Saturday, November 07, 2009
Sunday, November 01, 2009
Kleine Engel
Am Freitag morgen fuhr ich mit dem Zug zu Arbeit. Mit mir stieg eine Schulklasse ein. Laut plärrend suchten sich die etwa sechsjährigen Plätze, schubsten sich gegenseitig weg und quetschten sich zwischen die restlichen Passagiere. In meinen Vierer setzten sich mir gegenüber zwei Mädchen. Schüchtern starrten sie mich an. Die Blonde von beiden spielte mit einer Freunin, die mehrere Plätze weiter saß, ein Spiel, bei dem es darum ging, lustige Bewegungen nachzuahmen. Die Dunkelhaarige blickte finster drein. Fast wirkte sie apathisch. Mit einem Mal rückte sie entnervt näher zu ihrer Klassenkameradin und fasste sich nervös unter die Beine. Sie hatte bemerkt, dass auf ihrem Sitz ein brauner Schmutzfleck war. Unschuldig tippte sie ihrer Freundin auf die Schulter und fragte lieb: "Mira, können wir die Plätze tauschen?"
Skrupellos.
Skrupellos.
Sunday, October 25, 2009
Selbsthilfebuch

Ich hatte mit den römischen Dichtern abgeschlossen. Schon vor etwa sieben Jahren, als ich mit einem bestandenen Latinum, bezeugt in meinem Zeugnis, meine Kompetenzen hinsichtlich der lateinischen Sprache und Literatur endlich in offizieller Form in den Händen hielt. Unser Kurs war klein, wir waren nicht mal zehn Leute und wenn man es genau nimmt, gab es unter uns eine Person, die die grammatischen Formen beherrschte. Wir anderen begnügten uns beim Übersetzen mit lustigem Rätselraten und hatten damit eher mäßigen Erfolg. Besonders gefallen haben mir damals die Metamorphosen von Ovid. Es ist wirklich erstaunlich, wieviel einfacher es ist, einen Text zu übersetzen, dessen Inhalt man schon kennt (und den man sich vorher in deutscher Version aus dem Internet gezogen hat).
Jetzt, in meinem vorletzten Semester - ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet - tauchte mein römischer Freund wieder auf. Mittwoch las ich Ars amatoria - auf deutsch. Es war ein ganz anderes Leseerlebnis als erwartet.
Schon der Titel des ersten Kapitels machte deutlich: Hier geht es um ernste Themen. Denn die Frage lautete: "Wo sind Mädchen zu finden?" Die folgenden Überschriften geben Antworten, denn: "Das Theater", "Zirkus und Arena" oder "Das Gastmahl" sind geeignete Orte, um dem weiblichen Geschlecht nachzustellen. Nachdem diese Frage geklärt wurde, widmet sich der Autor weitaus wichtigeren Problemen, wie "Selbstvertrauen" oder - was mir ja besonders gefiel - "Geschenke und Liebesbriefe". Es folgen eine Reihe Tipps und Tricks, wie ein Mann eine Frau auf besonders charmante Art und Weise für sich gewinnen kann. Dabei wird auch für die Pflege des Mannes ein eigenes Kapitel geschrieben. "Nachlässige Schönheit steht Männern. (...) Die Zunge am Schuh stehe nicht vor, die Zähne seien frei von Belag, und der Fuß schwimme nicht schlotternd in zu weitem Leder. Der Haarschnitt entstelle nicht dein Haar zu Stacheln, Haar und Bart seien von kundiger Hand geschnitten. Laß die Nägel nicht vorstehen, laß sie sauber sein, und aus den Nasenlöchern stehe dir kein Härchen hervor. Auch soll der Mund nicht übel riechen, der Atem nicht widerlich sein, und unter den Achseln soll nicht der stinkende Bock, der Herrr der Ziegenherde, hausen. "
Aber auch bei den Damen hat der Autor ganz genaue Vorstellungen. Mit ihrer Pflege jedoch hat er sich in einem gesonderten Projekt genauer beschäftigt: "Ich habe ein Büchlein geschrieben, in dem ich von euren Schönheitsmitteln gesprochen habe; es ist zwar klein, aber doch groß durch die Sorgfalt, die ich darauf verwendet habe. Sucht euch dort Rat und Hilfe für eure angeschlagene Schönheit." (Ohnehin findet Ovid die meisten Frauen eigentlich eher unansehnlich. Gott sei Dank kann man gegen diese Mängel ja etwas tun).
Die Schönheit spielt auch beim Geschlechtsakt eine Rolle, die er nur in einem kurzen abschließenden Kapitel (selbstverständlich peinlich berührt durch die Notwendigkeit dieses Themas) behandelt. Denn wer kein hübsches Gesicht hat, sollte sich seinem Partner lieber nur von hinten zeigen.
Nebenbei bemerkt ist dieses Buch etwa 2000 Jahre alt.
Ein wenig verunsichert hat mich allerdings das Kapitel: "Gesellschaftspiele", denn darin schreibt er: "Es ist eine Schande, wenn ein Mädchen sich nicht aufs Spielen versteht." Speziell in diesem Bereich musste ich bei mir noch Defizite feststellen, um die ich mich dringend kümmern sollte.
