. weigerte sich
unter diesen Umständen ins Wasser zu gehen, während ich mich ein wenig in der
Brühe treiben ließ. Nach ein paar kräftigen Zügen hatte ich mich schon ein
ganzes Stück vom Ufer entfernt. Mit einem Mal überkam mich das Gefühl, dass
sich die Konsistenz des Wassers veränderte. Die Bewegungen fühlten sich viel
schwerer an als zu Anfang. Und tatsächlich: Je weiter ich hinausschwamm, desto
fester wurde das Wasser. Es war fast breiig. Das Schwimmen wurde immer
anstrengender und ich schaute verängstigt zum Ufer hinüber. Mit einem Mal wurde
ich sauer auf H., weil er unbedingt an die Nordsee wollte. In dieses
Schlammgewässer. Und dann blieb er auch noch am Strand. Und noch während ich
mich in meinen Ärger reinsteigerte, konnte ich sehen, wie die ersten Krebse
ihre Köpfe über die Wasseroberfläche streckten. Es sah lustig, wie die kleinen
gepanzerten Tierchen in den Wellen hin- und herschaukelten. Ich schaute mich
neugierig um. Immer mehr Tiere tauchten auf. Doch mit einem Mal wurde mir der
Ernst der Lage bewusst: Ich war umzingelt. Hektisch versuchte ich, mich vom
Grund abzustoßen, doch das Wasser hatte sich in eine betonähnliche Masse
verwandelt und ich steckte fest. Die Krebse kamen näher. Sie schienen sich zu
vervielfältigen - wie Agent Smith. Auch andere Krustentiere waren dazugekommen.
Hummer, Krabben, Phantasiegestalten mit schrecklichen Greifarmen ... Und dann
ging alles ganz schnell. Sie fielen über mich her, krallten sich an mir
fest und rammten mir ihre krustigen Beine in die Haut. Ob ich überlebt habe,
weiß ich nicht.
Traum zwei:
Ich war in Ägypten. Nach einem wunderbaren sonnigen Tag, den ich mit
schnorcheln und schwimmen verbrachte hatte, lag ich im gemütlichen Hotelbett
als ein Angestellter anklopfte. Als ich öffnete, schaute er mich irritiert
an und sagte: "Sie sind noch gar nicht fertig? Sie reisen doch heute Abend
noch ab." Ich begann zu lachen und antwortete: "Ach, was! Ich
bin doch erst seit einem Tag hier." Doch er schüttelte besorgt den Kopf:
"Nein, Sie sind schon seit zwei Wochen da. Ihr Urlaub ist zu Ende."
Ich wurde nervös, war den Tränen nahe. Ich konnte mich nur an den einen Tag
erinnern. Doch auch an der Rezeption konnte man mir keine andere Auskunft
geben. Im Hotel machte man sich über mich lustig, die meisten dachten, ich wäre
verrückt geworden. Und ich selbst dachte das auch.
Zu Hause stellte ich fest, dass ich tatsächlich zwei Wochen unterwegs
gewesen bin. Die Hotelmitarbeiter hatten mich also nicht belogen. Doch ich
konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Also ging ich zum Arzt.
Die Diagnose war schnell erstellt: Ich litt unter der sogenannten
"Urlaubsamnesie".
Heute Abend, wenn ich nicht schlafen kann, werde ich H. fragen, was er von
Krustentieren hält.