Kseniya Simonova
Hier ein Link zu Trauis Blogbeitrag: Die Gewinnerin der ukrainischen Version der Show: Britain's Got Talent".
Wednesday, October 14, 2009
Blogsperre
Man hat viele Blogs kommen und gehen sehen. Mit Wehmut erinnere ich an "Ein dreckiges Gelb", das schon seinen zweiten Beitrag mit dem Titel "Blog-Ade" überschrieb und seine mangelnde Produktivität mit dem Ideenraub anderer Blogger erklärte. Man hörte nie wieder von ihm.
Eine Weile lief es ganz gut für meinen Blog. Ich schrieb - und blieb. Doch nach und nach wurden die Abstände zwischen den Beiträgen größer. Ich vermied es, die Seite zu öffnen. Zu anklagend war der Anblick des völlig veralteten Artikels, der mir weiß leuchtend vom Monitor aus die Augen blendete. Manchmal dauerte es Wochen bis ich das nächste Mal genug Mut aufbringen konnte, um wieder neu zu schreiben.
Doch dieses Mal waren es Monate. In meinem Kopf habe ich eine hübsche kleine Liste von Themen angefertigt, die einen Blogeintrag wert wären. Titel wie "Der Grabscher", "Hasenpower" und "Die Brücke und die Uhr" warten auf ihren großen Moment.
Doch neulich Nacht hatte ich einen Traum. Ich öffnete Marenslangeweile.blogspot und statt auf den letzten von mir verfassten Eintrag blickte ich auf ein aggressiv leuchtendes Stoppschild, neben dem eine kleine Notiz angebracht war: "Dieser Blog wird in Zukunft wegen mangelnder Pflege gesperrt."
Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Die Erwartungen, die sich vor einem Comeback einstellen, sind groß und werden immer größer je länger man wartet. Und ich wartete noch ein paar Wochen. Kein Thema schien mir angemessen, nichts gut genug.
Doch heute ist der Tag gekommen, an dem ich meine Bescheidenheit wieder gefunden habe. Der Egozentrismus ist besiegt. Denn ich sage mir: "Maren, möglicherweise hat niemand gemerkt, dass dein Blog verkümmert."
Völlig untheatralisch kann ich meinen Blog also mit diesem Beitrag wieder neu zum Leben rufen und ihm zu seiner noch lange nicht erreichten Blüte führen.
Eine Weile lief es ganz gut für meinen Blog. Ich schrieb - und blieb. Doch nach und nach wurden die Abstände zwischen den Beiträgen größer. Ich vermied es, die Seite zu öffnen. Zu anklagend war der Anblick des völlig veralteten Artikels, der mir weiß leuchtend vom Monitor aus die Augen blendete. Manchmal dauerte es Wochen bis ich das nächste Mal genug Mut aufbringen konnte, um wieder neu zu schreiben.
Doch dieses Mal waren es Monate. In meinem Kopf habe ich eine hübsche kleine Liste von Themen angefertigt, die einen Blogeintrag wert wären. Titel wie "Der Grabscher", "Hasenpower" und "Die Brücke und die Uhr" warten auf ihren großen Moment.
Doch neulich Nacht hatte ich einen Traum. Ich öffnete Marenslangeweile.blogspot und statt auf den letzten von mir verfassten Eintrag blickte ich auf ein aggressiv leuchtendes Stoppschild, neben dem eine kleine Notiz angebracht war: "Dieser Blog wird in Zukunft wegen mangelnder Pflege gesperrt."
Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Die Erwartungen, die sich vor einem Comeback einstellen, sind groß und werden immer größer je länger man wartet. Und ich wartete noch ein paar Wochen. Kein Thema schien mir angemessen, nichts gut genug.
Doch heute ist der Tag gekommen, an dem ich meine Bescheidenheit wieder gefunden habe. Der Egozentrismus ist besiegt. Denn ich sage mir: "Maren, möglicherweise hat niemand gemerkt, dass dein Blog verkümmert."
Völlig untheatralisch kann ich meinen Blog also mit diesem Beitrag wieder neu zum Leben rufen und ihm zu seiner noch lange nicht erreichten Blüte führen.
Monday, July 13, 2009
Eli!
Eli!
Mein Gott?
Sein Gott?
Wessen Gott?
Kein Gott?
Der du Eva und Adam
belogen hast
(Nur die Schlange
hat die Wahrheit gesagt
und du hast sie
dafür bestraft
Und du selbst
hattest beide verführt
durch dein Verbot
dieses Baumes)
und sie vertrieben hast
und dann den Kain
aufgebracht hast gegen den Abel
indem du sein Opfer
wegwarfst und Abel erhobst
und zu Kain sprachst von der Sünde
die auf ihn wartete
(wie auf Eva und Adam
der von dir verbotene Baum!)
Wessen Gott bist du?
Kains Gott?
oder keiner?
Wurdest du immer mehr Kain?
mit jedem neuen
von dir geschaffenen
oder geduldeten Mord?
Bist du unstet
und flüchtig geworden?
Bist du gegangen
oder vergangen?
Bist du wirklich gestorben?
Eli! Eli?
"In feiernde Flammen
hoben sie mich gebrennt!
Eli, Eli!
lamah safthani?!"
Bist du wirklich
ein Niemand geworden?
Bist du Niemand?
Oder ist das nur deine List
Niemand zu scheinen
im Bereich
der Ungeheuer heute
(deiner Geschöpfe!)
vielleicht um dich zu retten
von deiner eigenen Schöpfung
so wie Odysseus
der sagte
sein Name sei Niemand
um sich zu retten
aus der Gewalt
des Polyphem?
(Erich Fried)
Mein Gott?
Sein Gott?
Wessen Gott?
Kein Gott?
Der du Eva und Adam
belogen hast
(Nur die Schlange
hat die Wahrheit gesagt
und du hast sie
dafür bestraft
Und du selbst
hattest beide verführt
durch dein Verbot
dieses Baumes)
und sie vertrieben hast
und dann den Kain
aufgebracht hast gegen den Abel
indem du sein Opfer
wegwarfst und Abel erhobst
und zu Kain sprachst von der Sünde
die auf ihn wartete
(wie auf Eva und Adam
der von dir verbotene Baum!)
Wessen Gott bist du?
Kains Gott?
oder keiner?
Wurdest du immer mehr Kain?
mit jedem neuen
von dir geschaffenen
oder geduldeten Mord?
Bist du unstet
und flüchtig geworden?
Bist du gegangen
oder vergangen?
Bist du wirklich gestorben?
Eli! Eli?
"In feiernde Flammen
hoben sie mich gebrennt!
Eli, Eli!
lamah safthani?!"
Bist du wirklich
ein Niemand geworden?
Bist du Niemand?
Oder ist das nur deine List
Niemand zu scheinen
im Bereich
der Ungeheuer heute
(deiner Geschöpfe!)
vielleicht um dich zu retten
von deiner eigenen Schöpfung
so wie Odysseus
der sagte
sein Name sei Niemand
um sich zu retten
aus der Gewalt
des Polyphem?
(Erich Fried)
Sunday, July 12, 2009
Keine Zeit für Abenteuer
Keine Zeit für Abenteuer
Wenn die Enden der Welt die Vorstädte sind
du kennst den Geruch
du rückst die Buchstaben nebeneinander
die öffnen
und gehst hinein
nicht
in Weite
in andere Enge.
Aus deiner Tür
wohin denn?
Wohnst du nicht häuslich
wie jeder
einsam
wie jeder
im Schlund deines Tigers?
Nein, es ist keine Zeit
für Abenteuer.
(Hilde Domin)
Wenn die Enden der Welt die Vorstädte sind
du kennst den Geruch
du rückst die Buchstaben nebeneinander
die öffnen
und gehst hinein
nicht
in Weite
in andere Enge.
Aus deiner Tür
wohin denn?
Wohnst du nicht häuslich
wie jeder
einsam
wie jeder
im Schlund deines Tigers?
Nein, es ist keine Zeit
für Abenteuer.
(Hilde Domin)
Tuesday, June 23, 2009
Schlaflosigkeit
In letzter Zeit schlafe ich sehr unruhig. Neulich Nacht wälzte ich mich wieder von einer Seite auf die andere, wachte ständig auf und war immer wieder von neuem irritiert, wenn ich einen Blick auf die Uhr warf.
Gerade war es fünf. Die Sonne schien schon durch die Vorhänge und ich ärgerte mich darüber, dass ich schon so wach war. Mein Wecker würde erst in zwei Stunden klingeln. Langsam döste ich wieder ein. Ein Kunde betrat den Laden und bestellte zehn Brötchen. Hochkonzentriert zählte ich mit: "eins, zwei, drei... - fast wäre mir eins runter gefallen - vier, fünf..." Ich reichte die Tüte über den Tresen, kassierte ab und legte mich zufrieden wieder ins Bett. "Gut, dass du schon so früh wach bist!" dachte ich mir. "Man weiß ja nie, wann die Kunden kommen."
Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass mir das Wohl der Kunden so sehr am Herzen liegt.
Gerade war es fünf. Die Sonne schien schon durch die Vorhänge und ich ärgerte mich darüber, dass ich schon so wach war. Mein Wecker würde erst in zwei Stunden klingeln. Langsam döste ich wieder ein. Ein Kunde betrat den Laden und bestellte zehn Brötchen. Hochkonzentriert zählte ich mit: "eins, zwei, drei... - fast wäre mir eins runter gefallen - vier, fünf..." Ich reichte die Tüte über den Tresen, kassierte ab und legte mich zufrieden wieder ins Bett. "Gut, dass du schon so früh wach bist!" dachte ich mir. "Man weiß ja nie, wann die Kunden kommen."
Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass mir das Wohl der Kunden so sehr am Herzen liegt.



